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Architecture
01. November 2020

Zwischen Bauhaus und Brutalismus

Heute noch ansehen: Eine Wanderausstellung der Königlich Dänischen Botschaft in Berlin zeigt spätmodernistische „Gesamtkunstwerke“ von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland

Berliner haben heute noch die Möglichkeit, die spätmodernistische Ausstellung „Gesamtkunstwerke“ im Fellehus, Nordische Botschaften, Berlin zu sehen. Dort wird die Wanderschau – mit coronabedingter Unterbrechung im November – bis zum 10. Januar 2021 gezeigt.

„Ein Für und Wider wäre schon ein positives Zeichen, denn ein Haus, über das man nicht redet, ist meist nicht der Rede wert,“ lautete das Credo des dänischen Architekten Otto Weitling. Oft gemeinsam mit dem international berühmten Architekten und Designer Arne Jacobsen hat er in den 1960iger und 1970iger-Jahren in Deutschland eine Anzahl heute teils denkmalgeschützter Bauten entworfen. Anlässlich des deutsch-dänischen Freundschaftsjahres widmet sich nun eine Wanderausstellung im Berliner Felleshus der Nordischen Botschaften diesem Kapitel modernistischer Architektur.

Über Jacobsens Gebäude wurde nicht nur zu ihrer Entstehungszeit durchaus geredet – und nicht selten auch heftig gestritten. Wie etwa über das Mainzer Rathaus. Ein „vergitterter Bunker“ klagte die „Welt“ 1968, als Jacobsens und Weitlings Entwurf den ersten Preis bei dem von der Stadt ausgelobten Architekturwettbewerb gewann. Das Gebäude fördere Bürgersinn und Bürgerstolz, frohlockte stattdessen die Jury. „Das Rathaus – als ein Zentrum kommunaler Demokratie – soll den Bürgern demokratische Gesellschaftsordnung und parlamentarische Bildung innerhalb ihres vertrauten Lebensbereichs, der Stadt, anschaulich und erlebbar vermitteln.“

Arne Jacobsen galt als Perfektionist, der kein Detail aus der Hand gab. Mit dem SAS Hochhaus in Kopenhagen hatte er ein Gesamtkunstwerk entworfen, das von der Konstruktion über die Möbel bis hin zum Aschenbecher reichte. So viele Freiheiten wie in seiner Heimatstadt hatte er beim Mainzer Rathaus zwar nicht, doch gestaltete Jacobsen auch hier das Interieur: Die 460 elegant geschwungen Stühle „Lilie“ und „Möve“ aus der legendären „Serie 7“ korrespondierten mit der schnörkellosen Strenge des Gebäudes. Aktuell fordert eine Gruppe von Brutalismus-Liebhabern, „Die Betonisten“, eine denkmalgerechte Sanierung des Gesamtkunstwerkes.

Auch wenn er mit den modernsten Materialien seiner Zeit arbeitete, hatte Jacobsen keine Berührungsängste mit alten Baustilen. In der Herrenhäuser Gartenanlage in Hannover verbindet ein gläsernes Foyer ein barockes Galeriegebäude mit dem Museum Schloss Herrenhausen. Die obere Ebene des Foyers setzt sich aus drei freistehenden, durch Stege verbundenen Podesten zusammen: Sie bewirken, dass Tageslicht auch ins Untergeschoss strömt. Die Fassade besteht raumhohen, von Glasschwertern gehaltenen Scheiben, wodurch die Grenzen zwischen Innen und Außen aufgehoben sind.

Auch in Berlin setzte Jacobsen dieses Prinzip um. Hier schuf er vier Wohnhäuser im Berliner Hansaviertel mit einem „Zimmer im Grünen“. Rund um ein Atrium, das den Grundriss bestimmt, sind die Räume U-förmig angeordnet. Die Bewohner können sich unbeobachtet im Freien aufhalten, Glasfronten sorgen für lichtdurchflutete Innenräume.

Jacobsens und Weitlings Interesse galt auch der Stadtentwicklung. Im Architekturwettbewerb für das Forum Castrop-Rauxel, einen Ortsmittelpunkt mit Sporthalle, Rathaus und Restaurant, setzten sich Jacobsen und Weitling gegen Stars wie Alvar Aalto und Egon Eiermann durch. Als Jacobsen 1971 starb, führte Weitling das Projekt mit Hans Dissing fort.

Die Ausstellung zeigt Ausdrucksformen eines dänisch-deutschen Modernismus, die bislang wohl eher einem Fachpublikum bekannt waren. Darüber hinaus spiegelt es die Bandbreite des gestalterischen Könnens von Arne Jacobsen, die vom städtebaulichen Entwurf hin zu Besteck, Uhren, Leuchten und Möbeln reicht. So ist es nur konsequent, dass Designklassiker wie Ei, Ameise und Schwan – so die Namen der berühmten Stühle – die Schau abrunden.

„Mit dem populären Möbeldesigner Jacobsen schmückt man sich, dagegen scheint es schwer, sich für seine und Weitlings Architektur zu engagieren“, konstatieren die Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog. Mit ihrer Ausstellung und der begleitenden Publikation jedenfalls korrigieren sie dieses Bild skandinavischer Formgebung, jenseits von hygge.

Text: Inge Pett

Begleitpublikation: Hendrik Bohle / Jan Dimog (Hrsg.). Gesamtkunstwerke. Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland, 2020

Arne Jacobsen und Otto Weitling (beide mit Brillen) an der Baustelle des Rathaus Mainz. Foto: © Klaus Benz, Stadtarchiv Mainz
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