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Seltsam unsichtbar: Baukunst aus Frauenhand

Die englische Architekturhistorikerin Jane Hall stellt in einem 2019 erschienenen Bildband internationale Architektinnen vor, die sich seit dem Ersten Weltkrieg in der Männerdomäne durchgesetzt haben

Die Architekturszene ist immer noch männlich dominiert, obwohl Architekturstudierende heute zur Hälfte weiblich und Architekturprofessorinnen sichtbar auf dem Vormarsch sind. Den Weg in den Beruf findet aber nur eine kleine Minderheit hartgesottener Frauen, die wenigsten gründen ein eigenes Büro. Im Kampf um Aufträge und Reputation ziehen sie offenbar den Kürzeren, was daran liegen könnte, dass nahezu alle Jurys mit in die Jahre gekommenen Herren besetzt sind, die in ihren Geschlechtsgenossen mehr Potential sehen wollen als in den Kolleginnen.

Und wenn sie es doch schaffen, bleiben Frauen seltsam unsichtbar, bis auf die 2016 verstorbene Zaha Hadid, die nur zur Legende wurde, weil sie mit ihren maßlos überwältigenden, mit Hilfe von Computerprogrammen optimierten Entwürfen das laute Imponiergehabe der Männer bestens zu bedienen wusste und Monumente fürs eigene Ego gleich reihenweise hinterließ. Dabei trauen sich Architektinnen wie Liz Diller oder Annabelle Selldorf längst an Projekte heran, die einer Mega-City wie New York etwa ihren Stempel aufdrücken – Diller mit der High Line Park und dem neuesten Kultur-Tempel The Shed, Selldorf mit Wohnhochhäusern und dem Umbau von Museen und Top-Galerien.

Dass die beiden keine Ausnahmeerscheinungen mehr sind, beweist die englische Architekturhistorikerin Jane Hall nun mit ihrem überaus informativen Prachtband „Breaking Ground“. Sie hat 182 realisierte Meisterwerke aufgespürt, die eine Vorstellung auf jeweils einer Seite mit Farbfoto und biografischer Notiz lohnen. Ergänzend entwirft am Ende eine Zeitachse ein Entwicklungspanorama, ausgehend von Marion Mahony Griffin´s „Rock Crest-Rock-Glen“ von 1912 bis zu Stephanie MacDonald´s „MK Gallery“ von 2019. Darunter finden sich auch Bauten, die in einem zweigeschlechtlich geführten Büro entstanden sind. Nach gender-spezifischen Unterschieden sollte man aber erst gar nicht Ausschau halten, auch wenn Architektinnen, die mit phallischen Formen punkten wollen, eher Mangelware sind. Man findet sie nur vereinzelt bei der umwerfend futuristischen Chinesin Dang Qun oder bei der mit architekturhistorischen Verweisen wenig geizenden Niederländerin Liesbeth van der Pol.

Dafür begegnet man in dem erfreulich weit gefassten globalen Überblick der nigerianischen Architektin Mariam Kamara, die in Niger vom Wüstensand und postmodernen Elementen inspirierte Gebäude verwirklich hat. Oder der Inderin Anupama Kundo. Sie hat in Indien ein „Wall House“ gebaut, das die Kategorie Wand gehörig auf den Kopf stellt. Ivanka Raspopovic erschuf bereits 1965 in Belgrad ein geometrisch verspieltes Museum für zeitgenössische Kunst, während Minnette de Silva, als erste srilankinische Frau, die eine Ausbildung zur Architektin absolvierte, 1957 in Colombo einen Wohnkomplex baute, der eine tropische Moderne favorisierte.

Neben all diesen unerwarteten Entdeckungen gibt es selbstverständlich ein Wiedersehen mit einer Lily Reich, Denise Scott Brown oder Lina Bo Bardi – drei Architektinnen der älteren Jahrgänge, die zuletzt verstärkt in Ausstellungen und Publikationen begeistert rezipiert wurden. Man kommt beim Blättern ohnehin nicht aus dem Staunen heraus angesichts der Innovationskraft all dieser Frauen, die ihre „Visionen“ gegen heftigste Widerstände durchboxen mussten. Natürlich erlagen auch manche von ihnen fatalen Irrwegen, wie etwa Rosemary Stjernstedt, die in den 1950ern in London Sozialsiedlungen baute, die man heute aus der Rückschau unter dem Stichwort inhumane „Betonwüste“ ablegen muss. Aber die Vielfalt der Stile, Einfälle und Wagnisse, etwa das schottische Parlament in Edinburgh, das Benedetta Tagliabue 2001 in ein vibrierendes Amalgam aus kontrastreichen Baustoffen und flatternden Umrissen verwandelte, verschlägt den Atem. Jane Hall´s Hommage erweist den Pionierinnen und ihren inzwischen aus dem Vollen schöpfenden Enkelinnen eine mehr als verdiente Reverenz und sie stellt nicht zuletzt auch visuell überzeugend klar: Gute Architektur ist keine Frage des Geschlechts.

Text: Alexandra Wach

Titelbild: Die englische Architekturhistorikerin Jane Hall stellt internationale Architektinnen vor, die sich seit dem Ersten Weltkrieg in der Männerdomäne durchgesetzt haben. Foto: Phaidon Press