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Sustainability
09. Januar 2021

„Wir müssen aufhören, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören“

Wie Künstler*innen weltweit auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren, zeigen seit kurzem Projekte auf der multimedialen Plattform „Take me to the river“

Raubbau an der Natur, steigende Meeresspiegel und überflutete, verseuchte, verwüstete bzw. unbewohnbar gewordene Regionen stellen immer akuter werdende Probleme für unseren Planeten dar. 

Wie aber können Künstler auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren? Die multimediale Plattform „Take me to the river“ zeigt dazu seit neuestem Projekte aus der ganzen Welt. Am Strand der pakistanischen Hauptstadt Karachi etwa liegt jede Menge Müll. Abwässer werden ungeklärt ins Meer geleitet. Trotzdem ist Karachi Beach gut besucht. „Das ist der Strand der armen Leute“, erklärt die deutsche Journalistin Julia Tieke. Sie hat gemeinsam mit ihrer pakistanischen Kollegin Yaminay Chaudhri die Website eingerichtet, auf der sie Fotos und Audiodateien präsentiert. Sie will Nähe herstellen, Betroffenheit wecken und Engagement einfordern und das gelingt ihr durch Interviews mit Anwohnern und Strandbesuchern, durch Geräusche der nah gelegenen Straße und von flatternden Plastikplanen. „Es gibt große Bauprojekte am Strand“, so Julia Tieke. „Internationale Baufirmen schütten Land auf und verändern so das komplette Ökosystem. Das wiederum hat soziale Auswirkungen, zum Beispiel auf die Fischer.“ 

Wer aber hat das Recht, fragen die Anwohner, so gravierend in die Meeresökologie einzugreifen? Diese Frage findet auch Maya El-Khalil interessant. Sie die Kuratorin der Online-Ausstellung „Take me to the river“, wo auch das pakistanische Projekt „Karachi Beach Radio“ zu sehen ist. El-Khalil will die Ausstellung als Weckruf verstanden wissen. Sie ist überzeugt, dass die Menschen nicht unabhängig von der Natur existieren können. „Wir müssen also aufhören, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.“ 

Die Online-Schau ist in fünf Kapitel gegliedert: Das Erste erzählt von der Natur als Rechtspersönlichkeit. Zu sehen ist eine 360-Grad-Video-Dokumentation über den Rio Atrato in Kolumbien, dem vom Verfassungsgericht des Landes das Recht auf „Schutz, Konservierung, Instandhaltung und Restaurierung“ zugesprochen wurde. „Es werden Verantwortliche für diesen Fluss eingesetzt, die im Sinne des Flusses agieren und auf diese Rechte zurückgreifen können“, so Sima Reinisch vom Goethe-Institut. Der Fluss wurde durch den jahrhundertelangen Abbau von Gold und Platin geschädigt. Die Lebensgrundlagen der indigenen Völker, die an den Ufern siedelten, wurden zerstört. „Wir brauchen definitiv ein neues ökonomisches System“, betont Maya El-Khalil. „Das System, das wir jetzt haben, setzt auf Konsum und die übermäßige Ausbeutung der Natur. Der Reichtum kommt aber nur wenigen zugute. Die Konzerne werden immer mächtiger, Staaten ziehen sich zurück, Sozialleistungen werden abgebaut. All das können wir jetzt schon spüren.“ 

Im letzten Kapitel werden Projekte vorgestellt, die darauf abzielen, Umweltschäden zu reparieren. Der Mexikaner Gilberto Esparza zum Beispiel hat eine Prothese für Korallenriffe entwickelt. „Das sind bewegliche Keramikstrukturen, die in der Lage sind, mithilfe der Meeresströmung Strom zu erzeugen“, macht Sima Reinisch deutlich. „In Folge elektrolytischer Prozesse scheiden sich dann auf diesen Strukturen Magnesium- und Kalziumminerale ab, sodass das Wachstum der Korallen beschleunigt wird.“ Die Erde, so Reinisch, steuere also nicht zwangsläufig auf eine Katastrophe zu. 

Die Schau solle nicht Angst machen, sondern Mut. Der Klimawandel könne auf ein erträgliches Maß begrenzt werden, wenn viele Menschen in vielen Ländern das Richtige tun. Die Ausstellung soll dafür Denkanstöße liefern, statt nur grelle und medienwirksame Katastrophenszenarien auszumalen.

Gemeinsames Förderprogramm 

„Take Me to the River“ ist eines von zahlreichen Kunst- und Kulturprojekten, die kulturelle und künstlerische Antworten auf globale Umweltveränderungen suchen und das Goethe-Institut und der niederländische Prince Claus Fund seit 2018 mit einem gemeinsamen Förderprogramm unterstützen. Rund 35 Kunst- und Kulturprojekte aus Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika, der Karibik und Osteuropa wurden bislang gefördert. „Die Welt ist in Bewegung – nicht nur, was die gegenwärtige Corona-Pandemie betrifft, sondern auch im Hinblick auf die massiven Folgen der Klimakrise“, erklärt Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts. „Als weltweit tätiges Kulturinstitut setzen wir uns in unserer Kultur- und Bildungsarbeit seit langem für Themen der Nachhaltigkeit und Ökologie ein und fördern künstlerische Initiativen zu diesem Thema wie etwa mit dem Prince Claus Fund. Der Klimawandel ist eine zentrale Herausforderung für die gesamte Menschheit. Deswegen treiben wir diese Themen an unseren 157 Instituten weltweit noch weiter voran. Wir brauchen mehr emotionale Zugänge, um Nachhaltigkeit in der Gesellschaft offen zu diskutieren. Kunst und Kultur bieten die Räume, um Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen und zu bearbeiten. Sie rütteln uns wach und bieten gleichzeitig auch konkrete Lösungsvorschläge.“

Der Prince Claus Fund verfügt über fast 25 Jahre Erfahrung in der Unterstützung kultureller und künstlerischer Initiativen unter schwierigen Bedingungen. Die Aufgabe des Fonds besteht darin, Kulturschaffende zu unterstützen, zu verbinden und zu stärken, wo die Kultur unter Druck steht. Der Fonds gilt weltweit als erfolgreicher Akteur und Schnittstelle im Kunst-und Kultursektor, die Möglichkeiten für kritische Diskussionen schafft und den kreativen Ausdruck fördert. Aufgrund seiner Erfolgsbilanz und Autonomie gilt der Fonds als weltweit führend in der Unterstützung unabhängiger kultureller Initiativen von höchster Qualität mit breiter gesellschaftlicher Wirkung.

Die Künstler*innen arbeiten mit Film, Fotografie, VR-Video, audiovisuellen Archiven oder Community Radios. Die Ausstellung ist auf www.takemetotheriver.net zu sehen.

Text: Martin Miersch

Shunyo Raja (Kings of a Bereft Land) Arko Datto, Where Do We Go When The Final Wave Hits, 2017. Foto: Goethe-Institut / Take Me to the River © Arko Datto 2017
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