Become a Member
← Alle Artikel
Longlife Learning
25. Juni 2020

„Man muss kein Feminist sein, um Lohnungleichheit­ ungerecht zu ­finden“

Der „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums errechnet anhand von 14 sozialen Indikatoren, wie groß die Lücke zwischen den Geschlechtern ist. Deutschland darf sich rühmen: Die Lücke hierzulande ist so klein, dass wir es auf Platz zehn des Rankings geschafft haben. In der Kategorie Wirtschaft hat sich die Bundesrepublik allerdings im Vergleich zum Vorjahr deutlich verschlechtert: Bezahlung, Führungspositionen und Elternzeit sind Bereiche, wo es viel Raum für Verbesserung gibt. Wie diese Faktoren Frauen in Deutschland betreffen und warum die Planung auf Frauen Rücksicht nehmen sollte, hat NXT A mit Tanja Mölders, Juniorprofessorin für Raum und Gender an der Leibniz Universität Hannover, gesprochen
NXT A: Die #me-too-Debatte hat über 200 ­Männer in den USA ihren Job gekostet, die Women´s Marches sind von Amerika­ nach Europa geschwappt, und der Frauenstreik in der Schweiz 2019 ging als größte politische Demonstration in die neuere Geschichte der Eidgenossenschaft ein. Kritikern zufolge sind diese Bewegungen unnötig, denn in den westlichen Ländern sei die Gleichberechtigung längst voll­zogen. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Tanja Mölders: Das Argument, dass Frauen und Männer schon längst gleichberechtigt seien, wird ganz gerne vorgebracht. Tatsächlich ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Deutschland gesetzlich verankert, ebenso wie die Strategie des Gender Main­streaming. Faktisch gibt es aber trotzdem viele Bereiche, wo Männer und Frauen nicht gleichberechtigt sind. Der Gender Pay Gap zeigt deutliche Differenzen im Bruttoeinkommen zwischen Männern und Frauen, Frauen sind in Führungspositionen seltener vertreten, und es sind vielfach die Frauen, die sich zugunsten der Familie aus der Erwerbstätigkeit zurückziehen. All diese Dinge kann man schwerlich als individuelle Entscheidungen von individuellen Frauen werten – sie verweisen uns darauf, dass bestimmte Rollenvorstellungen und so etwas wie eine gläserne Decke existieren.
NXT A: Was bedeutet Gender Mainstreaming?
Tanja Mölders: Das ist eine Strategie, die aus der Frauen­bewegung hervorgegangen ist. Sie funktioniert als Top-Down-Strategie und sieht vor, dass bei allen Maßnahmen berücksichtigt werden muss, wie sie sich auf die Geschlechter und die Geschlechterverhältnisse auswirken. Angewendet auf die räumliche Planung und Entwicklung heißt das Gender Planning. In der Praxis bedeutet das beispielsweise, dass ich bei der Planung von öffentlichen Räumen die Aneignungs- und Raumnutzungsmuster von Frauen und Männern mitdenke und danach frage, welche Bedürfnisse sich aus welchen Lebenswirklichkeiten ergeben.
NXT A: Zurück zur gläsernen Decke: In der Landschaftsarchitektur haben nur 30 Prozent der Büros eine weibliche Spitze, die restlichen 70 Prozent sind männer­geführt. Woran liegt das?
Tanja Mölders: Es studieren mehr Frauen als Männer Landschaftsarchitektur. Die Frage ist also, wer fängt unten an, und wer kommt oben in führender Position an? Ich habe das nicht spezifisch untersucht, aber meiner Meinung nach zeichnet sich da etwas ab, was man auch in anderen Bereichen sieht: Frauen sind verhaltener, wenn es darum geht, in Führung zu gehen oder sich selbstständig zu machen. Die Phase der Bürogründung fällt oft auch in einen Zeitraum, wo Familiengründung eine Rolle spielt, sodass Frauen sich nicht noch mit einer zusätzlichen Baustelle belasten wollen.
NXT A: Apropos Baustelle: Diese gilt als unattrak­tives Arbeitsumfeld für Frauen, es gibt kaum Bauleiterinnen. Wie kann man das ändern?
Tanja Mölders: Die Baustelle ist ein männlich geprägter Ort. Nicht nur, weil dort mehr biologische Männer unterwegs sind, sondern auch was den Habitus und die Sprache angeht. Ich höre von meinen Studierenden immer wieder, dass sie sich auf der Baustelle mit sexistischen Aussagen oder Sprüchen auseinandersetzen müssen. Gleichzeitig habe ich aber auch immer wieder Studentinnen, die sich auf der Baustelle wohl­fühlen und sich vorstellen können, dort zu arbeiten. Es wäre bestimmt sinnvoll, auf den Umgang auf der Baustelle bereits im Studium vorzubereiten und die Frage zu stellen: „Was ist da eigentlich los und wie positioniere ich mich?“
NXT A: Teilen Ihre Studentinnen noch andere, ähnliche Erfahrungen mit Ihnen?
Tanja Mölders: Meine Architekturstudentinnen werden schon mal mit Äußerungen wie „Entwurf ist Männersache“ konfrontiert. Das finde ich eine harte Aussage. Ich höre aber auch von Büroleiterinnen, die für Sekretärinnen gehalten wurden, weil es immer noch die Erwartungshaltung gibt, dass der Chef ein Mann ist. Im Großen und Ganzen machen meine Studentinnen aber wenige solcher Erfahrungen und sehen dadurch auch nicht die Notwendigkeit, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.
NXT A: Das ist doch positiv.
Tanja Mölders: Durchaus. Aber dadurch verstärkt sich auch der Glaube daran, dass es sich bei Gleichberechtigungsfragen um individuelle Probleme handelt. Viele Studierende sind der Meinung, dass die Gleichberechtigung status quo ist. Erst durch Erfahrungen in der Praxis, gerade wenn es um Kinder und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, merken sie, dass wir als Gesellschaft möglicherweise weniger weit sind, als sie dachten.
NXT A: Laut BDA verdienen Vollzeit arbeitende Landschaftsarchitektinnen 8 000 Euro weniger pro Jahr als ihre Arbeits­kollegen. Warum bringt Lohnungleichheit die Gemüter so in Rage?
Tanja Mölders: Gerade bei diesem Thema ist die Un­gerechtigkeit sehr greifbar. Man muss kein Feminist sein, um der Meinung zu sein, dass es ungerecht ist, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts für gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt werden. Frauen haben 2018 in Deutschland insgesamt 21 Prozent weniger verdient als Männer. Wenn Frauen auch noch weniger arbeiten, vergrößert sich der Unterschied. Und es stellt sich die Frage, wieso Erwerbs- und Reproduktionsarbeit zwischen Frauen und Männern so aufgeteilt ist.
NXT A: Man hört oft, dass Frauen Kinder wollen und sowieso nur Teilzeit arbeiten und deswegen selber verantwortlich dafür seien, dass sie weniger verdienen und weniger Führungspositionen einnehmen.
Tanja Mölders: Das ist diese „Jeder ist seines Glückes Schmied“-Argumentation. Die funktioniert so nicht. Es sind ja nicht nur Frauen, die Kinder wollen, sondern Paare. Da stellt sich die Frage, wie unsere Gesellschaft zur vollen Erwerbstätigkeit steht, die möglicher­weise in bestimmten Lebens­phasen schwer zu realisieren ist – zum Beispiel, wenn es um Familie geht. Wenn dann die Person, die sich entscheidet, sich um die Kinder zu kümmern und die Stunden zu reduzieren, damit ihre Karriere ruiniert, dann ist das eine Ungerechtigkeit. Nicht nur Frauen gegenüber, sondern dieser bestimmten Lebenssituation. Die aber die Realität vieler Frauen ist. Das müsste sie aber nicht sein. Man könnte es mit dem Elterngeld beispielsweise anders regeln. Es wird einfach faktisch nicht so umgesetzt. Gefühlt ist es ein individuelles Problem – die Paare können ja gemeinsam ent­scheiden, wie sie das handhaben wollen. Getroffen wird diese Entscheidung aber basierend auf strukturellen Faktoren. Da arbeitet beispielsweise der Mann weiterhin Vollzeit, weil sein Gehalt das höhere ist oder weil er in seinem Betrieb nicht auf seinen alten Posten zurückkehren könnte. So wird das strukturelle Problem indivi­dualisiert.
NXT A: Wo müssten Staat und Arbeitgeber ansetzen, um beiden Eltern zu ermöglichen, sich beruflich zu verwirklichen?
Tanja Mölders: Zuerst einmal müsste es selbstverständlich sein, dass Männer über die zwei soge­nannten Vätermonate hinaus in Elternzeit gehen und dass sie dafür, statt sanktioniert zu werden, Anerkennung erhalten. Arbeitgeber können Modelle wie Job-Sharing und Doppelspitzen einführen. Aber es ist vor allem wichtig, dass wir dieses starre Bild davon, wie „Karriere machen“ aussieht, grundlegend ändern.
NXT A: Weg von den Klischees also. Wie zum Beispiel „Frauen reden zu wenig in Meetings, sie können sich nicht so gut durchsetzen und ihre Ideen werden von Kollegen nicht ernst genommen“, oder?
Tanja Mölders: Ich würde sagen, dass da tatsächlich etwas dahintersteckt. Es gibt sicherlich Frauen, die in Diskussionen sehr dominant sein können, die Leute unterbrechen oder all diese Phänomene zeigen, die man als „männliche Sprache“ oder „männliches Verhalten“ etikettieren würde. Meine Beobachtung ist, dass Frauen häufig weniger konfrontativ und immer auf der Suche nach einer guten Lösung für alle sind.
NXT A: Das klingt so, als könnten viele Dis­kussionen davon profitieren.
Tanja Mölders: Dieses Verhalten hat Vor- und Nachteile, sollte aber nicht das Argument dafür sein, Frauen in eine Runde zu integrieren: Weil sie ja so kommunikativ sind und der „Gesprächskultur guttun“. Das ist kein biologisches Problem, sondern eine erlernte Geschlechterrolle, die man so nur weiter festigt. Mein Anliegen ist es, solcherart Geschlechterrollen aufzu­brechen. Eine sinnvolle Quotierung ist beispielsweise, wenn auf einem Podium gleich viele Frauen wie Männer sitzen und alle die gleichen Redeanteile erhalten.
NXT A: Eine Quotierung wäre vielleicht auch bei Partizipations-Workshops sinnvoll: Es ist nachgewiesen, dass Frauen daran ­weniger teilnehmen als Männer. Sie verpassen damit die Gelegenheit, Räume ­ihren Bedürfnissen gerecht mitzu­ge­stalten. Woran liegt das?
Tanja Mölders: Das kann einerseits an den erlernten Geschlechterrollen liegen: Frauen nehmen sich in Diskussionen zurück, trauen sich nicht zu, ihre Meinung zu äußern, und denken, es fehle ihnen an Expertise. Andererseits muss man auch die Rahmenbedingungen der Workshops hinterfragen. Zu welcher Uhrzeit finden sie statt? Vormittags schließen sie die Erwerbs­tätigen aus, also meist abends. In Familien müsste entweder ein Babysitter organisiert werden, oder es nimmt nur ein Elternteil teil. Und das ist dann möglicherweise, aus den eben genannten Gründen, der Mann.
NXT A: Warum sollte man in der Planung überhaupt Rücksicht auf Frauen nehmen? Kann man nicht einfach für alle planen?
Tanja Mölders: Planung gestaltet die Gesellschaft und drückt immer Normen und Werte aus. Dazu gehört auch die Kategorie ­Geschlecht. Aber natürlich genauso andere gesellschaftliche Strukturkategorien, wie Alter und Ethnizität, körperliche Be­fähigung etc. Das vereint sich heute vielfach unter dem Stichwort Diversity Planning. Und so wird auch diskutiert, ob Gender Planning mittlerweile vielleicht überflüssig geworden ist. Wir sollten uns jedoch vor Augen halten, dass viele Ansätze, die wir heute als gute Planung bezeichnen, wie etwa die Stadt der kurzen Wege oder Funktionsmischung, alte feministische Forderungen sind. Es ist schön zu sehen, dass diese Ansätze im Mainstream der heutigen Planung angekommen sind, und gleichzeitig muss man die Kämpfe würdigen, die dafür ausgefochten wurden. Was Gender Planning darüber hinaus auszeichnet, ist, dass es eine kritische Perspektive ist, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse infrage stellt – ein Grund, weshalb man sie noch nicht gleich ad acta legen sollte.
NXT A: Wenn wir von Gender Planung noch konkreter zu frauengerechter Planung übergehen – wie sieht diese aus und ist das überhaupt noch ein zeitgemäßes Konzept?
Tanja Mölders: Von frauengerechter Planung würde heute tatsächlich niemand mehr sprechen, weil dieser Begriff ja davon ausgeht, dass Männer und Frauen biologisch unterschiedliche Wesen mit verschiedenen Bedürfnissen sind. Wenn ich aber anerkenne, dass Geschlecht eine soziale Strukturkategorie ist und dass sich aus diesen vermeintlich biologischen Tat­sachen soziale Konsequenzen ableiten, die ich kritisiere, wie zum Beispiel die Zuständigkeit von Frauen für Reproduktionsarbeit, kann ich das in meine Betrachtung und Gestaltung von Räumen einbeziehen. Dann kann ich mich fragen, wie Räume gestaltet sein müssen, damit keine Trennung von Produktion und Reproduktionsarbeit darin festgeschrieben ist.
NXT A: Als klassisches Beispiel für frauengerechte Planung gelten Frauenparkplätze und die Beleuchtung von Parks – ist das immer noch ein Teil von Diversity Planning?
Tanja Mölders: Ja. Die Planung kann auf sogenannte Frauen-Angsträume relativ einfach ge­stalterisch reagieren. Das ist aber auch ein kritisches Thema, weil die so beschriebenen Räume Frauen als Opfer darstellen und soziale Probleme – nämlich die Gewalt an Frauen – in eine baulich-­materielle Ebene überführt werden. Faktisch ist es so, dass Gewalt gegen Frauen vielmehr im privaten Raum passiert, die größten Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum sind junge Männer mit Migrationshintergrund. Es sind also keine Frauen-Angsträume, sondern Räume, die subjektiv als unsicher empfunden werden. Und die sollte man vermeiden und qualitativ hochwertige Räume schaffen, wo Menschen sich wohlfühlen. Egal ob für Frauen oder junge Männer mit Migrationshintergrund. Wenn wir immer von Frauen-Angsträumen reden, stabilisieren wir damit nur das Bild von der Frau in der Opferrolle.
NXT A: Zu guter Letzt: Was müssen wir heute ändern, um den Planerinnen der kommenden Generationen den Weg zu ebnen?
Tanja Mölders: Wir müssen sie stärken und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Geschlechterunterschiede durchaus eine Rolle spielen können, damit sie nicht überrascht sind oder überrumpelt werden. Wir sollten sie an den Universitäten gut ausbilden, auch durch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema: Inwiefern spielt Geschlecht eigentlich für Planung eine Rolle? Und dann sollten wir uns natürlich insgesamt als Gesellschaft von bestimmten Lebens­entwürfen verabschieden, die sich doch immer noch sehr stark an männlichen Erwerbs­arbeitsmodellen orientieren.
Text: Vera Baeriswyl
Tanja Mölders ist Nachhaltigkeits­wissenschaftlerin. Sie hat Kultur- und Umwelt­wissenschaften in Lüneburg studiert und arbeitet zu den Verbindungen zwischen gesellschaftlichen Natur- und Geschlechter­verhältnissen aus raumwissenschaftlicher Perspektive. In der Lehre an der Fakultät für Architektur und Landschaft ((Leibniz Universität Hannover, Forum für GenderKompetenz in Architektur | Landschaft | Planung, gender_archland) legt sie einen Schwerpunkt auf nachhaltige Raum­entwicklung und Gender Planning.
Tanja Mölders, Juniorprofessorin für Raum und Gender (Leibniz Universität Hannover, Forum für GenderKompetenz in Architektur | Landschaft | Planung, gender_archland). Foto: FAL / Julian Martitz