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Architecture
10. Januar 2021

Wo Neubau alt aussieht

Für ihr Lebenswerk wurden die französischen Architekt*innen Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal 2020 mit dem Großen BDA-Preis ausgezeichnet. "Als Pionier*innen der Maxime „Umbau vor Neubau“ gelten sie nicht nur als Vorbilder für klimagerechtes Bauen, sondern sind auch beispielgebend für ein politisches Engineering in prekären sozialen Situationen", entschied die Jury

Neu ist nicht immer besser. Besonders nicht, wenn es um eine sozial- und klimaverträgliche Wohnraumversorgung geht. Das jedenfalls ist das Credo von Anne Lacaton. „Nicht im Neubau müssen wir ansetzen“, sagt die französische Architektin, „sondern bei den vielen Bestandsbauten, die nicht mehr attraktiv und zeitgemäß sind.“

Für Investoren sind Immobilien derzeit eine lukrative Anlage, nicht zuletzt dank niedriger Zinsen und hoher Wohnungspreise bzw. Mieten. In der Regel sind Neubauten auch sehr energieeffizient, während viele Mieter sich das Wohnen im Altbau aufgrund steigender Heizkosten kaum noch leisten können. In den luxussanierten Stuckaltbauten nachgefragter In-Quartiere mag dies weniger ein Problem darstellen. Das Gros der Bevölkerung allerdings lebt in einfacheren Verhältnissen.

So etwa die Bewohner des sechszehnstöckigen Tour Bois Le Prêtre am nördlichen Stadtrand von Paris. Und doch ist diese Adresse ein gelungenes Beispiel für den Umgang mit alter und bauphysikalisch eher unattraktiver Bausubstanz. 2011 hatte die Institution Paris Habitat, das für den sozialen Wohnbau in der französischen Hauptstadt zuständig ist, einen Wettbewerb zur Bestandssicherung und Wohnraumverbesserung des Hochhauses ausgeschrieben: Anne Lacaton gemeinsam mit Jean-Philippe Vassal und Frédéric Druot gingen daraus als Sieger hervor.

Die Architekten verzichteten darauf, den Sechzigerjahre-Wohnturm mit Styroporplatten zu verkleiden. Stattdessen setzten sie eine Stahlkonstruktion vor das bestehende Haus, errichteten eine neue Fassade aus Glas und Polycarbonat und erweiterten die 97 Wohnungen nach außen – bei laufender Nutzung. Die Bewohner gewannen nicht nur einen Raum hinzu, der das Wohnzimmer erweitert und sommers wie winters Extremtemperaturen mildert, sie profitieren auch von einer Heizkostensenkung um 60 Prozent.

Für ihr Lebenswerk wurden Lacaton und Vassal 2020 mit dem Großen BDA-Preis ausgezeichnet. In der Begründung hieß es: „Bauaufgaben, die sonst vom Auftraggeber rein ökonomisch diskutiert werden, begegnen sie als Architekten mit einer Less is more-Attitüde“. Damit erzielten sie in wirtschaftlicher, ökologischer, sozialer und gestalterischer Hinsicht Best-Practice-Beispiele von internationaler Wirkung.

Auch in Deutschland ist die Frage nach Abriss oder nachhaltiger Sanierung seit Langem ein vieldiskutiertes Thema.Mehr als 40 Prozent der Wohnungen in Deutschland wurden zwischen 1950 und 1977 erbaut, also vor der ersten Wärmeschutzverordnung. 14 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland stammen dem Stand von 2018 zufolge aus dem Gebäudesektor. Eigentlich jedoch müsste die CO2-Bilanz einen doppelt so hohen Wert ausweisen, da die graue Energie nicht einberechnet ist, die für die Errichtung eines Gebäudes benötigt wird.

Abgesehen von den Kosten, den Abriss und Neubau verursachen, ist es auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten oft wesentlich sinnvoller, Bestandsgebäude zu erhalten, energetisch zu sanieren, alte Heizungen auszutauschen und für die Sanierung umweltschonendes Baumaterial einzusetzen.

Es sei möglich, 30 bis 40 Prozent der Kosten zu sparen, indem man den Bestand nutzt, betont auch  Architekt Muck Petzet (München/Berlin). Gegen den Abriss von Altbauten spricht zudem, dass sie Stadtgeschichte erzählen und viel zur Unverwechselbarkeit eines gewachsenen Ortes beitragen, selbst wenn sie nicht denkmalgeschützt sind. Man könne alte Häuser ja umbauen, erweitern und überbauen, so Petzet, aber man sollte sich auf jeden Fall mit dem Vorhandenen auseinandersetzen. Und die Werte entdecken, die auch eine in die Jahre gekommen Substanz oft noch birgt.

Mit dem Großen BDA-Preis würdigt der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) in einem dreijährigen Turnus bedeutende Leistungen oder ein außergewöhnliches Werkverzeichnis von Architekt*innen und Stadtplaner*innen des In- und Auslands. Erstmals wurde mit dem Preis 1964 Hans Scharoun geehrt, nachfolgend unter anderen Ludwig Mies van der Rohe, Egon Eiermann, Günter Behnisch oder Oswald Mathias Ungers – Architekten, die jeweils eine spezifische Epoche der Architekturgeschichte geprägt und begleitet haben. Zuletzt wurden Axel Schultes (2014) und Peter Zumthor (2017) ausgezeichnet.

Der Große BDA-Preis 2020 wurde wegen der eingeschränkten Reisemöglichkeiten nichtöffentlich verliehen. Die Laudatio von Prof. Philip Ursprung (Zürich) wurde in der Festschrift veröffentlicht, die im Dezember 2020 erschien.

Gelungenes Beispiel für den Umgang mit alter Bausubstanz: Tour Bois Le Prêtre in Paris von den französischen Architekt*innen Anne Lacaton und Jean-PhilippeVassal. Hier ein Blick vom Wintergarten. Foto: Druot, Lacaton & Vassal Architectes, Paris / Philippe Ruault
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