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Zeitgenössische Interpretation einer Piazza

Für den Apple-Store in Mailand hat das Büro Foster + Partners zwei typische Elemente italienischer Platzgestaltung – Stein und Wasser – miteinander kombiniert. Überhöht durch eine Glasvitrine, ist er zu einem öffentlichen Spektakel geworden.

Architekturhistorisch ist die Typologie der Ladenarchitektur ein kaum erforschtes, doch hochinteressantes Studienobjekt unserer Zeit. Denn sie spiegelt die Tragik unserer globalisierten Welt wider: Das kommerzielle Projekt muss weltweit ein erkennbares, immer gleiches Corporate Design aufweisen, sich aber gleichzeitig den lokalen klimatischen, gesellschaftlichen und städtebaulichen Bedingungen anpassen. Wenn also ein US-amerikanischer Konzern ein britisches Architekturbüro beauftragt, seine Hauptfiliale in Italien zu entwerfen, müssen schon vor dem Entwurfsprozess konzeptuelle und gestalterische Fragen behandelt werden – die wahrscheinlich wichtigste: An welches relevante lokale Umfeld kann sich so ein Projekt andocken?

Zum Apple-Store in Mailand erklärt das Büro Foster + Partners, es habe sich vom italienischen öffentlichen Raum inspirieren lassen: als zeitgenössische Interpretation der Piazza. Eine Referenz, die ausländische Architekten gerne verwenden, wenn sie in Italien bauen – und eine, die oft nur leeres Gerede bleibt. Beim Apple-Store in Mailand aber haben die Architekten den Bezug zu nutzen gewusst. Denn der Bauplatz, die „Piazza del Liberty“, sah vor der Verwandlung wie alles andere, nur nicht wie eine Piazza aus. Wenige Meter vom Dom entfernt, diente sie meist als Parkplatz.

Im Unterschied zu den meisten europäischen Apple-Läden, die in das Erdgeschoss von bestehenden Gebäuden integriert werden, ist die neue Handelsfläche in der Mitte des Platzes sowohl in ihrer Erschließung als auch in ihrem Erscheinungsbild etwas völlig Neues: Drei Hauptelemente bestimmen den Entwurf: die unterirdische Verkaufsfläche, die sich in den ehemaligen Kinosälen ausbreitet, eine darüberliegende breite Freitreppe und eine Brunnenanlage aus Glas auf Platzniveau, die die drei Ebenen verbindet. An seiner Schmalseite betreten die Besucher eine überdachte Treppe, die zwischen den beiden Wasserfällen hinunter zu den unteren Ebenen führt.

Während die aufsehenerregende Brunnenanlage als Aushängeschild der kalifornischen Firma im öffentlichen Raum dient, bildet der stufenförmig angelegte Platz, der unter das Straßenniveau fällt, das neue Herz der Piazza. Die Freitreppe führt hinunter ins erste Untergeschoss, wo zwei Glastüren das Zwischengeschoss des Treppenhauses erschließen und damit einen zweiten Eingang zum Laden bilden.

Auf die steinernen Stufen setzen sich im Laufe des Tages sowohl Grüppchen von Jugendlichen, Touristen wie auch Angestellte im Anzug. Der eigentliche Apple-Store liegt auf der Ebene des ehemaligen Kinos. Der neue Mailänder Laden wurde als erster Flagship-Store in Italien im Sommer 2018 mit großem Tamtam eröffnet und ist zweifellos einer der bemerkenswertesten Europas. Mit derselben Strategie, mit der Mailand in den letzten Jahren zahlreiche neue Facetten erhalten hat – etwa durch die Quartiere „Porta Nuova“, „CityLife“ und die Fondazione Prada – entstand nun erneut durch die Zusammenarbeit mit einer Privatfirma die Chance, dass die Stadt ihren öffentlichen Raum radikal neu gestalten kann.

Text: Leonardo Lella

Titelbild: Bildunterschrift: Clevere Stadtverwaltung: Das Privatunternehmen finanzierte die neue Piazza del Liberty mitten in Mailand. Links im Bild die Jugendstilfassade, die dem Platz seinen Namen gibt. Foto: © Apple