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Architecture
19. Juli 2020

Vergessen und wiederentdeckt

Umbo prägte die Fotografie der 1920er Jahre maßgeblich. Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie (noch bis 20. Juli) feiert mit rund 200 Werken das Gesamtwerk des Avantgardisten

In der fotografischen Avantgarde der 1920er Jahre sorgte Otto Maximilian Umbehr alias Umbo (1902 bis 1980) für Furore. Er ist neben László Moholy-Nagy einer der besten Fotokünstler, die aus dem Bauhaus hervorgegangen sind, und gilt als Erfinder des Bildes der Neuen Frau, des neuen Bildes der Straße und der fotografischen Reportage. Die Fotografie des Neuen Sehens beeinflusste er mit seiner Experimentierfreude nachhaltig. Seine monochromen Fotografien zeichnen sich durch scharfe Kontraste, einer großen Nähe zu den Porträtierten und außergewöhnliche Bildausschnitte aus. Noch bis zum 20. Juli ist die erste große Retrospektive des Fotografen nach 24 Jahren in Berlin zu sehen. „Umbo. Fotograf. Werke 1926–1956“ ist eine Ausstellung des Sprengel Museum Hannover, die in Kooperation mit der Berlinischen Galerie und der Stiftung Bauhaus Dessau entstanden ist und 200 Werke sowie zahlreiche Dokumente präsentiert.

Umbo, 1902 in Düsseldorf geboren, besuchte zwischen 1921 und 1923 die Bauhaus-Hochschule in Weimar. Dort lernte er bei Johannes Itten. „Umbo war ein sehr unkonventioneller Typ, und die Strukturen der Schule liefen ihm zuwider“, erzählt Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie. „Er hat nach knapp zwei Jahren entschieden, mit dem Studium in Weimar nicht weiterzumachen, und ist nach Berlin gegangen.“ Dort experimentierte mit Montagen und extremen, expressiven Sichtachsen: Straßen fotografierte er bei tief stehender Sonne so von oben, dass die Schatten der Personen und Gegenstände abstrakte Muster auf die Bildfläche werfen, zu erzählerischen Elementen werden und fantastische Landschaften entstehen. Umbo fiel mit seinem fotokünstlerischen Talent auf, unter anderem, weil er zwei konträre Techniken – Großaufnahmen im Filmstil und streng komponierte Tafelbilder im Bauhausstil – miteinander kombinierte. „Umbo hat keine klassische Fotografenausbildung durchlaufen“, führt Museums-Chef Thomas Köhler weiter aus. „Er ist ein Autodidakt und wurde in den 1920er-Jahren über Nacht berühmt. Er hatte viele Aufträge und hat einige Bilder geschaffen, von denen wir glauben, dass sie zum kollektiven Gedächtnis heute dazugehören.“ Bis 1933 gilt Umbo als der Rising Star der nun erstmals als Kunstform gewürdigten Fotografie und wird von den Zeitgenossen gefeiert.

„Eine Reihe Fotografien sind im Strandbad Wannsee entstanden, die das Freizeitgefühl in den späten 20er-Jahren, frühen 30er-Jahren vermitteln“, erklärt Thomas Köhler. „Das Strandbad Wannsee ist für Berlin eine ausgesprochen wichtige Einrichtung, denn es steht für ein gewandeltes Körperbewusstsein in den 20er-Jahren. Es gibt öffentliche Aufträge, Bauaufträge, die Freizeiteinrichtungen realisieren, und das ist auch beim Strandbad Wannsee der Fall. Ende der 20er-Jahre ist es realisiert worden und ein typisches Beispiel für die neue Architektur. Ein Zeichen dafür, dass sich das komplette Freizeit- und Sportverhalten der Menschen gewandelt hatte. Besonders gut kann man das hier an den drei Mädchen (Foto) sehen, die sich im Strandbad aufhalten. Sie tragen ganz moderne, knappe Badeanzüge und sind die Prototypen der neuen Frau: Kurze Haare, schlank, mit fast schon androgyner Figur. Daran manifestiert sich tatsächlich dieser neue, sehr selbstbewusste, fast schon feministische Geist der Zeit.“ 1943 wurden bei einem Bombenangriff auf Berlin über 50.000 Negative in Umbos Atelier vernichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte der Künstler bis zu seinem Tod 1980 in Hannover und hielt sich dort allerdings mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Erst ab den 1970er-Jahren wurde der einstige Avantgardist der deutschen Fotokunst wieder wahrgenommen. In hohem Alter wurde er dank seines Galeristen Rudolf Kicken wiederentdeckt. Unterstützt wurde er dabei von Umbos Tochter Phyllis. 2016 wurde sein Nachlass wurde von der Stiftung Bauhaus Dessau, dem Sprengel Museum und der Berlinischen Galerie gemeinsam erworben.

Text: Ute Strimmer

Katalog zur Ausstellung: Umbo. Fotograf, hrsg. von Inka Schube, mit Beiträgen von Inka Kristina Blaschke-Walther, Ute El Nahawi und Maria Bortfeldt, Michael Glasmeier, Stella Jaeger, Anthea Kennedy und Ian Wiblin, Angela Lammert, Annelie Lütgens, Sabrina Madanici, Patrick Rössler, Bernd Stiegler, Christoph Wagner, Georg Wiesing-Brandes, Inka Schube, deutsch/englisch, 336 S., 320 Abb., Museumsausgabe: 48,00 Euro, Buchhandelsausgabe 78 Euro

Umbo, Strandbad Wannsee, um 1930. Foto: © Phyllis Umbehr/Galerie Kicken Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Titelbild: Apartment-Haus von Architekt Mies van der Rohe in Chicago, 1952, Sprengel Museum Hannover. Foto:© Phyllis Umbehr/Galerie Kicken Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2020