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11. Oktober 2020

Kunst und Architektur in Tschernobyls Sperrzone

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 war der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Darmon Richter hat sich in seinen Fotografien den Geisterstädten der Sperrzone und den teils schon von der Natur zurückeroberten Plätzen und Straßen genähert. Sein jüngst erschienenes Buch dokumentiert die Kunst und die Architektur vor Ort

Tschernobyl, nördlich von Kiev in der Ukraine, war der Schauplatz der größten nuklearen Katastrophe in der Geschichte unseres Planeten. Die schwere Explosion von Reaktor Nr. 4 des Kernkraftwerks am 26. April 1986 veränderte weltweit das Denken der Menschen und deren Beziehung zur Kernenergie: Tschernobyl wurde zu einem Synonym für die nicht vollständige Beherrschbarkeit der Atomenergie. Mehr als 350.000 Menschen mussten ihr Zuhause für immer verlassen. 

Darmon Richter – der britische Schriftsteller und Fotograf hat eine besondere Vorliebe für ideologisch konnotierte Architektur – besuchte die Sperrzone des Unglücksortes mehrmals. In diesem September erschien sein Buch „Chernobyl: A Stalkers’ Guide“.

Sein persönlicher Blick auf die verlassenen Gebäude und die zurückgelassenen Gegenstände der Menschen, die dort einst gearbeitet und gewohnt haben, geht tiefer als alle bisherigen Dokumentationen zum Thema. Behutsam nähert er sich in seinen Fotografien den Geisterstädten der Sperrzone und den teils schon von der Natur zurückeroberten Plätzen und Straßen. 

Richter fotografierte die Wälder Tschernobyls, die Siedlungen und evakuierten Regionen in der Ukraine und in Belarus. Er kombiniert die Fotos mit Zeitzeugenberichten von Ingenieuren, Wissenschaftlern oder Polizisten. Dabei erhielt er auch Zugang zu einigen besonders abgesicherten Bereichen innerhalb der 30-Kilometer-Grenze um das Kernkraftwerk selbst. 

Was ihn immer wieder zur Rückkehr in die Sperrzone bewegte? „Ich fand Denkmäler, Kirchen, Wandmalereien und Mosaike, die bis heute nicht dokumentiert sind. Und ich traf mich mit Umsiedlern von Tschernobyl, die mehr als glücklich waren, ihre eigene Sicht der Geschichte teilen zu können. Irgendwann wurde mir klar, dass ich daraus ein Buch machen möchte. Denn ein Teil meiner Arbeit besteht darin, das Bewusstsein für das gefährdete kulturelle Erbe zu schärfen. In einigen wenigen Fällen konnte ich sogar zu Projekten beitragen, die auf die Erhaltung oder Restaurierung solcher Stätten abzielen. Mit meinem Buch über Tschernobyl habe ich jetzt versucht, etwas Ähnliches für die Kunst und Architektur in der Sperrzone zu tun – eine fotografische Dokumentation von teils unglaublichen Orten zu schaffen, die selten von jemandem gesehen werden und die zum Verfall verurteilt scheinen.“

Text: Martin Miersch

Das Wandgemälde im Postamt von Pripjat erzählt eine kleine Geschichte der Kommunikation – von ägyptischen Papyrusrollen über die erste Bahnpostwagen bis zu sowjetischen Kosmonauten. Foto: Darmon Richter / Chernobyl: A Stalkers’ Guide
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