Become a member
← Alle Artikel

Sein Markenzeichen war die runde Brille

Fast ein Jahrhundert lang prägte er sein Umfeld mit spitzer Feder – als Stararchitekt und Karikaturist. Nun ist Gustav Peichl im Alter von 91 Jahren gestorben.

Der Österreicher Gustav Peichl starb am 17. November 2019 Zuhause in seiner Heimatstadt Wien, wo er im März 1928 geboren wurde. Wien war es auch, wo er 1953 sein Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste beendete und zwei Jahre später sein eigenes Architekturbüro gründete.

Als Architekt bildete er Architektur und wies ihr zugleich den Weg. Beispiel für die Moderne in Österreich sind seine tortenähnlichen ORF-Landesstudios. Während die Erdfunkstelle Aflenz, die sich eindrucksvoll in die Landschaft der Steiermark einfügt, zukunftsweisend nicht vorbildlicher durch ihre mustergültige Symbiose von Architektur, Technik und Umweltschutz in unsere Zeit passen könnte. Deutschland schätzt sich glücklich Peichls Bauten wie die Berliner Kindertagesstätte des Deutschen Bundestags, die Bundeskunsthalle in Bonn, den Anbau des Frankfurter Städel-Museums und die Münchner Kammerspiele als Glanzstücke der Architekturlandschaft sein Eigen nennen zu dürfen.

Gustav Peichl verstand nicht nur die Architektur, sondern auch die Politik und Gesellschaft, in der er lebte. Für die Medienhäuser Die Presse und ORF zeichnete er erstmals ab 1954 Karikaturen unter dem Decknamen Ironimus. Doch auch außerhalb von Österreich machte Peichl sich mit seinem Pseudonym einen Namen als zehn Jahre später seine gesellschaftskritischen und politischen Zeichnungen u.a. in der Süddeutschen Zeitung Platz fanden. Insgesamt über 12 000 Karikaturen, 3000 Cartoons und 120 Bücher veröffentlichte Peichl bevor er aufgrund eines Augenleidens 2015 gezwungen war, Ironimus in Pension zu schicken.

Die Verbindung zu Kunst und Kultur liest sich nicht nur zwischen den Zeilen seines Lebenslaufs. Peichl nahm an der documenta in Kassel und zweimal an der Architekturbiennale in Venedig teil. Beinahe 50 Jahre lang war er Mitglied des Österreichischen Kunstsenats, war Rektor und Professor der Akademie der bildenden Künste in Wien, Teil der Akademie der Künste in Berlin und Gastprofessor an der Harvard School of Design in Boston. In den 1960er Jahren war er Mitherausgeber der interdisziplinäre Kunst- und Architekturzeitschrift „Der Bau“. Seine zahlreichen internationalen Preise und Auszeichnungen wie der Große Österreichische Staatspreis, der Reynolds Memorial Award und der Mies van der Rohe Award bestätigen sein Wirken.

Wir haben mit Gustav Peichl einen bedeutenden Wiener, Architekten und Kulturschaffenden verloren. Einen Menschen, der seine Leidenschaft ausübte und sein Talent verstand. Bauen und Architektur begriff er als Summe aus Form, Funktion, Material, Farbe und Licht. Seine Handschrift als Ironimus zeigt feine Striche und Scharfsinn. Großen Gesten enthüllte er in seiner Architektur als Vertreter der klassischen Moderne mit Blick auf Traditionen, Witz und Sinnlichkeit.

Und falls wir den Meister seines Könnens, den Vordenker unserer Zeit und Gesellschaft, die ehrliche und einflussreiche Persönlichkeit Gustav Peichl aus den Augen verlieren sollten, schauen wir auf die Wiener Skyline und das erste Hochhaus der Donaustadt, Peichls Millennium-Tower.

 

Text: Jessica Mankel

Stararchitekt und Karikaturist Gustav Peichl (2008) Foto: APA/Georg Hochmuth