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Urban Landscape
12. Dezember 2020

Project Stories #4: A behind the scenes look at architecture by NXT A

In unserer Serie "Project Stories" berichten Architektinnen und Architekten über ihren Alltag und an welchen aktuellen Projekten sie gerade arbeiten. Der Architekt Philipp Valente Gouveia Pais von Less Plus beschäftigt sich gerade mit den Industrielandschaften des Ruhrgebiets und dem damit einhergehenden Strukturwandel

Eine lange Zeit war ich unterwegs, habe die Heimat nie als solche zu schätzen gewusst, stattdessen fremde Städte und Länder kennengelernt, verschiedenste Architekturen studiert und großartige Menschen getroffen.

Dennoch bin ich in das Ruhrgebiet zurückgekehrt.

Denn was soll ein junger Architekt in Berlin, Hamburg oder München noch groß verändern wollen. Diese Städte sind auf einem guten Weg, haben eine Vielzahl an guten Architekten, die sich um dessen Entwicklung sorgen und die Zukunft bewusst mitgestalten. Das Ruhrgebiet wiederum befindet sich in einem anhaltenden Strukturwandel, in einer Identitätsfindung und sieht sich mit vielen wichtigen architektonischen Fragen konfrontiert: Wie sollen wir zukünftig, ohne die industrielle Geschichte zu leugnen, weiterbauen? Wie kann der Kontext stärker in die Architektur miteinbezogen werden? In welcher Weise lässt sich ein Umdenken durchsetzen, die Architektur nicht als reine Funktionsbauten anzusehen? Und wie kann der Architekt aus der Rolle des Erfüllungsgehilfen heraustreten?

Die ausgedehnten Erkundungstouren meiner Kindheit habe ich im Schatten der schlafenden Riesen, zwischen den brachliegenden Lagerhallen und Zechenhäusern verbracht. An Orten der Freiheit und Unbefangenheit.
Dem Strukturwandel sind bislang eine Vielzahl solcher Erinnerungsorte zum Opfer gefallen. Stattdessen finden sich dort gesichtslose Einfamilienhaussiedlungen und massenkonsumorientierte Einkaufszentren. Seit dem Niedergang der Schwerindustrie scheint das Motto „Endlich so wie überall“ anzuhalten, denn was hier im großen Stil entsteht, sind identitätslose Orte. Architektonische Qualität wird rein nach wirtschaftlichen Faktoren gewertet. Man scheint dem Bild der rußbedeckten Städte in bester Weise mit grell weißen Putzfassaden entgegenwirken zu können und der fehlenden Urbanität aufgrund der ungesteuerten Industrialisierung wird mit Einkaufszentren Einhalt geboten.

Man könnte annehmen, der Bewohner des Ruhrgebiets schäme sich für dessen Geschichte, habe Angst das Bild des einfachen Zechenarbeiters würde weiterbestehen. Dabei können wir stolz sein auf das was hier vollbracht wurde. Der einfache Bauer wurde einst herausgerissen aus seiner Auenland Idylle, hinein in eine gewaltige Schwerindustrie. Dann, als die Kohle abgebaut war, folgte das Zechensterben und daraufhin das Sterben der Stahlwerke. Die Heimat wurde erneut aufgegeben und doch konnten wir uns erneut damit arrangieren, haben neue Industriezweige aufgebaut und die Wirtschaft wieder ans Laufen gebracht. Heute stehen wir vor der Frage wie wir diese Geschichte herausarbeiten können und welche Stellung wir beziehen möchten. Wenn weiterhin geschichtsträchtige Areale den profitorientierten Investoren in die Hände fallen und wir als Architekten bei der gesichtslosen Überbauung mitwirken, so wird sich kein Umdenken abzeichnen.

Der Trend des Architekten entfernt sich in heutiger Zeit zunehmend von der Autorenarchitektur hin zu kollektiven und kooperativen Zusammenschlüssen. Da wäre es eigentlich an der Zeit zusammen gegen substanzlose Architektur vorzugehen.

Derzeit arbeite ich, in einem von der Akademie der Künste in Berlin zur Verfügung gestellten Atelier, an einer umfassenden Auseinandersetzung mit den Industrielandschaften des Ruhrgebiets. Seit jeher üben die Strukturen der Industriebrachen eine große Faszination auf Kreativschaffende aus. Gepaart mit der Ruderalvegetation dieser Flächen ergibt sich ein eindrucksvolles Gesamtwerk, welches ich in ihren unterschiedlichen Aspekten zu verstehen versuche. Diese Recherche soll meine eigene Arbeit stärker definieren und gleichzeitig einen bewussteren Umgang mit dem Vorhandenen schaffen.

Die Recherche wird vorerst im Frühjahr 2022 innerhalb einer Gemeinschaftsausstellung der Jungen Akademie in Berlin ausgestellt.

 

Zum Autor

Philipp Valente Gouveia Pais hat an der TU München sein Architekturstudium mit Auszeichnung im Jahr 2019 abgeschlossen und im gleichen Jahr das Architekturbüro Less Plus in Dortmund gegründet. Er arbeitete mit renommierten Architekturbüros wie Nikken Sekkei (Tokio, Japan), RCR Arquitectes (Olot, Spanien) und Peter Haimerl . Architektur (München, Deutschland) zusammen. Seine Masterarbeit wurde unter anderem mit dem Hans-Döllgast-Preis ausgezeichnet und er forschte an der Universität Tokio bei Prof. Kengo Kuma zum Verständnis der japanischen Ästhetik. Dieses Jahr hat er das “Berlin Fellowship 2020” der Akademie der Künste erhalten, einem interdisziplinären und internationalen Artist-in-Residence Programm.

Der Architekt Philipp Valente Gouveia Pais von Less Plus beschäftigt sich gerade mit den Industrielandschaften des Ruhrgebiets und dem damit einhergehenden Strukturwandel. Foto und Konzept: Erieta Attali
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