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Urban Landscape
13. November 2020

Wenn Grün keine Option ist…

Der Westen vertritt das Bild, dass Gärten und Landschaftsgestaltung in der Stadt grün zu sein haben. Das macht dort Sinn, wo die klimatischen Bedingungen und Wasserressourcen eine solche Gestaltung ermöglichen. Was aber geschieht in Regionen, in denen Klima und natürliche Gegebenheiten dem grünen Ideal entgegenstehen? Zum Beispiel in eine der trockensten Städte der Welt: Lima. Die junge Architektin Melissa Apolaya aus Peru hinterfragt mit ihrem Instagram Kanal El Jardín de Lima die gängigen Vorstellungen von Begrünung

Laut Prognosen der UN wird 2050 über die Hälfte der Menschheit in Städten leben. Umso relevanter ist es, grüne und blaue Infrastrukturen in der Stadt zu etablieren. Urbanes Grün gilt als Schlagwort, das im breiten Konsens positiv konnotiert ist. Dahinter steckt unumstritten eine gute Intention. Wie haltbar aber ist die Forderung nach „Grün in den Städten“ global gesehen?

Tritt man hierzulande einen Schritt zurück und befreit sich von der eurozentrischen Sicht, wird deutlich, dass ökologische Interventionen kontextabhängig und lokal differenziert betrachtet werden sollten.

Melissa Apolaya studierte in Lima Architektur und später an der TU München Landschaftsarchitektur. Den Anreiz für ihren Kanal erhielt sie durch ihre aktuelle berufliche Teilhabe an einem Programm für nachhaltige Städte und Klimawandel in Peru. Das Umweltministerium des Landes arbeitet derzeit am Entstehen einer nationalen Plattform mit dem Ziel, die Städte für die Herausforderungen des Klimawandels fit zu machen. Das Vorhaben wurde von der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) initiiert, wird mit Mitteln der Globalen Umweltfazilität (GEF) gefördert und vom World Wildlife Fund (WWF) durchgeführt. In den Regionen Lima und Callao sollen damit auf lange Sicht Biodiversitäts-Aktionspläne in ausgewählten Bezirken und ein Plan für die Erhaltung des städtischen Kanalnetzes entwickelt werden.

Im Zuge dessen leisteten Apolaya und ihre Kollegin Marianela Castro de la Borda Beratungstätigkeiten, überprüften technische Bestimmungen und formulierten Leistungsbeschreibung. Daran sollen sich Unternehmen in der Strategiefindung und im Ausführungsprozess zukünftig orientieren, um die Qualität ihrer Maßnahmen in Bezug auf das Gesamtvorhaben zu gewährleisten. In über 20 Interviews mit Verantwortlichen aus NGOs und staatlichen Einrichtungen trugen die beiden dafür Informationen zusammen.

Lima ist nach Kairo die zweitgrößte Stadt der Welt innerhalb eines Wüstengebiets. Daher ist die peruanische Hauptstadt den Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere was die Wasserversorgung angeht, besonders ausgesetzt.

Lima – eine Stadt in der Wüste

Obwohl Lima der Küste gelegen ist, ist die peruanische Hauptstadt nach Kairo die zweitgrößte Stadt der Welt, die in einem Wüstengebiet liegt. Daher ist Lima den Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere was die Wasserversorgung angeht, besonders ausgesetzt. Ein Drittel der Landesbevölkerung Perus lebt in der Metropole, die stetig mehr Wasser verbraucht, als vorhanden ist. Lange bevor Spanien Peru besetzte, hatten prähispanische Kulturgruppen ein verzweigtes Kanalsystem angelegt: Sie leiteten die drei Flüsse Río Rímac, Río Chillòn und Río Lurín um, um die Wüstenlandschaft fruchtbar zu machen. Was den Bewohnern im Einklang mit der territorialen Logik gelang, wurde während und nach der Kolonisierung zum Problem. Die Spanier sahen die menschengemachte Landschaft als natürliche Talsituation, importierten ihr Stadtmodell aus Blockrastern und umgaben es mit einer Stadtmauer. Die Bevölkerung nahm rasant zu und die Stadt überspannt heute als netzartiges, informell wachsendes Gewebe ein weites Terrain.

„Not a lot of people really know that Lima has this much history because now it is mainly built after western models. It is the most “modern” city in Peru, an extremely centralized country. We have had, and still have people moving here from other regions. And in Peru the difference between Lima and two hours away can mean a huge contrast in terms of landscape. People really don’t know how to handle the plants or what to harvest here. Or what to expect. It’s a city without a proper identity.“

Die Metropole wächst … und trocknet aus

Während in den Randbezirken kein Trinkwasser verfügbar ist, werden in den Innenstadtbezirken Grünflächen gewässert. Apolaya beobachtet Nachbarn, die englischen Rasen ansähen und diesen einzäunen, um ihn vor Nutzung zu schützen. Allein die Kosten, um eine solche Fläche anzulegen, entspreche der Hälfte eines durchschnittlichen monatlichen Mindesteinkommens in Lima. Apolaya spricht von einem Missmanagement vonseiten der Politik. Aber auch von einer verkehrten Erwartungshaltung.
„Lima is a city without rain. We have no water. And the idea of the urban garden – ornamental especially – is European. Anyway this affects the amount of green areas we have. Because we want green spaces, that require a lot of water instead of reimagining our landscape. Our urban landscape and our landscape landscape in a dry context. And having that identity could mean a lot.“

Ein europäisches Bild von Grünflächen für Lima?

Das Bild der europäischen Grünflächengestaltung ist für Lima nicht erstrebenswert. Weder im ökologischen noch im sozial-ästhetischen Sinne. Für Apolaya müsse die gesamte planerische Semantik hinterfragt und um passendere Kategorien erweitert werden. Wie könne es zum Beispiel sein, dass ein Naturschutzgebiet nahe Lima, das in der Realität eine trockene Ebene ist, in Karten erfrischend grün markiert wird? Oder dass stets die Rede von grünen und blauen Infrastrukturen sei, obwohl in manchen Regionen der Welt eher der Aufbau einer „braunen“ Infrastruktur realistisch scheint? Die Bilder und Begrifflichkeiten, die den Diskurs prägen, sind nicht divers genug, um ein globales Spektrum zu fassen. Deshalb versucht El jardín de Lima, ein neues Narrativ für die Wüstenstadt an Perus Küste zu etablieren.

Instagram – ein Instrument für ein neues Narrativ der Landschaftsarchitektur

Auf ihrem Instagramkanal teilt Apolaya Alltagsgeschichten und Fotografien, empfiehlt Lektüre und führt Interviews. Am Anfang verspürte sie eine gewisse Befangenheit, da ihr Ausgangsprojekt staatlich gefördert war und sie ihren Auftraggebern nicht auf die Füße treten wollte. Sie bezeichnet sich nicht als außergewöhnlich politisch aktiv, betont aber gleichzeitig, dass für sie jede Aktion politisch sei. Den ehemaligen Bürgermeister Luis Castañeda Lossio, kritisiert sie mit harten Worten, da er in seiner Amtszeit keine umsichtigen Konzepte verfolgt hätte. Sie empfindet es als wichtig, der Öffentlichkeit Prozesse und Entscheidungen der Stadtplanung zu vermitteln. Dabei will sie ein breites Publikum und nicht nur Spezialisten aus der eigenen Profession ansprechen und Wissen zugänglich machen. Neulich stellte sie fest, dass auch das Narrativ der Wüstenstadt Lima nicht entschieden genug erfasst. In einem Interview mit einem Verantwortlichen des SEDAPAL (Servicio de Agua Potable y Alcantarillado de Lima) erfährt Apolaya, dass genügend Wasser zur Verfügung stände würde die Stadt das Abwasser nutzen.
Eigene und fremde Wissenslücken zu füllen, vermeintliche Tatsachen zu hinterfragen und dadurch ein neues Bild für die Stadtlandschaft der Zukunft zu etablieren, ist der Anspruch der Architektin. „I thought it was nice to put a small grain of sand to build this identity somehow.“

Text: Julia Treichel studiert im Master Landschaftsarchitektur an der TU München. Die Autorin entwirft bei Valentien+Valentien, pinselt diesen Sommer Straßen an mit raumzeug.de – und tanzt gerne gegen Gentrifizierung.

Die junge Architektin Melissa Apolaya aus Peru hinterfragt mit ihrem Instagram Kanal El Jardín de Lima, die gängigen Vorstellungen von Begrünung.
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