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Architecture
28. Mai 2020

Wie schreibt man über Architektur?

Wer sich für Architektur interessiert, liest auch gerne darüber. Diejenigen innerhalb der Disziplin, die sich darüber hinaus diskursiv mit dem Bauen befassen, sind in der Architek­turtheorie zu Hause. Sie finden nicht zuletzt in unterschiedlichen Textgattungen und dazu­gehörigen Darstellungsweisen ihren Unter­suchungsgegenstand. Wie können solche Text­gattungen zu Fortschritten in der Architekturtheorie beitragen? Mit dieser Frage befasst sich ein von Dietrich Erben, Professor für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design an der TU München, herausgegebenes Handbuch

Seien es Traktat oder Dialog, Kommentar oder Essay, Ausstellungskatalog oder Monatszeitschrift – es gab und gibt viele Textgattungen, die sich auf unterschiedliche Weise mit theoretischen Fragestellungen der Architektur befassen. Da oft genug die Autoren auch Architekten waren oder sind, scheint es ein Leichtes zu sein, der Auswahl einer Textgattung Entwurfscharakter zu unterstellen. Tatsächlich ist diese Sichtweise – die Wahl der Textgattung als Entwurfsentscheidung zu begreifen – ein wesentlicher Schritt architekturtheoretischer Einordnung, um dem Schreiben über Architektur eine zentrale statt lediglich eine periphere Rolle innerhalb des Selbstbilds der bauenden Disziplinen zuzugestehen. 

Mit Textgattungen befasst sich auch der Band „Das Buch als Entwurf“, herausgegeben von Dietrich Erben, Professor für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design an der TU München. Neben seinem einleitenden Beitrag (in dem er uns nicht nur daran erinnert, was der Unterschied zwischen Planen und Ent­werfen ist) umfasst der Band achtzehn Beiträge über Publikationen, die beispielhaft für eine bestimmte Textgattung untersucht werden.

Die Textgattung als Institution

Dabei können Textgattungen mehr aufzeigen als lediglich Traditionsbindungen oder
Innovationsschübe architekturtheoretischer Provenienz. Sie stellen, so Erben, „Agenten der Wissensproduktion“ dar, die eine Weiterentwicklung theoretischer Beiträge zum Bauen ermöglichen. Doch dabei bleibt es nicht. Die Einordnung nach Textgattungen erlaubt es, diese als „Institutionen“ zu begreifen. Was nach einem semantischen Trick klingt, ist wesentlich mehr: Diese Einordnung lässt über eine kunstgeschichtliche Befassung mit herausragenden Texten der Geschichte der Architekturtheorie hinaus auch eine Einbettung in die jeweiligen kulturellen, soziologischen und politischen Umstände ihrer Entstehung zu. Dadurch wird der diskursive Blick geweitet, es ist eine interdisziplinäre Befassung mit den Umständen der Produktion der jeweiligen Texte möglich. 

Diese strukturelle Perspektive ist an den Literaturwissenschaften orientiert, die das Thema „Gattung als Institution“ lebhaft diskutieren. In „Das Buch als Entwurf“ wird dieses Thema erstmals auf die architekturtheoretische Fachliteratur übertragen, um sich mit deren medialen Bedingungen zu befassen; das heißt, deren Entstehung, Herstellung und Rezeption – also den gesamten Zyklus vom ersten, vom Autor formulierten Gedanken zum letzten, vom Leser verschlungenen Satz. Die zentrale These des Bands ist, dass Gattungen Modernisierungsprozesse innerhalb der Theoriebildung vorantreiben und Innovationen vor Textgattungen nicht haltmachen. 

Handwerker und Chirurgen

Wenn Anatomen Skalpelle gleich analytischen Werkzeugen ihrer Zunft führen, dann lässt sich so manche
architekturtheoretische Befassung wie eine Autopsie verstehen. Diese klinische Analogie ist noch nicht einmal leichtfertig gewählt:In seinem Beitrag „Das Buch über die Säulenordnungen. Sebastiano Serlio“ stellt Hubertus Günther dar, wie diese Säulenordnungen als beispielhafter Gegenstand der Entwicklung von Lehrbüchern einen Vergleich zwischen Architektur und Medizin zulassen. Die Innovation dieser Textgattung besteht darin, den Text um die Dimension bildlicher Darstellungen zu erweitern. In der Anatomie fanden nicht nur Handwerk und Wissenschaft zusammen, Darstellungen von Venen und Arterien, Knochen und Nerven dienten, ergänzend zum Text, zur Vermittlung von Wissen, die historische Parallelen zwischen der anatomischen Lehre auf der einen Hälfte des Obduktionstisches und der Entwicklung von Architekturtraktaten auf der anderen aufzeigen. Im Kontext eines historischen Spannungsfelds zwischen Theorie und Praxis erinnert dies an durchaus tagesaktuelle Schlagzeilen: Wer wird als Praktiker, wer als Theoretiker eingestuft – und warum? Wie werden disziplinär relevante Inhalte kommuniziert, und sind sie auch für Laien gedacht?

Vivisektionen

Während man sich früher nur anhand der Toten ein genaues forensisches Bild des menschlichen Körpers machen konnte und diese Methode ihre Analogie in der architekturhistorischen Befassung mit der Antike erhielt, so ist dies heute am lebenden Menschen möglich, und damit wird auch dessen Innerstes nach außen gekehrt – ein Eindruck, den Auseinandersetzungen in den sozialen Medien zu bestätigen scheinen. Stephan Trübys Beitrag unter dem Titel „Architektur(-Theorie) und Polemik“ befasst sich mit der Vivisektion architekturtheoretischer Diskurse im Zeitalter sozialer Medien, mit der „Causa Schumacher“ als Fallbeispiel. Dessen pathomoderne  Reanimation des Stilbegriffs anhand des „Parametrizismus“ sowie die bekannten marginalisierungsgeilen Auslassungen zum Thema Stadtleben kann man durchaus als frankensteinisch betrachten: Frankensteins Kreatur stellt bekanntlich ein elektrisch zum Leben erwecktes Wesen dar, aus Elementen verschiedener toter Körper kombiniert. Ähnlich erscheinen so manche Diskussionen im Internet, die gefährlich oft Figurationen rechtspolitischer Denkmuster offenbaren. Teil davon scheint eine Lust am provokativen Exzess oder
der exzessiven Provokation zu sein, die unter dem Vorsatz der Vereinfachung auf fatale Weise mit den Zombieschatten des Totalitären liebäugelt. Das Medium Internet deformiert auf diese Weise das diskursive Potenzial der Polemik, und Trüby entlarvt diesen Umstand mit pointierter Stimme: Stell Dir vor, es ist Hashtag, und es marschieren auf einmal alle. 

Die architektur­-theoretische Forensik

Man schreibt demnach über architekturtheoretische Themen so, wie ein Anatom eine Obduktion durchführt.
Es lohnt sich also, das wissenschaftliche Messer zu wetzen. Und es gilt, den architekturtheoretischen Korpus zu
sezieren, bevor die diskursive Adipocire einsetzt – wenn das Körperfett post mortem zu einer seifigen Substanz
dekompostiert. Dicke Bücher bezeichnet man ja oftmals auch als „Schinken“. Das analytische Skalpell, in der
sicheren Hand des Heraus­gebers über die unterschiedlichen Textgattungen geführt, legt deren Modernität und
Innovationskraft frei. Eine strukturelle Perspektive erlaubt dabei nicht nur Rückschlüsse auf die gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen Umstände der Zeiten und Orte der Entstehung der Texte. Man findet ihren Widerhall in der reflexiven Strahlkraft gegenwärtiger Debatten.

Text: Mark Kammerbauer

Wie können Text­gattungen zu Fortschritten in der Architekturtheorie beitragen? Mit dieser Frage befasst sich ein von Dietrich Erben, Professor für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design an der TU München, herausgegebenes Handbuch. Foto: Wilhelm Fink Verlag