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Urban Landscape
14. Mai 2021

Bedingt planbar! Städtebau und Stadtentwicklung in Deutschland und Europa

Das Forschungsprojekt „Bedingt planbar“ stellt ein gelungenes Beispiel für eine mehrjährige operative Tätigkeit der Wüstenrot Stiftung dar, deren Ergebnisse seit Kurzem in einer 470 Seiten starken Publikation kostenfrei zur Verfügung stehen. Das große Zukunftsthema Städtebau und Stadtentwicklung steht dabei im Zentrum der Auseinandersetzung

Können wir noch große städtebauliche Projekte planen und realisieren, ohne dass sie finanziell wie zeitlich aus dem Ruder laufen? Der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie in Hamburg und der Tiefbahnhof S21 in Stuttgart können daran Zweifel wecken. Doch wie sieht es jenseits dieser besonders intensiv diskutierten Vorhaben aus? Hat die Komplexität größerer städtebaulicher Projekte tatsächlich so stark zugenommen und ihre Akzeptanz ebenso stark abgenommen, dass sie nur noch bedingt planbar sind?

Umbruch und Neuorientierung durch Globalisierung, Digitalisierung, demografischen Wandel, Migration und wirtschaftsstrukturelle Veränderungen prägen aktuell die Entwicklung vieler Städte in Deutschland und Europa. Damit verbunden sind eine nachlassende Bindungskraft gemeinsamer Leitbilder und ein allgemeiner Verlust an Berechenbarkeit. So werden Städtebauprojekte immer wieder Gegenstand kontrovers geführter gesellschaftlicher Debatten. Wie können Städtebau und Stadtentwicklung auf diese Veränderungen reagieren? Wie kann unter derart veränderten Vorzeichen weiterhin hohe städtebauliche Qualität gewährleistet werden, und welche Kriterien gelten dabei?

Bedingte Planbarkeit neu zu nutzen und die Praxis durch konkretes Handeln zu verändern, ist vor diesem Hintergrund eine Herausforderung, die nur gemeinsam bewältigt werden kann. Auf Einladung der Stiftung diskutierten zunächst rund 40 Expert:innen aus unterschiedlichen Disziplinen und fachlichen Zusammenhängen über aktuelle Projekte, wichtige Trends und Entwicklungen auf diesem Gebiet. Dabei gab es keine konkreten Zielvorgaben. An die Stelle eines fachlich festgelegten Fokus trat die offene Auseinandersetzung mit den Positionen und Erfahrungen, die die Beteiligten aus beruflichen, gesellschaftlichen und geografischen Zusammenhängen mit sich brachten. Der Diskurs war nicht vorrangig akademisch-wissenschaftlich ausgerichtet, sondern empirisch aufgefächert und stets auf Augenhöhe mit der Praxis.

Um den Diskussionsprozess mit Forscher:innen und Planer:innen mit Impulsen zu versehen, veröffentlichte die Wüstenrot Stiftung 2016 ein Positionspapier, dessen Kern ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel und eine neue Haltung in Städtebau und Stadtentwicklung bildet. Damit kann ein Verlust an Berechenbarkeit und Kontrolle zugleich als eine wichtige Chance begriffen werden, um eine höhere Qualität der Beteiligung und in den Ergebnissen zu erreichen. Zwei Werkstattgespräche in Stuttgart und Berlin sowie mehrere regionale Fachveranstaltungen, die das Positionspapier zum zentralen Thema machten, trieben die Auseinandersetzung weiter voran.

Das Forschungsprojekt mündete schließlich Ende 2020 in eine Publikation, in der zahlreiche Autor:innen und Gesprächspartner:innen zu Wort kommen. Ein „Band der Stimmen“ fasst die Ergebnisse in 41 Beiträgen und Interviews zusammen, die sich auf unterschiedliche Weise den vielfältigen Aspekten von bedingter Planbarkeit in Städtebau und Stadtentwicklung widmen. Sie spiegeln institutionelle und persönliche Erfahrungshorizonte aus Stadt- und Regionalplanung, aus Architektur und Stadtentwicklung, aus Kulturwissenschaften und Soziologie wider.

Fest steht: Es ist Zeit für einen Perspektivwechsel. Es gibt nicht einen Lösungsansatz, sondern viele. Bedingte Planbarkeit ist keine Restriktion, denn der wahrgenommene Verlust von Berechenbarkeit und Kontrolle lässt sich auch als Chance begreifen. Es entsteht ein neues Potenzial für eine höhere Integrationsfähigkeit, für einen veränderten Umgang mit Ressourcen und für die kreative Weiterentwicklung der vorhandenen Instrumente.

Publikation „Bedingt planbar“. Stadtmodell Slussen in Stockholm. Foto: Christina Simon-Philipp
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