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Digitisation & Virtualization
12. August 2021

Fußball, Blockchain und die intelligente Stadt der Zukunft

In unserer neuen Kolumne schreibt Architekt und XR-Experte Sandor Horvath über verschiedene Themen aus der Digitalisierung der Architektur. Dazu gehören beispielsweise Augmented und Virtual Reality, aber auch Smart Cities, Internet of Things und die Veränderungen durch den Einsatz von Blockchain. Diesmal geht es um Smart Cities, Fussball und wie das alles mit Blockchain zusammenhängt.

Die Fußball-EM liegt nun ein paar Wochen zurück. Italien ist Europameister. Neben dem ganzen Trubel um das runde Leder sorgten vor allem drei Sachen für Furore: die Anzahl der Besucher während der Corona-Pandemie im Wembley-Stadion, das Verbot der UEFA, die Münchner Allianz Arena in Regenbogenfarben erleuchten zu lassen und zu guter Letzt das sehr chinesisch geprägte Sponsoring auf den Stadionbanden. Neben Alipay, dem Bezahldienst des chinesischen Amazon-Kontrahenten Alibaba und der Social-Media-Plattform TikTok, stach mir vorallem eine bis dato gänzlich unbekannte Firma ins Auge: die Rede ist von Antchain. Ameisenkette? Was machen die denn? Aber jeder in der Cryposzene wird hellhörig, sobald “Chain” im Firmennamen auftaucht. So auch ich, selbst wenn ich kein Bitcoininvestor bin. Es scheint aber, dass die ihr zugrunde liegende Technologie auch im Fußball und somit in einer breiten Öffentlichkeit werbewirksam Einzug gehalten hat.

Doch was ist Blockchain eigentlich? Die Meisten werden diese neuartige Datenbankarchitektur aus der IT nur in Zusammenhang mit Kryptowährungen kennen. Dies sind alternative Devisen ohne staatliche Regulierung, ohne den Bedarf eines Bankensystems und ohne Zugangsbeschränkungen. Die Technologie dahinter erlaubt eine peer-to-peer Transaktion von Datenströmen (meist eine Zahlungsanweisung) ohne Intermediäre, also ohne einen zentralen Verwaltungs- und damit auch Kontrollmechanismus. Ich kann also beispielsweise von meinem Handy aus eine Spende direkt an eine afrikanische Hilfsorganisation schicken, ohne meine Hausbank, Western Union oder PayPal und ohne staatlichen Eingriff, was in korrupten Ländern oft zu Problemen führen würde.

Was in vielen Ländern auch ein Problem ist, sind fehlende Katasterämter, womit wir bei einem use case im Architektur- und Immobiliensektor wären, denn ohne Grundbuchamt fehlt der sichere Nachweis, wem ein Haus, Grundstück, Wald oder Acker gehört. In politisch instabilen Ländern können diese Eigentumsinformationen daher leicht zentral manipuliert, Konten eingefroren und Hausbesitzer enteignet werden. Die Blockchain jedoch kann man nicht manipulieren. Informationen wie Kontostand oder Besitzverhältnisse sind unwiderruflich in die Datenbank eingeschrieben, auf Servern auf der ganzen Welt verteilt und kryptographisch verschlüsselt. Die Nachweise über Eigentumsverhältnisse sind also gesichert. Die Blockchain wird damit zum digitalen Grundbuchamt.

Der dezentrale, sichere Informationsfluss wird auch in der Smart City ein großes Thema sein. Auf sogenannte Mikrotransaktionen hat sich die Berliner Stiftung und Krypto-Softwareschmiede IOTA spezialisiert, die zwar auch eine Kryptowährung auf dem Markt platziert hat (die sogenannten Coins) diese jedoch vorwiegend als Trägermedium verwendet werden. Trondheim in Norwegen und Taipei in Taiwan haben bereits Partnerschaften mit IOTA und testen Anwendungsgebiete für eine intelligente Stadt. So könnten beispielweise autonome Fahrzeuge mit anderen Autos sowie dem Verkehrssystem kommunizieren oder zum Tanken fahren. Abgerechnet wird dann direkt zwischen dem Auto und der Zapfsäule. Alles schnell, sicher und automatisch. Das ist der Anfang der machine-to-machine economy.

Ein weiterer zentraler Punkt für eine intelligente und nachhaltige Stadt ist das Energiemanagement. Wir brauchen dringend alternative Lösungen zum klassischen Erzeuger-Verbraucher-Modell. Das Stromnetz wird immer heterogener, dazu tragen auch wir Architekten bei, die Plusenergiehäuser entwickeln oder ganz simpel gesagt eine Photovoltaikanlage auf dem Dach platzieren. Die meiste Energie kommt zwar dem eigenen Haushalt zugute, überschüssige Energie wird jedoch wieder ins öffentliche Netz eingespeist. Die Vergütung beträgt im Schnitt weniger als 8 Cent. Der Strom kostet in Deutschland aber gleichzeitig rund 30 Cent pro Kilowattstunde. Wir sind damit Spitzenreiter in Europa. Ist das noch fair? Viele Eigenheimbesitzer schaffen sich daher recht kostenintensive Batteriespeicher an. Für Umweltbewusste ist jedoch die Rohstoffgewinnung von Lithium, Graphit und Co. ein Dorn im Auge, da sie große ökologische und soziale Risiken in den Abbauländern bedeutet. Da ist bereits die Anschaffung eines Elektroautos eine Balance der Ökobilanz.

Hier kann eine intelligente Strombörse eines Micro Smart Grids (lokale, dezentralisierte Energiesysteme innerhalb von Siedlungen) Ressourcen sparen, indem die Blockchain den automatisierten Gebührenfluss organisiert. Im Smart Grid verkauft die PV-Anlage den Strom direkt an den Nachbarn oder an die örtliche Bäckerei. Oder umgekehrt, je nach Bedarf. Die parkenden Elektroautos dienen dann als Pufferspeicher. Künstliche Intelligenz in diesem Netz ermöglicht bedarfsgerechte Ladezustände je nach Nutzeranforderungen. Man bleibt mit dem Auto also nicht auf der Strecke, wenn man samstags einkaufen fährt oder die Kinder vom Fußballtraining abholt.

Diese nachhaltig erzeugte Energie wird dank der Digitalisierung auch nachhaltig zugeordnet. Und kostbare Ressourcen werden nicht verschwendet. Der Bitcoin-Blockchain eilt ein sehr schlechter Ruf voraus, gerade was den Energieverbrauch anbelangt. Aber es werden dauernd neue DLTs (Distributed Ledger Technologie, ein Überbegriff für Blockchains und andere verteilte Systeme) entwickelt, die bewusst an dem Thema Nachhaltigkeit arbeiten. So kann diese unter dem Strich den Energieverbrauch reduzieren und so einen positiven Beitrag für unsere hochmoderne Welt leisten. Es lohnt sich also, auch beim Sponsoring einer UEFA Europameisterschaft hinter die Kulissen zu blicken. Daher lasst uns weiterhin einen offenen Geist pflegen.

Euer Sandor Horvath

 

Und was meint ihr dazu? Schreibt uns eure Meinung zum Thema per Email, wir sind gespannt!

 

Foto: Unsplash/Samuel Regan Asante
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