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Arts & Culture
10. Juli 2020

Wann hört die Natur auf, wann beginnt die Technologie?

Mit der Modifizierung und Veränderung der Umwelt sowie der fließenden Grenze zwischen Natur und Technologie setzt sich die Künstlerin Susi Gelb in ihrer neuen Einzelausstellung „User-defined Landscape“ in der Münchner Galerie Nir Altman auseinander. NXT A hat die in Berlin lebende Künstlerin gesprochen

NXT A: Die Ausstellung beschäftigt sich unter anderem mit dem Konzept des Terraforming, einem Prozess, bei dem andere Planeten so umgeformt werden, dass sie erdähnliche Bedingungen erhalten. Was fasziniert dich so daran?

Susi Gelb: Ich habe den Begriff „Terraforming“ in einer Science-Fiction-Story von 1941 entdeckt. Weltraumingenieure versuchen dort, einen Asteoriden zu ihrer kleinen eigenen Welt zu machen. Durch Ingenieurskunst lenken sie ihn auf eine stabile Umlaufbahn und statten ihn mit einem Gravitationfeld aus. Der Mensch als Beherrscher und Kreateur des Universums ist allerdings nicht nur Stoff für Zukunftsvisionen, sondern entspricht auch dem vorherrschenden Weltbild, das unseren Planeten zusehends verändert. Diese Hybris ist schon lange Thema meiner Kunst. Terraforming meint ursprünglich das Formen einer zweiten Erde, aber der Begriff passt auch zum Anthropozän und dem durch den Menschen vollkommen veränderten Planeten Erde. Es ist ein Konzept, das meine Werke inspiriert und verbindet.

NXT A: „Terraforming“ meint auch die Schaffung eines komplett neuen, planbaren Ökosystems. Die Arbeiten der Ausstellung formen ebenfalls den Ausstellungsraum – wie das Video des Wasserfalls auf dem Hologramm-Ventilator oder die Lichtsäule, welche ihre Farben verändert und bei den Besuchern unterschiedliche Eindrücke erzeugt. Ist der Galerieraum für dich damit ein eigenes Ökosystem?

Susi Gelb: Die Atmosphäre eines Ortes ist eine der wichtigsten Zutaten meiner Kunst. Der Ausstellungsraum mit den zwei großen Glasfronten hat mich ein bisschen an ein Terrarium erinnert. Die von mir inszenierte minimalistische Landschaft verstärkt diesen Eindruck. Die Lichtsäule ist wie eine künstliche Sonne, die verschiedene Tageszeiten imitiert, der Hologramm-Ventilator zeigt eine Simulation von Wasser. Dann gibt es noch Steinbrocken, Wassergefäße und Hightech-Geräte. Alle Elemente definieren und verändern den Raum. Ich finde, dass man den Ort und die Kunstwerke immer zusammen denken muss, es ist auch eine Symbiose. Oft sind es nur kleine und subtile Eingriffe, die ich vornehme, die die meisten Besucher gar nicht sofort als bewusste Setzung bemerken, die aber die Wirkung des Ausstellungsraumes vollkommen verwandeln. Hier ist es zum Beispiel das sich langsam verändernde Licht. Es gefällt mir, die Ausstellung ein künstliches Ökosystem zu nennen! Und klar, eigentlich ist jede Ausstellung eine Landschaft oder sogar ein kleines Ökosystem, in dem die einzelnen Bestandteile in diversen Beziehungen voneinander abhängen. Bei einem Terrarium wird ja immer die Psychosphäre des Bewohners nachgebildet: Sand, Steine und Pflanzen aus dem Herkunftsland, Wärme, Luftfeuchtigkeit, die richtige Lichtfarbe, künstlicher Regen. So stellt sich auch die Frage: ist das hier die Psychosphäre des Menschen? Künstliches Daylight, das von Warmweiß nach Kaltweiß changiert, hochauflösende Screens, die karibisches Wasser zeigen, Baumaterialien? Vielleicht schon…

NXT A: Der Hologramm-Ventilator ist – wie ich finde – eine der spannendsten Arbeiten der Ausstellung. Erzähle uns doch bitte etwas mehr zu der Technik.

Susi Gelb: Technisch ist das tatsächlich ein Ventilator, auf dem sehr helle, ansteuerbare LEDs montiert sind. Der Ventilator dreht sich so schnell, dass das menschliche Auge durch seine Trägheit keine Rotorblätter, sondern ein vollständiges Videobild sieht. Das Gerät wird durch die schnelle Drehung unsichtbar und das Video scheint immateriell im Raum zu schweben. Dadurch erreicht man einen futuristisch aussehenden Hologramm-Effekt. Als ich dieses Gerät im Sommer 2018 zum ersten Mal gesehen habe, bei einem Freund, der es aus China mitgebracht hatte, war ich vollkommen begeistert. Mir war sofort klar, dass es „Fluidity Device“ heißen muss. Durch das beständige Drehen und das leise Rauschen der Rotorblätter war es die perfekte Loop-Maschine für mich. Es hatte etwas flüssiges. Ich habe Filmaufnahmen von Wasserfällen verlangsamt und als nahtlosen Loop auf den Ventilator gebracht. Dadurch ist der Fluidity Device tatsächlich zur Simulation von Wasser geworden, seltsam surreal und betörend.

NXT A: Ja, das stimmt wirklich, wenn man vor dem Objekt steht, kann man sich nur sehr schwer abwenden, weil man so fasziniert ist. „User-defined Landscape“ – der Titel der Ausstellung, heißt übersetzt „Benutzerdefinierte Umgebung“, inwiefern „definieren“ die Besucher die Ausstellungsumgebung?

Susi Gelb: Der Titel „user-defined landscape“ belässt im Unklaren, wer eigentlich der „User“ ist. Es könnten die Besucher sein, aber auch eine noch unbekannte Entität. Klar wird aber, dass es eine konstruierte Landschaft ist, die aus den Zutaten unseres Zeitalters besteht: Baumaterialien, Plastik, LEDs, Wasser. Die Kunst erschafft hier einen Möglichkeitsraum, in dem man sich andere Realitäten vorstellen kann. Die Ausstellung liefert keine Antworten, sondern stellt Fragen. So wird jeder Besucher eine etwas andere Ausstellung sehen.

NXT A: In deinen Installationen kann man oft ein Spannungsverhältnis zur Umgebung erkennen, möchtest du damit auch darauf aufmerksam machen, dass wir Menschen in einem Spannungsverhältnis zur Natur stehen? Sind deine Werke somit kritisch im Hinblick auf die Umweltzerstörung zu sehen?

Susi Gelb: Meine Kunstwerke stecken voller Gegensätze. Sie können leicht und doch schwer erscheinen. Sie können archaisch und hochtechnisch sein, natürlich und doch künstlich. Es ist das Paradigma unserer Zeit, dass es keine klaren Zuordnungen mehr gibt. Es gibt überall fließende Übergänge und es ist immer eine Frage der Perspektive. So können auch meine Kunstwerke keine Statements mehr liefern. Auch die Machenschaften der Menschheit beruhen auf komplexen Gegensätzen. Der Mensch ist idealistisch, naiv, pragmatisch, informiert, alles gleichzeitig. Die Natur wird ja größtenteils gar nicht mit destruktiver Absicht zerstört, sondern unser gesamtes Wirtschaftssystem fußt auf der Nutzbar-Machung von natürlichen Ressourcen und dem Paradigma des ständigen Wachstums dieses Wirtschaftssystems. So wuchert es und frisst sich durch unsere Welt. Dafür gibt es ein Verständnis, aber der Einzelne kann sich kaum rausnehmen. Wir haben Systeme geschaffen, die schwer zu bremsen sind. Gleichzeitig ist das fatal. Wir zerstören unsere Welt. Statt Umweltzerstörung sollten wir von Weltzerstörung reden.

NXT A: Die aktuelle Corona-Situation, die ja letztendlich auch auf einen menschlichen Eingriff in die Natur durch die Zerstörung von Lebensräumen zurückzuführen ist, hat dich sicherlich ebenfalls beeinflusst. Kann man bei den ausgestellten Werken Referenzen dazu finden? Wie hat die Situation dein Schaffen beeinflusst?

Susi Gelb: Im Frühling hat sich alles getrennt in die Zeit davor und die Zeit danach. Die Relationen hatten sich verschoben. Die Krise hat auch gezeigt, dass wir Teil des großen Systems des Lebens sind. Wir sind technisch hoch entwickelt, aber immer noch biologische Lebewesen. Wenn wir den Planeten zerstören, schaden wir zuletzt uns, denn wir brauchen sauberes Wasser, Luft, Essen. Es ist ein empfindliches Gleichgewicht, angefangen bei unseren Darmbakterien. Mich hat die Situation insgesamt nicht verwundert und wir werden noch viel größere Probleme bekommen, wenn wir nicht das Gleichgewicht auf dem Planeten erhalten. Die Furcht vor dem Virus und die neuen Regeln von Maskierung, Desinfektion und Kontrolle haben leider auch zu einer Flut von Einwegartikeln und Plastikmüll geführt und nur bedingt zu einem Verständnis für die größeren Zusammenhänge. Die zwei Standbilder „chemical/mineral evidence“ sind bruchstückhafte Sandskulpturen, die hinter Visieren stecken. Die Idee, transparente Schutzschilde vor Steinskulpturen zu montieren, hängt natürlich mit der Krise zusammen. Unsere Lebensbedingungen spiegeln sich immer in der Kunst.

NXT A: Um beim Thema zu bleiben, Corona hat unseren Alltag tiefgreifend verändert, wurde damit aus deiner Sicht eine „User Defined Landscape“ in unserem Alltag erschaffen? In wie weit glaubst du, wird sich der Alltag „umformen“?

Susi Gelb: Der öffentliche Raum ist ja im März innerhalb von wenigen Tagen komplett umgeformt worden, um die neuen Abstandsregeln zu visualisieren. Unsere gewohnte Umgebung, unsere Alltagsroutine und unsere Wege waren grundlegend verändert. Interessant fand ich dabei, dass gerade die unvollkommenen, improvisierten Lösungen durch ihre menschliche Handschrift dem Bemühen um Sterilität etwas Sympathie und Wärme zurückgegeben haben. Vielleicht ist es so, dass man (oder zumindest ich) gerade jetzt keine visuelle Sterilität sehen will, das ist irgendwie zu viel. Ich hoffe aber, dass es nächstes Jahr nicht mehr um Desinfektion und Abstand gehen wird, sondern um Umweltschutz und Verantwortung für den Planeten als Ganzes. Immerhin haben wir dieses Jahr geübt, dass wir grundsätzlich ziemlich schnell Veränderungen durchführen könnten.

NXT A: In deinen Arbeiten beschäftigst du dich intensiv mit der Natur und Umwelt, erschaffst teilweise eigene Surroundings und greifst – wie etwa im Jahr 2017 in dem Projekt „No such things grow here“ in den urbanen Raum ein. Was ist daran für dich das Spannende?

Susi Gelb: Die zehn Meter hohe Palme, die ich 2017 aus den aufgebrochenen Pflastersteinen des Odeonsplatz wachsen lassen habe, war vom einen auf den anderen Tag plötzlich da. Die Leute sind stehen geblieben, haben sich gewundert, haben die Palme umrundet, Fotos gemacht, aber sie wurde nicht vorrangig als „Kunst“ diskutiert. Die Palme war eine seltsame Existenz. Das Spannende bei Kunst im öffentlichen Raum ist, dass Passanten zufällig auf Kunst stoßen. Im besten Fall wird die Kunst erstmal gar nicht als Kunst identifiziert, sondern es ist eine Setzung, die auch Rätsel aufwirft und größere Fragen mit sich bringt.

NXT A: Im Februar hast du den Kunst am Bau Wettbewerb der Stadt Schrobenhausen für die Neugestaltung des dortigen Rathausplatzes gewonnen. Ist dein Entwurf für den zentralen Platz nicht auch eine Art Landschaft?

Susi Gelb: Ich habe mich intensiv mit dem Thema „Piazza“ beschäftigt. In Spanien, Portugal und Italien gibt es die schönsten Platzgestaltungen. Eine große Rolle spielt dabei das Pflaster, das oft aus wertvollen Steinen der Region besteht und in aufwändigen Mustern verlegt ist, Perspektiven aufmacht und den Platz zu einem visuellen Erlebnis macht. Für Schrobenhausen habe ich ein Setting geplant, das eine aufregende Bodengestaltung, längliche Sitzgelegenheiten, große Pflanzen und einen schwebenden Stein beinhaltet. Es entsteht ein urbaner Platz, der gleichzeitig an eine Landschaft erinnert und den Bogen spannt zu den Spargelfeldern, die die Stadt umgeben und sie bekannt gemacht haben. Helle und dunkle Granit-Pflastersteine sind so verlegt, dass die optische Illusion einer Vertiefung im Boden entsteht. Die Sitzgelegenheiten sind die Gegenform zu dieser Vertiefung, sie sind angelehnt an die Erddämme, in denen der Spargel wächst. Es ist ein Spiel von Formen und Materialien, in gewisser Weise auch ein Ökosystem, das zum Verweilen und Entdecken einlädt. Ich habe sogar noch eine Öllampe integriert, die bei Stadtfesten angezündet werden kann. Es geht immer um die Atmosphäre eines Ortes.

NXT A: Ich denke wie bei deiner Ausstellung geht es hier um das Komponieren eines Zusammenspiels von einzelnen Arbeiten zu einem großen Ganzen?

Susi Gelb: Eine Ausstellung ist immer eine Komposition. Jedes Kunstwerk muss für sich allein stehen können, aber im Ausstellungskontext mit den anderen Arbeiten einen Dialog erschaffen, einen Rhythmus, eine Klanglandschaft. Das ist wie Musik. Es gibt den Raumklang, aber auch Details zu entdecken.

Text: Mandana Bender

Die Ausstellung „User-defined Landscape“ ist noch bis zum 1. August bei der Galerie Nir Altman in München zu sehen.

Ausstellungsansicht, Nir Altman, München 2020
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