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Urban Landscape
20. August 2020

Wie man virtueller Immobilien-Tycoon wird

Ein neues Augmented-Reality-Strategiespiel ermöglicht es, Immobilien aus der realen Welt zu kaufen und zu verkaufen – und zwar für alle, schon immer die Stadt New York, die Oper in Sydney oder den Eiffelturm besitzen wollten. Genützt werden dazu Daten des standortbasierten Empfehlungsdienstes Foursquare

Ausgerechnet während der Wirtschaftskrise Mitte der dreißiger Jahre machte der US-amerikanische Spiele-Hersteller Parker Brothers mit seinem Erfolgsschlager „Monopoly“ enorme Gewinne. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten war es offenbar für viele reizvoll, Immobilien anzuhäufen  – wenn auch nur auf dem Brett –  und die Mitspieler in die Insolvenz zu treiben. Seit Dezember 2008 gibt es für iPhone und iPod Touch die Monopoly-Variante ‚Here and Now‘ und seit November 2009 ebenfalls das Originalspiel. Im Dezember 2010 erschien ‚Monopoly for iPad‘, eine an den 9,7-Zoll-Bildschirm von Apples Tablet-Computer angepasste Version mit sogenanntem Tisch-Modus für bis zu vier Spieler. Über eine Bluetooth- oder WLAN-Verbindung können bis zu drei weitere Spieler an einer Partie teilnehmen.

Wer Spaß dabei hatte, beim Monopoly-Spielen reich zu werden, der könnte an Landlord Go seine Freude haben. Im Unterschied zu den meisten anderen Augmented-Reality-Spielen wie Pokémon Go oder Harry Potter Wizards Unite basiert Landlord Go nicht auf den Daten von Google. Es nutzt dagegen Daten des standortbasierten Empfehlungsdienstes Foursquare. Landlord Go kann weltweit gespielt werden. Es lässt sich also zum Beispiel die Apotheke in der Nachbarschaft kaufen oder die Grundschule nebenan. Man kauft also und kauft ­– und versucht aufzupassen, dass man nicht in einen regelrechten Kaufrausch gerät.

Wer schon immer die Stadt New York, die Oper in Sydney oder den Eiffelturm besitzen wollte, dürfte von dem neuen Spiel begeistert sein. Mit Landlord GO, dem ersten Reality-Strategiespiel mit integrierten Elementen von Geschäftssimulatoren und Handelsspielen, ist es möglich, digitale Immobilien zu kaufen, zu verkaufen und zu tauschen. Dank GPS stehen diese an ihrem tatsächlichen Standort. Eine scheinbar perfekte Business-Illusion: Man kann sein Geld investieren, mit anderen Spielern Handel treiben, mit Freunden um Immobilien konkurrieren und Stück für Stück ein kapitalistisches Imperium aufbauen. Aber aller Anfang ist schwer. Der Spieler startet also mühsam mit dem Kauf von Tante-Emma-Läden in seiner Nachbarschaft, schlägt Profit daraus und investiert solange weiter, bis er die berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Welt übernehmen kann und schließlich sogar ein großer Wirtschaftstycoon wird. Landlord GO bietet, so die Werbung „das ultimative Augmented-Reality-Spiel.“

Man startet mit 50.000 Dollar virtueller Währung und investiert sie in Immobilien in der unmittelbaren Umgebung. Jede Immobilie im Spiel basiert auf seinem realen Äquivalent. Der Anbieter verspricht, dass man auf diese Weise dank realistischer Simulationen mehr über die reale Wirtschaft und das Geschäftsleben erfährt und so sein ökonomisches Wissen erweitert.

Aber kann man über das Spiel wirklich Kompetenzen in der Welt des Finanzmanagements erwerben? Offensichtlich ist der Wunsch, sich gleich Donald Trump ein Immobilien-Imperium aufzubauen – und sei es auch nur rein virtuell – weit verbreitet. Denn: Glaubt man einer Pressemitteilung der Entwickler, sind in München schon mehr als 15 000 Spielerinnen und Spieler dabei, Deals abzuschließen für rund 70 000 Immobilien. „Habe schon meinen ganzen Ort unter Kontrolle”, schreibt ein Spieler in den Bewertungen. Das Tolle an der App sei, dass man eigentlich gar nichts tun müsse, um die Miete einzusammeln. „Es wird automatisch generiert.“ Und „Vorsicht, warnt ein anderer“, es besteht ein Suchtfaktor, die ganze Welt kaufen zu wollen”. Denn auch in der Wirklichkeit gilt: Schon manch ein Immobilien-Tycoon hat den jähen Absturz seines Imperiums erleben müssen.

Text: Martin Miersch

Titelbild: Ein neues Augmented-Reality-Spiel ermöglicht es, Immobilien aus der realen Welt zu kaufen und zu verkaufen. Foto: Landlord Go
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