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Architecture
17. April 2020

Community Check #1

Bei NXT A steht das A für architecture – und für die Menschen dahinter. In unserer neuen Porträt-Serie stellen wir Euch kluge Köpfe der Architektur-Szene vor: Was bewegt sie? Was lesen sie? Worüber denken sie nach? Und welchen Blick haben sie auf die Welt? Wir haben nachgefragt, Ihr geantwortet. Wir starten mit Benedict Esche vom Münchner Architekturbüro Kollektiv A

Benedict Esche (geb. 1988) ist Architekt und Mitbegründer vom Münchner Büro Kollektiv A. Er ist Rom-Preisträger (Villa Massimo) der Bundesregierung und gewähltes Mitglied der Jungen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Finden kann man ihn auf Instagram: @benedict.esche und Facebook: @kollektiv_a_architecture

Dein Must-Have-Designerklassiker?
Der Wassily Chair von Marcel Breuer. Hier findet man mich oft in unserem Wohnzimmer eingekauert meistens mit einem hoffentlich guten oder manchmal auch schlechten Buch in der Hand.
Den Wasserspender von Werner Aisslinger und Tina Bunyaprasit. Beide habe ich in Rom kennen und sehr schätzen gelernt. Vor einigen Monaten haben sie in München den Wasserspender für Benedikt von Poschinger vorgestellt. Das Objekt fasziniert mich jeden Tag und lässt mich etwas ganz Einfaches, nämlich klassisches Leitungswasser neu entdecken. Es gibt dem Wasser in meinem Leben eine neue Wertigkeit. Es ist nicht mehr nur ein einfaches und damit ein selbstverständliches Gut, sondern lässt es mich bewusst nutzen und konsumieren.

Dein Lieblings-Social Media-Account?
Unser Social Media Account @kollektiv_a_architecture. Da bei uns jedes der Mitglieder frei postet, entdecke ich so immer wieder etwas Neues auch in der Runde und in den Köpfen.

Welches Buch liest Du gerade am liebsten und warum?
Puh, dass ist eine ganze Menge. Ich verschlinge Bücher geradezu. Zuletzt Iris Hanika, Tom Wolfe und Salinger, davor Capote und Milos Urban. Oftmals halten die Bücher daher nicht allzu lange. Gerade liegen bei mir auf dem Schreibtisch, und das schon seit einer Weile, da ich immer wieder etwas Neues darin entdecke:

Mark Helprin – Ein Soldat aus dem großen Krieg
Es ist die Geschichte von einem älteren und jüngeren Mann, die zwei Tage und Nächte zu einer Schicksalsgemeinschaft werden und 70 Kilometer nach Monte Prato zurücklegen. Auf dem Weg erzählt der ältere Mann Alessandro in Episoden sein Leben. Wie er Soldat wurde, Held und schliesslich Desserteur. Wie er seine Familie verlor und schliesslich eine neue gewann. Es ist ein herrlich sinnstiftendes Buch über das Leben.

Reminiscence – das Buch habe ich damals gemeinsam mit einem Freund Benedikt herausgegeben – und noch immer entdecke ich jeden Tag etwas Neues darin. Es sind die architektonischen Faszinationen von Architekten in meinem Umfeld, die mich begeistern und bis heute begleiten. Ein Stück weit ist es eine Ansammlung von Geschichten und Referenzen. Architekten wie Arno Brandlhuber, Christian Kerez, Heike Hanada, Anupama Kundoo oder Sou Fujimoto haben in Beiträgen aufgezeigt, welche wesentlichen Geschichten ihr Schaffen als Architekten das Heute definieren.

Giuseppe Terragni a Roma
Die geplanten Utopien Terragnis für Rom wurden hier in einer kleinen Publikation zusammengefasst und mit Hilfe von Computern visualisiert. Es ist eine faszinierende Reise durch die Architekturen Terragni, welches einen zumindest Nuancen der eigentlichen Komplexität seines Werks und seiner Ideen näher bringt.

Was ist Dein Lieblingsplatz in Deiner Stadt?
Auf jeder Baustelle. Ich liebe das materialbezogene Arbeiten und immer wieder Neuverhandeln von Ausführungen und das mit allen Beteiligten. Ich schätze die ehrliche, aber nicht einfache Art der Kommunikation und des Miteinanders. Jeder neu gefügte Stein, jedes neu gelegte Eisen und jedes verlegte Kabel bereitet mir noch immer eine fast kindliche Freude.

Sehr schätze ich das Café der Staatsbibliothek, das wir vor einiger Zeit umgebaut haben. Ich setze mich dann einfach mit einem Café und Buch eine Weile hin und beobachte das Treiben der Menschen. Am Ende ist es einfach eine große Halle, aber vielleicht fasziniert mich genau das so sehr an diesem Ort. Der Kontrast der ruhigen und konzentrierten Leseräume und dann das wilde Diskutieren, gestikulieren und Sprechen mit Händen und Füßen, sobald die Menschen die Ruheräume verlassen.

Das Petite Café in München gehört nach wie vor zu meinen Lieblingsadressen. Massimo schafft es wahnsinnig schnell, dass man sich bei ihm zuhause fühlt.

Was wird das Erste sein, was Du nach der Ausgangsbeschränkung tust?
Das kommt ganz auf den Ausgang an. Bei einem Impfstoff freue ich mich im Speziellen wieder auf Konzerte, die Staatsoper, Veranstaltungen in der Villa Waldberta oder im Ebenböckhaus, oder eben auch einfach viele Gespräche, Cafes oder Begegnungen mit Freunden und Bekannten. Und dann stehen noch zwei Ausstellungen an auf die wir uns sehr freuen.

Da allerdings eine Person von uns zur Risikogruppe gehört, würden wir bei reinen Lockerungen der Einschränkungen, welche derzeit aus wirtschaftlichem Interesse oftmals gefordert werden, nicht sofort komplett in die Vollen gehen, sondern zunächst vorsichtig miteinander umgehen. Hier kommt immer das Leben zuerst.

Wenn ich das aber alles ausblenden würde, dann fahre ich nach Italien und grüße meine Familie, ich besuche meine Großmutter und herze sie. Drücke meine Eltern und liege mit meiner Frau in der Sonne.

Worin siehst Du bei den aktuellen Geschehnissen um Covid-19 die Herausforderung/Chance Deiner Branche?
Vor allem Demut. Es kann und wird wirtschaftlich nicht immer nur nach Oben gehen. Nicht nur höher, nicht schneller und nicht immer weiter. Es wird Zeit und bietet Potenziale für das Zwischenmenschliche. Für ein gesundes Miteinander. Losgelöst von reiner Profitoptimierung hin zu einer persönlicheren und vielleicht auch damit besseren Architektur.

Kollektiv A-Mitbegründer Benedict Esche ist nicht nur Architekt, sondern ein richtiger Bücherwurm. Foto: Fritz Beck