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Architecture
05. Oktober 2020

Ein liebenswertes Monstrum

Seit Anfang des Jahres stehen zwei brutalistische Ikonen, die zentralen Tierlaboratorien der FU Berlin sowie das gegenüberliegende "Hygieneinstitut" im Mittelpunkt einer Diskussion über Erhalt oder Abriss der Bauten. Die aktuelle Ausstellung im BDA Berlin zeigt die Geschichte dieser Bauten

Die aktuelle Ausstellung der BDA Galerie in Berlin „Mäusebunker & Hygieneinstitut: Versuchsanordnung Berlin“ beschäftigt sich mit zwei Bauten der Berliner Nachkriegsarchitektur, die dem „Brutalismus“ zugeordnet werden und deren Zukunft derzeit recht unsicher ist: Die zentralen Tierlaboratorien der FU Berlin (1967-1981) von den Architekten Gerd und Magdalena Hänska, die von den Berlinern  “Mäusebunker” genannt werden, sowie das gegenüberliegende und unterirdisch miteinander verbundene “Hygieneinstitut (Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité 1967-1974) von Fehling + Gogel.

Seit Anfang des Jahres stehen diese beiden Gebäude, die als zu den weltweit bekanntesten Beispielen für brutalistische Architektur gehören, im Mittelpunkt einer Diskussion zwischen Architekten, Denkmalschützern und der Charité, dem Nutzer der Gebäude. Diese wollten ursprünglich die beiden wegweisenden Bauten abreißen und durch einen neuen Forschungscampus ersetzen. Im Frühjahr 2020 regte sich mit einer ersten Petition, die bisher über 7000 Unterstützer hat, ein erster Widerstand gegen diese Pläne der Charité. Daraufhin wurde verhandelt, dass die Pläne zum Abriss des Hygieneinstituts durch die Charité verworfen würden, während es für den Mäusebunker inzwischen unterschiedliche Nutzungsideen gibt, wie beispielsweise eine kulturelle oder wohnliche Nutzung oder etwa die Umnutzung zu einem Servergebäude.

Zudem haben sich das Landesdenkmalamt, Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller sowie Berlins Kultursenator Klaus Lederer des Themas angenommen und setzen sich für den Erhalt der Bauten ein. Jedoch ist noch nichts verbindlich festgelegt, in Aussicht steht momentan ein Ideenwettbewerb für neue Nutzungskonzepte der brutalistischen Ikonen.

Ludwig Heimbach, Architekt und Kurator, der sich für den Erhalt der Bauten einsetzt, kuratierte mit dem BDA Berlin eine Ausstellung, die am Beispiel der beiden Bauten zentrale und in unserer heutigen Gesellschaft essentielle Fragen wie welchen Stellenwert die Architektur der Nachkriegsmoderne für die Gesellschaft hat oder welche Rolle in der aktuellen Debatte das Thema Ressourcenökonomie spielt, behandelt. Die Ausstellung möchte informieren und gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass das Bewahren von Kulturgut auch den Schutz von problematischen, unbeliebten, unrentablen oder “hässlichen” Gebäuden bedeutet.

Wobei letzteres stets subjektiv zu sehen ist, dies wird insbesondere bei den brutalistischen Bauten deutlich: Heutzutage werden Bauten des Brutalismus, der zwischen 1950 und etwa 1980 am stärksten verbreitet war, tendenziell als unästhetische “Betonklötze” gesehen, die rücksichtslos, ja schon fast vandalistisch, in die Umgebung gebaut wurden. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass die meist aus (Sicht-)Beton gebauten Gebäude aufgrund der stärkeren Anfälligkeit für Schmutz und Zerfall als ungepflegt erscheinen. Seit Ende der 1990er Jahre erfährt der Brutalismus jedoch eine Neuendeckung, insbesondere da zahlreiche brutalistische Bauten abgerissen werden sollten und man sich auf die Ursprünge dieses Architekturstils, nämlich der Vision, dass industrialisierte Gesellschaften auch möglichst kraftvolle Bauten besitzen sollten, zurückbesinnt. Der “Mäusebunker” sowie das angrenzende “Hygieneinstitut” wirken auf den ersten Blick dunkel, bedrohlich, unnahbar und fast sogar unheimlich, wenn man bedenkt dass im “Mäusebunker” Experimente mit lebenden Tieren durchgeführt wurden und diese auch dort gehalten wurden, die Labore dafür befinden sich tief im Gebäudeinnern und werden mit kanonenartigen blauen Luftsaugrohren, die nach außen ragen, belüftet. Die pyramidenartige Form des Gebäudes mit den gekippten Außenwänden sorgt für eine verkleinerte Dachfläche. Das ganze Ensemble wirkt damit und mit der größtenteils geschlossenen Betonhülle wie ein Sternenzerstörer-Raumschiff aus George Lucas’ Star-Wars Filmen. Das Hygieneinstitut kann daneben beispielhaft für einen technisch-industriellen Aspekt des Betonbaus stehen: Die Fassadenöffnungen bestehen aus Betontetraedern, die aus den Betonplatten herausragen und damit dreieckige Fenster ergeben.

Bisher besteht für den “Mäusebunker” und das “Hygieneinstitut” kein Denkmalschutz, auch wenn der Bau schon aufgrund seiner Singularität in der deutschen und internationalen Architektur schützenswert wäre, ebenso ist der Innenausbau sowie die Gebäudeaußenwand quasi unverändert und damit im Originalzustand. Der Erhalt von Kulturgut, worunter auch Gebäude fallen, muss, ausgehend von dessen Bedeutsamkeit für die Gesellschaft und Kultur, unabhängig von Beliebtheit oder Profitabilität bei einer Diskussion an erster Stelle stehen und ist Aufgabe der Denkmalpflege.

Die Ausstellung zeigt daher zum einen in der BDA Galerie, die von Kurator Ludwig Heimbach zu einem “Studierzimmer” umgewandelt wurde, neben aktuellen Fotografien von Kay Fingerle aus den für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räumen Originalmaterialien aus den Nachlässen der Architekten und künstlerische Interpretationen von Lothar Hempel, Julian Rosefeldt oder Farao/Irrum. So sollen die in der äußeren Präsenz der Bauten nicht direkt ablesbaren Qualitäten den Besuchern zugänglich gemacht werden. Es werden Kontexte und kulturelle Implikationen mit den Baudokumenten der Entstehungszeit assoziert und sollen so ein besseres Verständnis für die Architektur und deren Stellenwert vermitteln und die aktuelle Diskussion um Fortbestand und Weiternutzung inspirieren und erweitern. Zum Anderen sind die beiden Bauten in der Krahmerstraße in Berlin Lichterfelde von außen erlebbar hinsichtlich ihrer städtebaulichen Einbindung und Ensemblewirkung mit der Umgebung wie etwa dem Schlosspark Lichterfelde, den anliegenden Wohnbauten und dem Teltowkanal, der sich in nächster Nähe befindet.

Die Ausstellung möchte damit einen Beitrag leisten, um die Diskussion über Erhalt oder Abriss der Bauten weiterzuführen. Man darf also gespannt bleiben, was sich in Berlin tut!

Text: Mandana Bender

Heute Abend, um 18:30 findet dazu ein digitaler Talk statt, bei dem NXT A mit Kurator Ludwig Heimbach über Ausstellung  sowie über die Geschichte und Architektur der beiden Bauwerke spricht. Meldet euch dafür jetzt hier an, nach der Anmeldung erhaltet ihr den Teilnahmelink! Solltet ihr keine Zeit haben, könnt ihr den Talk nachträglich unserer NXT A Mediathek anschauen, die in den kommenden Tagen online geht.  

 

 

Foto: Kay Fingerle, 2020
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