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Architecture
23. April 2020

Community Check #2

Bei NXT A steht das A für architecture – und für die Menschen dahinter. In unserer neuen Porträt-Serie stellen wir Euch kluge Köpfe der Architektur-Szene vor: Was bewegt sie? Was lesen sie? Worüber denken sie nach? Und welchen Blick haben sie auf die Welt? Wir haben nachgefragt, Ihr geantwortet. Heute erfahrt Ihr mehr über Alexandra Tishchenko, Stipendiatin der BAUMEISTER Academy

Alexandra Tishchenko arbeitet als Projektkoordinatorin am Urban Research Institut „Prä-IBA-GR-Werkstatt“ in Saarbrücken, dessen Aufgabe es ist, eine Machbarkeitsstudie für eine „Internationale Bauausstellung“ in der Großregion zu entwickeln. Die gebürtige Moskauerin hat ihren Masterabschluss an der Schule für Architektur Saar absolviert. Ihr Studium führte sie unter anderem zurück in ihre Heimatstadt, nach Brünn (Tschechien), nach Frankreich, Spanien, Marokko und in die Niederlande. Mit der BAUMEISTER Academy bekam sie die Chance, bei MVRDV in Rotterdam zu arbeiten. Seitdem ist sie auch als Autorin für unsere Architektur-Marken tätig. Alexandra Tishchenko ist über die Instagram-Accounts @alexandra.tishchenko und @prae.iba.gr.2032 zu finden.

Dein Must-Have-Designerklassiker?
Ich habe vor kurzem die Doku über Dieter Rams von Gary Hustwit gesehen und war begeistert vom Projekt der Firma Braun aus dem Jahr 1959. Den TP 1 kann man eigentlich als den ersten Walkman bezeichnen, er ist ein tragbarer Mini-Schallplattenspieler. In der heutigen Zeit, mit Spotify und Smartphones, erscheint diese Anschaffung auf den ersten Blick nicht sehr besonders. Doch bei uns in der „Prä-IBA-GR-Werkstatt“ führen wir öfters interne Wettkämpfe, um das Vorrecht, Musik auf dem Schallplattenspieler zu spielen.
Für mich liegt der Reiz des Mini TP 1 darin: Es hat fast schon etwas Handwerkliches, Musik von Platten zu hören: Das Ausrichten der Nadel, das Suchen nach der Songspur, immer wieder das Umdrehen der Platte und zuletzt das Einpacken in die zumeist sehr schönen Hüllen.

Dein Lieblings-Social Media-Account?
Zu den momentan spannendsten Instagram-Accounts für mich gehört das Kontextur Magazin (@kntxtr), denn dort werden die aktuellsten Themen der Architektur präsentiert und auch besprochen. Durch Kontextur lerne ich immer wieder neue Accounts und die dahinter jeweiligen Kuratoren kennen.

Was liest Du gerade am liebsten und warum?
Ich lese momentan sehr viel, zum Beispiel „Countryside. A Report„ von AMO/Rem Koolhaas, was an der Pandemie liegt. Ich habe gefühlt mehr Zeit. Innerhalb meiner Research-Tätigkeit für „Prä-IBA-GR-Werkstatt“ lese ich viel über die Stadt, aber vor allem über das Land, die Landwirtschaft, das Rurale und alles, was daraus resultiert. Da steht dieses Buch ganz oben auf der Liste.

„Second hand spaces“ von Michael Ziehl, Sarah Oßwald, Oliver Hasemann und Daniel Schnier erzählt Geschichten von tollen Orten, gesehen durch die Augen der Transformation. Ebenso wie „Upcycling. Reuse and Repurposing as a Design Principle in Architecture“ von Daniel Stockhammer.

„Die unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino liegen praktisch immer auf meinem Tisch. Die relativ kurzen Sequenzen der beschrieben Städte sind aufgeladen mit Inspiration und Sehnsucht nach genau diesen Orten. Es macht Spaß, das Buch immer wieder zu lesen und immer wieder neue Bilder vor Augen zu haben. Und dann natürlich die BAUMEISTER-Magazine  sowie die aktuelle topos „Mobility“ und Arch+.

Was ist Dein Lieblingsplatz in Deinen vier Wänden oder in Deiner Stadt?
Zurzeit ist es der Garten unserer Werkstatt, wo wir ein Gemüsebeet angelegt haben: am Anfang symbolisch und für das „Prä IBA“-Motto „il faut cultiver notre jardin“. Aber nun gewinnt er immer mehr Eigendynamik, trotz der Pandemie oder vielleicht gerade deshalb. Er soll zu einem Partizipationsgarten im Quartier heranwachsen, aber erst, sobald die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben sind und sich das öffentliche Leben wieder hin zum „Normalen“ entwickelt.
Ich mag den Max-Ophüls-Platz im Nauwieser Viertel und das Café Nauwies nebenan. Immer donnerstags findet dort ein Nachtmarkt statt, auf dem man nach der Arbeit regionale Produkte einkaufen kann. Der Nachtmarkt wurde ursprünglich von Studierenden der Schule für Architektur Saar initiiert. Und das Café Nauwies ist einer der Plätze, in dem man Gott und die Welt trifft, immer jemanden zum Reden findet, aber auch einfach mal ungestört mit einem Notizbuch sitzen kann.

Was wird das erste sein, was Du nach der Ausgangsbeschränkung tust?
Mittwochs haben wir Jour fixe – ein Treffen bei dem sich meine Studienfreunde und Kollegen auf ein Feierabendbier versammeln. Wir versuchen diese Treffen so konsequent wie möglich durchzuziehen, weil es wichtig und schön ist, in Kontakt zu bleiben. Momentan findet unser Jour fixe allerdings eher unregelmäßig und natürlich online statt.
Sobald die Ausgangsbeschränkung aufgehoben ist und auch Cafés und Biergärten etc. wieder aufmachen, freue ich mich auf einen Jour Fixe mit meinen Freunden. Sobald das eintritt, weiß ich, dass das Schlimmste überstanden ist.

Worin siehst Du bei den aktuellen Geschehnissen um Covid-19 die Herausforderung/Chance Deiner Branche?
Gerade werden viele Menschen in meiner Umgebung zu Hobby-Architekten und Landschaftsarchitekten. Jeder fängt bei sich selbst an. Auf dem eigenen Grundstück oder Balkon, ob mit einem Baumhaus oder einem Gemüsebeet: Man beschäftigt sich intensiver mit dem eigenen Lebensumfeld. Man entwickelt ein neues Verständnis für Konsum und gewinnt eine neue Wertschätzung der Dinge. Zu lernen, mit neuen Situationen umzugehen, ist die Chance der momentanen Situation, ebenso wie die Herausforderung. Das Umdenken der Bau- und Entwicklungsphilosophie hin zu einem ressourcenschonenden Maßstab, der vor allem unserer Umgebung – ob gebaut oder natürlich gewachsen – tut gut.

Titelbild: Alexandra Tishchenko hat ein Faible für den TP 1. Den formschönen Miniaturplattenspieler, der sich aus Rechtecken und Kreisen definiert, hat Dieter Rams bereits 20 Jahre vor dem ersten Sony-Walkman für Braun (1979) entworfen. Foto: privat
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