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Arts & Culture
12. Mai 2020

Wo sich Wertigkeit, Kontroverse und Haltung treffen

Die Deutsche Fachpresse zeichnete unsere Publikation „Architekturkultur“ (2019) vor wenigen Tagen als „Fachmedium des Jahres 2020“ aus. Das Buch überzeugt nicht nur durch sein smartes Design – es ist ein Inspirations-Booster: Was macht eine Kultur guter Architektur heute aus?

Alexander Gutzmer (ehemaliger Chefredakteur BAUMEISTER) und der Münchner Immobilienentwickler Stefan Höglmaier haben den Begriff „Architekturkultur“ zum Ausgangspunkt genommen, um Architekten, Künstler, Theoretiker und Journalisten ins Gespräch über die unterschiedlichen Vorstellungen und Spielarten kommen zu lassen, mit denen der Begriff aufgeladen ist. Das argumentativ reichhaltige Buch „Architekturkultur“ versammelt die Ergebnisse entlang von Texten, Fotoessays und Interviews. Sie legen den Focus auf ein weiterführendes Begriffstrio: Wertigkeit, Kontroverse und Haltung.

Wenn Modedesignerin Tutia Schaad im Interview die Gemeinsamkeiten von Mode und Architektur betont, Schutz und ein Gefühl von Privatheit zu generieren, dann ist das nur ein Aspekt von vielen, den sie zum Stichwort „Wertigkeit“ beisteuert. „Die Modedesigner bilden sich ein, dass ihre Arbeit schnelllebiger ist“, so Schaad. „Und die Architekten denken, dass sie „zeitlos“ bauen. Im Endeffekt arbeiten beide in Zyklen, die ähnliche Themen wiederholt aufwerfen, wie im gegenwärtigen Revival der Postmoderne in der Architektur und Zitaten der 1990er Jahre in der Mode deutlich sichtbar wird.“ Entscheidend sei es zu erkennen, „dass Mode in Architektur, Gestaltung oder Kleidung kein ausschließliches Phänomen der Moderne ist, sondern ein kontinuierliches Phänomen der Menschheitsgeschichte.“

An Thesen, Tendenzen und kenntnisreichen Auslassungen herrscht in diesem gut sortierten und grafisch buchstäblich ins Schwarze treffendem Kleinod kein Mangel, weswegen man auch über jede Fotostrecke dankbar ist, die den vielen Denkanstößen eine passende visuelle Ebene entgegenstellt. Wie etwa die Fotoserie von David Chipperfields Münchner Stadtpalais „Kolberger 5“, die das Thema architektonische Wertigkeit ausleuchtet, nicht ohne die Bedeutung eines Dialogs der Architektur mit dem Umfeld zu vernachlässigen. Oder der Fotoessay von Tim Hursley, der Bordelle in Nevada und polygame Communities in den Mittelpunkt stellt. „Ich habe bewusst Bilder aus ganz verschiedenen Serien zusammengestellt“, so der US-amerikanische Fotograf. „Die Fassaden eines Bordells, die wechselhaften Stile einer Main Street, utopische Bürotürme oder Särge auf einer endlosen Zugstrecke – sie alle markieren den Punkt, an dem sich Architektur und Kommerz treffen.“

Das Kapitel „Haltung“, das nach den Bedingungen einer intellektuellen Agenda unter marktwirtschaftlichen Vorzeichen fragt, eröffnet das Münchner Fotografenduo Edward Beierle und Jutta Görlich mit einer Fotoserie von Orten, denen eine architektonische Interventionen bevorsteht. „Wir sammeln Geschichten und inszenieren diese in Bildern oder sie dokumentieren die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber der sie umgebenden Welt“, so Görlich. Mit Gleichgültigkeit begegnet Architekt Peter Haimerl seinem jüngeren Gegenüber Benedict Esche vom Kollektiv A im Doppel-Interview keineswegs, wenn auch nicht geizend mit Kritik: „Was mir an Teilen der jungen Generation auffällt, ist die Rückwärtsgewandtheit. Die zeichnen auf gelbes Papier oder machen Holzschnitte – ganz so als wären wir im 19. Jahrhundert.“

Den Grund dafür sieht der Münchner, der durch seinen Einsatz für die Baukultur in seiner Heimat, dem Bayerischen Wald, bekannt wurde, in Angst, der „Angst, keinen Halt zu haben und sich nicht mehr innerhalb historischer Werte zu bewegen. Man verlässt ja die sicheren Gewissheiten, wenn man sich auf Veränderungen einlässt – und wer sagt einem dann, was gut und was schlecht ist? Aber genau das ist ja das Interessante. Deshalb könnte Architektur momentan auch sehr spannend sein.“ So wie das Buch, dass dank der Fülle an Perspektiven keine Wünsche offenlässt. Einfach mal blättern.

Text: Alexandra Wach

Die Deutsche Fachpresse zeichnete unsere Publikation „Architekturkultur“ (2019) vor wenigen Tagen als „Fachmedium des Jahres 2020“ aus. Foto: Agentur Herburg Weiland
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