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Architecture
28. November 2019

Schlaflos in Dessau

Übernachten im Bauhausgebäude, in der Ikone der modernen Architektur, wo Funktionalismus, ein ausgeprägter Gestaltungswille und Ästhetik aufeinandertreffen. Die Formensprache des Bauhauses wirkt heute noch so aktuell, dass man seine damalige Radikalität nur allzu gut versteht. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Auch nicht an unserer Autorin, die im Ateliergebäude des nachts keine Ruhe fand. Das Bauhaus raubte ihr den Schlaf

Alles begann 1919 als Walter Gropius in Weimar das Bauhaus gründete. Einhundert Jahre später ist die Faszination ungebrochen, den Mythos des Bauhauses versuchen Unzählige zu ergründen. So auch ich. Warum also nicht gleich darin schlafen? Direkt im Bauhausgebäude, genauer im Atelierhaus, dem sogenannten Prellerhaus in Dessau ist das möglich. Schon damals, 1926, war das Gebäude eine Sensation, zum ersten Mal studierten, arbeiteten und wohnten Studenten und junge Meister unter einem Dach, in einem Schulgebäude, das gleichzeitig als Studentenwohnheim konzipiert war. Das fünfgeschossige Gebäude mit seinen markanten Balkonen an der Nordfassade, die als Kommunikationsaustritte dienten, hielt 28 Zimmer für die Bauhäusler bereit. Heute sind es 23, die Besuchern zur Übernachtung offenstehen. In einem davon, in Zimmer 3.54, richte ich mein Nachtlager ein. Über die Treppen erklimme ich Stockwerk für Stockwerk, die Farben leiten mir den Weg. Im gelben Hausflur bin ich richtig. Hier im Prellerhaus spielen die Grundfarben des Bauhauses – gelb, rot und blau – eine große Rolle. So auch in meinem Zimmer, das die Farben rot und gelb sparsam aufgreift.

In meinem Zimmer angekommen, bemerke ich sofort, dass mich trotz der spartanischen Einrichtung ein Gefühl der Behaglichkeit umgibt. Kein Fernseher, kein Radio, kein unnützes Detail stört die Ästhetik des Raumes. Spätestens jetzt zieht mich die Körperlichkeit des Gebäudes, die für damalige Verhältnisse revolutionäre neue Auffassung von Raum und Gegenständlichkeit, in ihren Bann. Ich zähle die Möbelstücke: Insgesamt zehn finden sich auf den rund zwanzig Quadratmetern, die ich für eine Nacht mein Eigen nennen kann.

Mittlerweile ist es kurz vor halb zehn. Ich schalte das Licht aus, versuche zu schlafen und bin plötzlich wieder hell wach. Ein Feuerwerk erleuchtet den Himmel und stört die Abendruhe der sonst eher ruhigen rund 82.000 Einwohner zählenden Stadt, die mit dem Bauhaus und dem Gartenreich Dessau-Wörlitz, ganze zwei Weltkulturerbe-Stätten beheimatet. Mein Handy verrät mir, dass die Kurt-Weill-Festspiele beginnen und man den großen Dessauer Komponisten mit einem Feuerwerk vor dem Anhaltinischen Theater ehrt. Noch ein Exportschlager aus Dessau, denke ich. Ich versuche zu lesen, doch die Möbelstücke lenken mich ab. Freischwinger und Stahlrohrschreibtisch in Anlehnung an Marcel Breuer, zwei Schreibtischlampen aus Stahl, zwei Papierkörbe, ein Waschbecken, ein Kleiderständer, ein grau-gelb lackiertes Regal, ein Bett aus rotem Stahlrohr und der rot-pigmentierte Steinholzestrichboden: Mehr braucht es nicht, um sich wohl zu fühlen. Trotzdem fällt es mir schwer einzuschlafen. Bin ich etwa zu aufgeregt im Angesicht so großer Namen wie Gropius, Feininger, Schlemmer, Kandinsky oder Klee?

Am Morgen frühstücke ich etwas müde, dafür aber ausgiebig im Bistro des Bauhauses, bin fasziniert von der internationalen Gästeschar, die mit mir das Wochenende hier verbringt. Ich buche eine Führung durch das Bauhaus, gehe die berühmte Schlemmertreppe auf und ab, sitze auf Breuers Stühlen im Bühnenraum, in dem Schlemmer wohl an seinem Triadischen Ballett arbeitete und bewundere die vorgehängte Glasfassade. Im Direktorenbüro bleibt mein Blick an der Replik des zeitlos schönen Gropius-Schreibtisches hängen, auf dem ein Telefon steht, das wie aus einem anderen Jahrhundert anmutet und doch nahezu demselben Jahr entstammt. Einmal mehr wird mir klar: Hier war man seiner Zeit weit voraus. Und es ging bei weitem nicht nur nicht um die Funktion. Gestaltung, Ästhetik, sprich die Schönheit in der Einfachheit, in der reduzierten Formensprachen waren das Maß aller Dinge. Zurück in den Fluren des Prellerhauses flackert das Licht an der Decke. „Das ist Gropius‘ Geist“, sagt die Architektin, die uns durch das Bauhaus führt. Vielleicht, denke ich, geht es ihm wie mir. Das Bauhaus lässt uns nicht in Ruhe.

Text: Anja Koller

 

Titelbild: Sich fühlen wie ein echter Bauhäusler: Im Ateliergebäude des Bauhauses in Dessau kann man auch übernachten. Foto: Unsplash / Ross-Sokolovski
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