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Architecture
22. Januar 2021

Welchen Beitrag können Architektur zur Rettung des Planeten leisten?

Selten waren Grünräume derart gefragt wie seit der Konfrontation mit Corona. Die seit heute digital eröffnete Ausstellung „Einfach Grün. Greening The City“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) widmet sich den Vorteilen und Herausforderungen urbanen städtischen Grüns – insbesondere der Haus- und Dachbegrünung im Bestand und Neubau. Neben der wissenschaftlichen Perspektive nimmt die Schau außerdem die technischen Möglichkeiten und praktische Fragen in den Blick. Gezeigt werden gelungene Grünbauten von Düsseldorf über Mailand bis Singapur

Vogelhäuschen im Deutsche Architekturmuseum (DAM)? Aktuell bietet das Haus ein ungewöhnliches Erscheinungsbild: Sattes Grün statt White Cube. Abbildungen von begrünten Gebäuden und Flächen füllen die Wände, fast jeder Winkel des Frankfurter Museums ist mit realen Pflanzen ausgestattet, zwischendrin Nistkästen … es ist „Einfach Grün. Greening The City“. Unter diesem programmatischen Titel eröffnet heute die neue Ausstellung, die coronabedingt vorerst nur im Netz zu sehen ist.

Bis zum 11. Juli präsentiert das DAM nicht nur Gartenarchitektur. Vielmehr sind es dringende gesellschaftliche und ökologische Fragen, die in der von Hilde Strobl und Rudi Schermann kuratierten Schau im Fokus stehen.

„Es geht ums große Ganze“, unterstreicht Museumsdirektor Peter Cachola Schmal bei der Online-Pressekonferenz. Welchen Beitrag können Architektur und Städtebau zu Rettung des Planeten leisten? Wie ist die sommerliche Überhitzung Innenstädte zu vermeiden? Wie die Feinstaub-Belastung zu reduzieren? Wie fördern wir das Stadtgrün? Wie vor allem steigern wir das Wohlbefinden der Menschen in den Städten? Schließlich sind Parks, Gärten und Grünflächen so gefragt wie nie. Zumal den Menschen in der Corona-Pandemie, so viele kleine Fluchten aus der Stadt versagt bleiben, etwa Ferienreisen.

Es gibt durchaus positive Perspektiven, versichern die Kuratoren: „Die Natur ist stark, man muss sie nur lassen“. Für Architekten, die gewohnt sind, die Kontrolle über ihr Werk behalten und jedes Detail zu determinieren, bedeutet das ein radikales Umdenken. Und nicht nur für sie. Bewusst richtet sich die Ausstellung an die gesamte Stadtgesellschaft. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, die Stadt etwas grüner zu machen und damit die CO2-Werte zu reduzieren.

Eine Nachricht, die durchaus vernommen wird. So hatten die Kuratoren im Vorfeld der Ausstellung zu einem Call for Projects aufgerufen, der während deren Laufzeit fortgesetzt wird. Bisher trafen über 100 Einreichungen ein – von Gemeinschaftsgärten hin zu begrünten Garagendächern und Hauswänden mit Pflanzregalen und Kletterpflanzen.

Wie dringend unsere Städte und vor allem der Mensch das Grün benötigen, verdeutlicht Rudi Scheuermann: Im Sommer 2003 seien in Deutschland mehr als 70.000 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben – mehr als bisher an der Corona-Pandemie. Scheuermann ist Director und Global Leader Building Envelope Design bei Arup. Sein Fokus liegt auf der multidisziplinären Planung von nachhaltigen und energieeffizienten Gebäudehüllen. Er erklärt das 20:20 Prinzip. Wenn zum Beispiel in einem Straßenzug die Fläche von 20 Prozent der Gebäude zu 20 Prozent begrünt ist – etwa auf dem Dach oder an der Fassade – könne sich das Klima in dem Areal bereits um einige Grad senken lässt.

Die Ausstellung zeigt daher zahlreiche praxisorientierte Hinweise, wie sich die Stadt begrünen lässt, seien es Initiativen an Bestandsgebäuden oder im Neubau. Eine umfangreiche Publikation begleitet die Ausstellung, die mehr ein Handbuch ist als ein Katalog. „Was darf ich und was wird gefördert – oder gefordert?“ etwa erfährt die Leserschaft. Sie lernt über die technischen und praktischen Fragen der horizontalen oder vertikalen Begrünung ebenso wie über die Ressentiments, die es von den Architekturschaffenden gegen das Gebäudegrün gibt.

Wie das alles gelingen kann, demonstrieren die Beispiele von Pionieren der Stadtbegrünung zwischen Düsseldorf und Singapur. Zu den von wissenschaftlichen Studien begleiteten Best Practices zählt sicher der von Stefano Boeri entworfene Bosco Verticale in Mailand: Bäume und Pflanzen an der Fassade an der Zwillingshochhäuser verbessern nicht nur das Mikroklima in den Wohnungen und auf den Balkonen, die Pflanzen mildern zudem Lärm, Staub und Hitze. Doch bereits in den 1970er-Jahren hatte Friedensreich Hundertwasser seine Ideen der Dachbewaldung oder der Baummieter baulich umgesetzt. „Einfach grün“ ist eine wichtige Ausstellung zur rechten Zeit.

Text: Inge Pett

Titelfoto zum Call for Projects “Einfach Grün“. Foto: Urban Media Project
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