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Architecture
20. September 2022

Architekt:innen und der Urlaub. Von Verzicht und Langeweile

Vielleicht mag es sich nicht jede:r eingestehen, aber ab und zu gibt es doch auch in der Architektur Urlaub, de facto. Wie wir damit umgehen, gerät immer mehr zur ideologischen Frage.

Was bedeutet Urlaub denn überhaupt für Architekturschaffende? Glaubt man dem alten (überholten?) Credo für Architekten (sic), kann man als Architekt (sic) gar keinen Urlaub von Architektur nehmen, denn Architektur ist untrennbar mit dir verbunden. Niemals kannst du dich von Architektur entfernen, denn Architektur ist in dir.

Und sowieso ist Architektur um dich herum. Immer. Niemals kannst du von Architektur Urlaub machen, denn du wirst niemals von Architektur Urlaub brauchen. Welche:r richtige Architekt:in braucht Urlaub von seiner Leidenschaft? Welche:r Architekt:in will sich distanzieren von etwas Allumfassendem?

Was sehen wir uns an? Die Pflicht ruft immer, sie ruft laut und sie ruft quengelig.

Die Realität aber sieht anders aus.

Architekturschaffende wissen um die Gesundung des detailverliebten Blicks, wenn die Distanz eine heilsame Kur des geschundenen, vom Alltag verseuchten Architekturlebens bringt. Und selbst das ist nur halbwahr, wenn uns beim Anblick spanischer Gassen, südamerikanischer Tempelbauten oder fernasiatischen Attikaabschlüssen die architektonischen Fragen auf der Zunge und ästhetische Überlegungen in den Gehirnwindungen brennen?

Abseits der Katharsis der Seele von der omnipräsenten Architektur in Freizeit und beruflichem Leben gibt es aber auch die wirtschaftliche und organisatorische Potenz, die unserem Willen zum Schaffen die Grenzen aufzeigt. Abseits der kollektivvertraglichen Abgeltungsdebatte sind wir realpolitisch organisatorisch an unsere Projekte gebunden; und sind wir selbst nicht gebunden, sind wir auch an die Berufe und Terminpläne unserer Liebsten, der Kinder und manchmal auch Verwandten gebunden.

Und dann wird uns schmerzlich bewusst, wie gebunden wir an unsere Projekte sind, sei es eine nicht-raumrelevante Tiefgarage, eine Dachdichtung oder ein städtebaulich signifikantes Landmark. Die Pflicht ruft immer, sie ruft laut und sie ruft quengelig. Erst wenn diese Hürde gemeistert, die Vereinbarkeit gewährleistet und die Bank nicht protestierend abgesprungen ist, erst dann geht es wirklich an die eigentliche Urlaubsplanung.

Und was werden wir uns im Urlaub ansehen?

Wir wissen, dass in Barcelona dieses eine neue Gebäude fertiggestellt wurde, unweit der Innenstadt. In Helsinki gibt es diese interessante neue Bibliothek; das eine japanische Einfamilienhaus ist raumwahrnehmerisch sehr interessant, es befindet sich ja lediglich eine zweistündige Zugfahrt vom Zentrum entfernt … Wir gehen nicht als Privatperson in die Unternehmung hinein, wir nehmen unsere Profession immer auch ein Stück weit mit. Ob wir wollen oder nicht.

Den Horizont erweitern?

Manche von uns sehen den Urlaub als eine weitere Möglichkeit, den beruflichen Horizont zu erweitern; Architektur ansehen ist ein Hobby, das man mit der eigenen Berufung also auch zum Beruf gemacht hat. Wiederum andere haben sich des Drangs bzw. Zwangs entledigt, ständig beruflich unterwegs zu sein, die Rolle der Architekturschaffenden nicht ablegen zu dürfen. Es ist also eine Mäßigung uns selbst gegenüber; wir gönnen uns die Nachlässigkeit.

Als würden wir nicht bereits genug Menschen, Zeitplänen und Dingen Rechnung tragen, plädiere ich für mehr Gelassenheit — und, wenn man es so will, auch für mehr Verzicht in dieser Hinsicht. Was bedeutet es aber, wirklich „verzichtend“ zu leben? Die Antwort auf die Frage erfährt man seltener als man den Aufruf danach hört.

 

Was bedeuten Verzicht und Luxus im Urlaub?

Aus eigener Erfahrung kann berichtet werden: Verzicht ist anstrengend und langweilig. Nicht immer gleichsam, nicht immer zeitgleich, nicht immer ständig, aber doch. Verzicht bedeutet, drei Jahre lang in keinen Flieger mehr gestiegen zu sein, während andere von billigen Flügen und schönen Destinationen berichten. Verzicht bedeutet, anderen zuzuhören wenn sie von ihrem flexiblen Lifestyle erzählen, während man selbst zu sehr im Alltag borniert. Verzicht bedeutet, nicht mitzubekommen, welche Events gerade in der Stadt passieren, weil man kein Instagram hat.

Verzicht ist zwar an sich mutig, aber entmutigend zugleich: Denn wenn es darum geht, miteinander darüber ins Gespräch zu kommen, wirkt er schnell oktroyierend und belehrend. Dabei geht es eigentlich im Verzicht nicht um Moral — zumindest nicht vordergründig, sondern um gesellschaftsfähiges Verhalten. Wir wissen, dass nicht jede:r dasselbe tun kann, weil simpel die Möglichkeiten dazu fehlen, deshalb verzichten wir auf Luxus, quasi als Proxy-Verzicht. So verbindet sich Verzicht mit sozialem Denken.

Was bedeuten Verzicht und Luxus im Urlaub?

Welcher Mensch kann überhaupt verzichten?

Es gibt zwei Arten von Verzicht: Den freiwilligen und den notwendigen. Letzterer generiert sich aus den oben erwähnten mangelnden Möglichkeiten, seien sie zeitlicher, organisatorischer oder finanzieller Natur. Ersterer kommt von einem Übermaß ebenjener drei Gegebenheiten. Wir könnten, aber wir tun es nicht. Leute, und dazu gehört, auch eine große Zahl Architekturschaffender, verzichten auch auf Urlaub.

Es ist eine aktive Entscheidung dazu, etwas nicht zu tun. Das funktioniert wahrscheinlich nur deshalb, weil wir keinem unendlich erfahrbaren Leidensdruck ausgeliefert sind. Sobald die Sehnsucht zu groß, der Alltag zu öde, der Job längere Zeit doch zu anstrengend wird, können wir jederzeit den Not-Aus-Knopf drücken und uns in den Urlaub transferieren. Diese Art der Entscheidungsfindung ist Luxus geworden. Luxus bedeutet eine Möglichkeit, die nicht der breiten Masse zur Verfügung steht.

Luxus bedeutet auch, nach den eigenen Wertvorstellungen leben zu können.

Die Wertvorstellungen werden mir also nicht aufgezwungen, sondern ich habe nach reiflicher Überlegung und Abwägung einen Lebensstil gefunden, dem ich in meinen täglichen kurz- und langfristigen Entscheidungen nachgehen kann. Diese Art des Lebens nennt sich integer, das Verhalten gibt die Integrität vor. Wenn wir also Urlaub machen, entscheiden wir uns für die Destination, für die Art, wie wir dorthin kommen, wie wir dort im Einklang (oder auch nicht) mit der dortigen Umwelt und den Menschen leben, was wir ansehen, tun, konsumieren. Für viele kulminiert dieses Nachdenken in Heimaturlaub; Urlaub abseits bekannter Stereotypen wie tropischer Flora, weißem Strand und blauem Meer. Diese Fragen zu stellen ist ein Luxus unserer Gesellschaft und ein Ergebnis des hohen Wohlstands.

Der steigende Wohlstand ist auch ein Grund für das Phänomen des Overtourism, des Zu-viel an lokalem Tourismus, unter dem viele Städte und Regionen leiden. Die bewusste Entscheidung, nicht jene Orte aufzusuchen, deren Fotos auf Instagram von den „individuell reisenden“ User:innen abgesehen vom Wolkenbild des Himmels nahezu indent aussehen, bezeugt überlegten Respekt vor der Destination und wird bald nicht nur tugendhaft, sondern auch erstrebenswert sein. „Vorbildwirkung und so“, sich von der Masse abheben – bewährte Konzepte, die allerspätestens im digitalen Zeitalter immer wieder funktionieren.

Dem Urlaub haftet aber noch etwas ganz anderes an, nämlich die Erwartungshaltung.

Diese steigt, je mehr Bedeutung wir dem Urlaub beimessen, sei es gesellschaftlich-sozialer oder physischer Natur. Der Philosoph Hartmut Rosa hat dieser Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität, Wünschen und Wirklichkeit, das Konzept der Unverfügbarkeit übergestülpt. Kurz gesagt bedeutet es, dass uns mittlerweile viel zur Verfügung steht (materielle Dinge etc.), wir uns bereits viel verfügbar gemacht haben (zum Beispiel Fernreisen, die in Zeiten vor Friede, Zug, Flugzeug und Co. eben nicht verfügbar waren), aber sich dennoch gewisse Dinge unserer bzw. ihrer Verfügbarkeit entziehen, aus der Natur der Sache heraus.

So können wir uns vielleicht den Flug auf die Malediven oder zu den Lofoten leisten. Die Erfahrung der Reise selbst, die kolportierte Erleuchtung und die Entspannung, die ganz besonderen Momente allerdings sind uns per se unverfügbar, wir können nicht frei über diese Gefühle und das Aufkommen von ihnen verfügen. Das resultiert schließlich in einem Problem für unsere Gesellschaft, die es gewöhnt ist und der suggeriert wird, alles verfügbar machen zu können. Man denke nur an die einschlägigen Plakate für Pauschalreisen.

Wenn wir Urlaub machen, halten wir einen Moment inne und freuen uns, diesen Luxus zu haben. — Oder uns eben bewusst den Verzicht darauf zu gönnen.

 

Eine erhellende Lektüre erwartet einen bei Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit (Suhrkamp 2020, 130 Seiten).

Die Einzigartigkeit heutigen Urlaubens kann man auf dem Instagram-Kanal insta_repeat bestaunen.

Urlaubende Architekt:innen und Architekturschaffende packen ihre Koffer ...
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