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Urban Landscape
02. September 2020

Kleine Nachbarschaftsanpassungen

Der Kiez ist der Mittelpunkt des urbanen Alltags. Dort, wo Menschen leben und arbeiten und unmittelbar von Krisen und aktuell durch die Corona-Pandemie betroffen sind. Wie hier sozial-räumliche Anpassung funktionieren kann, erklärt Urbanist Mark Kammerbauer am Beispiel einer Apotheke im Norden Münchens

Wenn es um urbane Krisen geht, werden gerne, oft und zurecht grosse Stadtplanungs- und Städtebaukonzepte und -Strategien entwickelt und vorgeschlagen. Nachhaltigkeit, Resilienz und Smart Cities sind nur ein paar dieser Konzepte. Die damit verbundenen Strategien sollen Risiken mindern, ganz vermeiden oder dazu beitragen, dass man sich an sie anpasst. Wie wirksam diese Ansätze und Pfade sind, hängt davon ab, welche Kapazitäten diejenigen haben, für die man plant und wo es benötigte Ressourcen gibt. Dies gilt umso mehr, wenn Kapazitäten und Ressourcen nur begrenzt oder gar nicht verfügbar sind. Der Erfolg von planerischen Massnahmen zur Anpassung an allerlei urbane Herausforderungen kann entsprechend eingeschränkt sein, ob das Planern und Gestaltern des gebauten Raums gefällt oder nicht.

Abseits dieser grossen Ideen und Worte ist die Nachbarschaft, das Viertel, der Kiez der Mittelpunkt des urbanen Alltags. Dort, wo Menschen leben und arbeiten und unmittelbar von Krisen und aktuell durch die Corona-Pandemie betroffen sind. Wenn Städte ganz allgemein zentrale Orte sind, die Ressourcen unterschiedlicher Skalen und Relevanz in ihrem sozialen und räumlichen System beherbergen, dann sind jene kleineren Subsysteme die Bereiche der Stadt, auf die Bewohner unmittelbar Zugriff haben. Dies gilt insbesondere für Supermarkt, Bäckerei, Post, Zeitschriftenladen und selbstverständlich die Apotheke. Und um diese Phänomene zu beobachten und wie Menschen sie frequentieren, hilft oft ein Spaziergang durch den Stadtteil, in dem man wohnt. Und hier wird offenbar, dass es nicht unbedingt die grossen Top-Down-Massnahmen sind, die unmittelbare Relevanz besitzen.

Bottom-Up ist dabei und durchaus der Schlüssel zum Erfolg. Ein Beispiel ist eine Apotheke im Norden Münchens. Hier wurde der Bereich hinter der Theke, wo sich bisher die Schränke für Medikamente befanden, umorganisiert und die Fenster entlang der Strasse zur Ausgabe für die Kunden umfunktioniert. Die räumlich-organisatorische Folge? Besucher müssen sich nicht mehr vor dem Geschäft anstellen, um nacheinander den Innenraum zu betreten und zur Theke vorzutreten. Stattdessen – wie die Pfeile in den Schaufenstern signalisieren – wird die Laufrichtung umgedreht und Kunden werden am Fenster bedient. Eine sichere Lösung, die Abstandsregelungen erfüllt, den Betriebsablauf unterstützt und hygienische Risikominderung im gebauten Raum widerspiegelt. Auch so kann sozial-räumliche Anpassung funktionieren, und wer weiss, vielleicht standen Architekten mit Rat und Tat zur Seite.

 

Räumlich-soziale Anpassung: Bei einer Apotheke in Schwabing wurde der Bereich hinter der Theke, wo sich bisher die Schränke für Medikamente befanden, umorganisiert und die Fenster entlang der Strasse zur Ausgabe für die Kunden umfunktioniert. Die räumlich-organisatorische Folge? Besucher müssen sich nicht mehr vor dem Geschäft anstellen, um nacheinander den Innenraum zu betreten und zur Theke vorzutreten. Foto: privat