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Architecture
26. Februar 2021

Recap Career Talk #1: Die Zukunft ist weiblich

In unserer neuen digitalen Gesprächsreihe „Career Talks“ blicken wir gemeinsam mit New Monday in die Arbeitswelt von Architekt*innen. Im ersten Talk beschäftigten wir uns mit der Zukunft und diese ist – davon sind wir überzeugt – weiblich. Gemeinsam mit Katja Domschky (Architektinneninitiative nw), Wojciech Czaja (Autor und Mit-Initiator des Symposiums Frauen bauen Stadt – The City through a female lens), Lara Stöhlmacher (Mit-Begründerin von fem_arc) und Dr. Thomas Welter (Bundesgeschäftsführer BDA) sprachen wir darüber, wie sich die Profession und Praxis verändert, wenn Frauen gleichberechtigt sind

Architektur ist längst nicht gleichberechtigt. Um das festzustellen, reicht ein Blick auf Podiumsdiskussionen zu Architektur und Stadtplanung. Dort sitzen nach wie vor häufig nur Männer auf der Bühne. Auch in Gremien und Vorständen findet sich noch lange keine paritätische Besetzung. Das spiegelt sich auch bei Preisen wider: Der seit 1979 vergebene Pritzkerpreis wurde erst vier Mal an Frauen vergeben. Doch woran liegt das?

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich schließen seit rund zwanzig Jahren wesentlich mehr Frauen als Männer das Architekturstudium ab. Dies spiegelt sich allerdings noch nicht in der Berufspraxis wider. Katja Domschky von der Architektinneninitiative nw verdeutlicht dies anhand von Zahlen: „Über 50 Prozent der Studierenden sind weiblich, aber nur 35 Prozent von ihnen werden Kammermitglied. Nur 25 Prozent sind solo-selbstständig und besitzen ein eigenes Büro und ungefähr 10 Prozent sind Inhaberinnen eines Büros, das mehr als zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat. Bei Führungspositionen oder Auszeichnungen reden wir nur noch von 5 Prozent. Das zeigt, bis nach oben werden es immer weniger, obwohl so viele Kolleginnen Architektur studieren.“ Architekturjournalist und Mit-Initiator des Symposiums Frauen bauen Stadt – The City through a female lens Wojciech Czaja bestätigt diese Zahlen auch für Österreich.

Wieso so viele Frauen auf dem Weg nach oben verlorengehen, führt Domschky auf zwei Punkte zurück: „Zum einen liegt es an den starren Arbeitsstrukturen, die es nach wie vor in unserer Branche gibt. Damit meine ich, dass man als Architekt oder Architektin nur etwas zählt, wenn man am Wochenende Wettbewerbe abarbeitet sowie Tag und Nacht einsatzbereit ist. Die Anwesenheit ist nach wie vor unglaublich wichtig. Zum anderen liegt es an den in Beton gegossenen Rollenbildern: Frauen sind für die Familie zuständig. Sie arbeiten dann in Teilzeit und in Teilzeit ist es nicht möglich, große Projekte zu leiten. Ein weiterer Punkt ist die ungleiche Entlohnung. Sobald die Familienplanung im Vordergrund steht, sind es meistens die Kolleginnen, die zurücktreten, da der Partner mehr verdient.“

„Diese große Lücke ist mit Korrekturen in der Wirtschaftsstruktur und der Arbeitskultur zu beheben“, fügt Wojciech Czaja hinzu. „Ich kenne keine Branche, die sich selbst so ausbeutet und in einem System steckt, das so viel Ausbeutung abverlangt. Es wird als selbstverständlich angesehen, 80 bis 100 Stunden die Woche zu arbeiten. Das widerspricht dem Lebensbild vieler Menschen, ob das nun Frauen oder Männer sind.“

Architektin Lara Stöhlmacher, Mit-Begründerin von fem_arc – einem Berliner Kollektiv, das sich mit Vorträgen, Podcasts und Workshops für die Produktion gerechter Räume einsetzt – spricht gleich zu Beginn des Talks mit ihrer Frage, ob es für Frauen schwerer sei auf Grundlage einer anderen Wahrnehmung von Kompetenz höhere Positionen in der Branche zu erreichen, das wichtige Thema Quote an. Katja Domschky antwortet darauf: „Das hat etwas mit der Unternehmenskultur zu tun. Gremien- oder Vorstandssitzungen zum Beispiel sind durch männliche Kultur geprägt. Als eine der wenigen Frauen in einer solchen Runde hat man eine andere Wahrnehmung oder Herangehensweisen und fühlt sich schnell unwohl. Deswegen setzen wir uns dafür ein, dass es schnell zu einer paritätischen Besetzung von Gremien kommt, desto diverser die Gremien, desto veränderter die Kultur.“

Der BDA bemühe sich bereits sehr, gendergerecht zu agieren, so Bundesgeschäftsführer Dr. Thomas Welter: „Natürlich hat der BDA im Verhältnis zum gesamten Berufsstand der Architektenschaft noch insofern ein Genderproblem, da die Mitgliedschaft unterproportional weiblich ist. Das liegt allerdings daran, dass unsere Mitglieder nicht austreten, sondern ihr ganzes Leben im BDA bleiben. Und somit sind die älteren Mitglieder überproportional männlich. Doch wir stellen fest, dass in den Gremien, Bundesvorständen und Landesvorständen der Anteil der Frauen deutlich höher ist als in der Gesamtmitgliedschaft. Außerdem stellen wir fest, dass die jungen Kolleg*innen, die in den BDA gerufen werden, ihre Büros ganz anders führen. Sie haben keine Lust auf klassische Rollenverteilung.“

In der Politik ist klar: Mehrheiten bestimmen

Der Prozess ist allerdings vielen noch zu langsam, und es dauert sehr lange, bis in den Architekturkammern über gewisse Themen gesprochen werden. Katja Domschky rät vor allem jungen Frauen mitzumachen: „Es nützt nichts, wenn man meckert, weil man unzufrieden ist. Ihr müsst bitte alle mitmachen. Ich bin über die Architektinnen-Initiative im Vorstand der Architektenkammer und ich bin mit meinen 50 Jahren die jüngste in dieser Runde. Denn 50 Prozent der Mitglieder sind Rentner. Wir brauchen einfach jüngere Kolleg*innen, die sich engagieren, denn in der Politik ist klar: Mehrheiten bestimmen. Engagement hilft einfach das ganze Thema zu beschleunigen.“

Die Gesprächsrunde macht deutlich, dass junge Frauen zum ersten Mal im Berufsleben mit dem Thema Gleichberechtigung konfrontiert werden. „Ich bin so aufgewachsen, dass ich mich immer als gleichberechtigt empfunden habe“, berichtet Lara Stöhlmacher. „Erst im Berufsleben war ich plötzlich die einzige Frau unter sechs Fachplanern. In unseren Köpfen sind wir bereits gleichberechtigt. Nun geht es darum, Handlungswerkzeuge und Maßnahmen auszuprobieren, mit denen wir auch im Berufsleben diesen Punkt erlangen.“

Doch welche Maßnahmen können das sein? Thomas Welter fasst die Ergebnisse der Diskussion in drei Ebenen zusammen: „Die erste Ebene ist das bewusste Handeln. Dazu gehört zum Beispiel beim Konzipieren einer Veranstaltung darauf zu achten, Diversität herzustellen sowie die Gremien paritätisch zu besetzen. Die zweite Ebene bildet die Öffentlichkeitsarbeit, wie dieser Talk gerade. Und die dritte Ebene umfasst Regularien als letztes Mittel, Themen durchzusetzen, wenn Leute sich nicht auf der Bewusstseinsebene bewegen und einigen wollen.“

Text: Valentina Grossmann

Tipp: Den gesamten Talk findet ihr in unserer Mediathek. Bereits am 10. März 2021 blicken wir in unserer zweiten Edition „Die Zukunft ist weiblich“ in einer Podiumsdiskussion bei der MCBW genauer hin und fragen uns: Wie können sich Architektinnen in einer (noch) männerdominierten Domäne durchsetzen? Welche Erfahrungen haben Architektinnen bereits gesammelt und wie kann die Gleichberechtigung in der Baubranche besser laufen? Seid dabei! Anmelden könnt ihr euch unter events.nxt-a@georg-media.de

Die Zukunft ist weiblich: In unserem ersten NXT A-Career-Talk diskutierten Katja Domschky (Architektinneninitiative nw), Wojciech Czaja (Autor und Mit-Initiator des Symposiums Frauen bauen Stadt – The City through a female lens), Lara Stöhlmacher (Mit-Begründerin von fem_arc) und Dr. Thomas Welter (Bundesgeschäftsführer BDA) darüber, wie sich die Profession und die Praxis von Architektur verändert, wenn Frauen gleichberechtigt sind. Moderation: Isa Fahrenholz. Foto: NXT A
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