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Architecture
07. Mai 2021

Wohnprojekt verfolgt den Ansatz des „einfachen Bauens“

In Bayrischzell ist ein Wohnquartier in zukunftsweisender Massivholzbauweise geplant. Auf einem ehemaligen Bahnareal sollen auf rund 6.000 Quadratmetern insgesamt 69 Wohnungen entstehen

Die Zukunft liegt im energieeffizienten, einfachen Bauen mit Holz. Weg vom stahlbewehrten Beton mit seiner ungünstigen Energiebilanz. Weg von der Komplexität der Konstruktionen und Gebäudetechnik, die seit Jahrzehnten stetig steigt. Häuser aus Holz verlängern den Kohlenstoffspeicher aus dem Wald. Jeder Kubikmeter verbautes Holz bindet eine Tonne CO2 langfristig.

Dazu kommt, dass Holz andere Baustoffe wie Ziegel, Beton oder Stahl ersetzt. Diese sind im Gegensatz zu Holz in der Herstellung CO2-intensiv. Außerdem ist Holz vielseitig wiederverwendbar, schließlich muss man die zukünftige Entsorgung der beim Hausbau eingesetzten Materialien bei einem späteren Abriss bereits mitdenken. „Einfaches Bauen“ liegt voll im Trend. Bei „Einfachen Häusern“ wird Qualität neu definiert. Gleichzeitig sind „Einfache Häuser“ nebenbei auch meist „Low-Budget-Häuser“: es wird Geld gespart durch Verzicht auf Überflüssiges, der Entwurfs- und Planungsprozess ist ein gemeinsamer Prozess der Klärung, Bereinigung, Reduzierung und Vereinfachung.

Einfache Häuser sind oft auch Low-Tec-Häuser. Entgegen dem Trend zu immer mehr High-Tec in allen Lebensbereichen gibt es den Trend, gerade im Wohnbereich, zu Low-Tec. Die Vorteile von Low-Tec-Lösungen liegen auf der Hand: sie sind meist sehr langlebige bewährte mechanische Techniken, sie sind auch für den Laien leicht beherrschbar, sie verbrauchen keine elektrische Energie, und es kann weniger kaputt gehen.

Viele Gebäude von heute gleichen mit ihrer ganzen Technik hochgezüchteten Rennpferden. Leistungsstark, aber auch sehr anfällig. Dieser Übertechnisierung der Architektur möchten die Verfechter:innen des „einfachen Bauens“ Alternativen entgegenstellen. Während die Häuser früherer Zeiten Jahrhunderte überdauerten, ist die Haustechnik in den Gebäuden des 21. Jahrhunderts häufig nach kurzer Zeit schon reparaturanfällig. In der Voralpengemeinde Bayrischzell ist nun ein Wohnquartier nach den Prinzipien des „einfachen Bauens“ und in zukunftsweisender Massivholzbauweise geplant.

Auf einem ehemaligen Bahnareal sollen auf rund 6.000 Quadratmetern insgesamt 69 Wohnungen entstehen. An dem Projekt arbeitet der Münchner Immobilienentwickler Euroboden gemeinsam mit dem Architekten Florian Nagler. Der Münchner Architektur-Professor Florian Nagler erforscht Methoden für ein einfacheres, ökologisches Bauen und hat sie bereits an mehreren Forschungshäusern getestet. Der Planer ging aus einem internationalen, prominent besetzten Architektenwettbewerb hervor. Der von ihm entwickelte Ansatz des „einfachen Bauens“ soll auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände der Voralpengemeinde Bayrischzell ein Wohnquartier in Holzbauweise entstehen lassen, das der intakten Ortsstruktur in Bayrischzell Rechnung trägt.

Der Ursprungsentwurf wurde im Dialog mit der Gemeinde weiter ausgefeilt und befindet sich momentan in der Präsentation. Auf dem 6.000 Quadratmeter großen Areal sollen in den kommenden Jahren insgesamt 69 Wohnungen entstehen, deren Lage direkt am Bahnhof den Bewohner:innen ein autofreies Leben bescheren soll. Das Objekt liegt zudem sehr zentral. Sämtliche Versorgungspunkte im Dorf sind fußläufig zu erreichen.

Große Bedeutung misst das Konzept von Florian Nagler Gemeinschaftsräumen bei. Es sieht etwa vor, den denkmalgeschützten Lokschuppen zum Quartierstreffpunkt umzubauen, inklusive Gemeinschafts- und Gästehaus sowie Café. Zusammen mit Gewerbe- und Atelierflächen für die Bewohner:innen könnte dieser einen weiteren attraktiven Platz für Bayrischzell bilden. Mit seinem Prinzip des „einfachen Bauens“ erforscht Nagler an der TU München seit mehreren Jahren neue Ansätze für nachhaltiges Bauen. Er verfolgt damit den Lowtech-Ansatz traditioneller Bauweisen, bei denen ressourcenschonende Baustoffe und eine der Nutzung angemessene Architektur im Mittelpunkt stehen.

Mit dem Quartier in Bayrischzell könnten Naglers Forschungsergebnisse nun erstmals im großen Maßstab umgesetzt werden. „Für eine echte Generationengerechtigkeit benötigen wir keine komplizierten Smart Houses, sondern robuste Bauten mit langem Lebenszyklus und ausgeglichener Ökobilanz. Innovative Technologien können uns helfen, das zu erreichen, dürfen aber nie Selbstzweck sein“, erklärt der Architekt. Die zweigeschossigen Baukörper bilden entlang der Bahngleise eine klar definierte Kante. Mit einer einfachen Formsprache und Satteldächern integrieren sie sich gut in den lokalen Kontext. Die tragenden Außenwände bestehen aus massiven Holztafeln aus regionaler Produktion.

Die Idee: Durch eine eingekapselte Luftschicht kommen sie ganz ohne industrielle Dämmmaterialien aus und erzeugen ohne technischen Aufwand ein angenehmes Klima in den Wohnungen. Ein hoher Vorfertigungsgrad ermöglicht eine schnelle und wirtschaftliche Errichtung. Flexible Raumnutzungspotenziale geben dem Bauprojekt einen echten Mehrwert. „Beispielsweise ist angedacht, die notwendigen Pkw-Stellplätze als offene Tiefgaragen in die Topografie einzufügen. Hell, natürlich belüftet und nach Süden offen, könnten diese ohne großen Aufwand auch als Ateliers oder Gewerbeflächen weitergenutzt werden“, weiß Nagler.

Text: Martin Miersch

Lesetipp: Euroboden unterstützt außerdem Kreative und schafft für diese eine temporäre Heimat am Münchner Ammersee. Schaut hier!

Bahnareal wird Holzbausiedlung. Foto: Darcstudio for Euroboden
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