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Longlife Learning
12. August 2020

Partizipation heißt nicht: „Wünsch Dir was!“

Seid Ihr Altsprachler? Dann erinnert Ihr vielleicht noch, wie Partizipation zu übersetzen ist. Falls nicht: Es stammt vom lateinischen Wort participatio ab und wird übersetzt mit Beteiligung, Mitwirkung, Mitsprache, Einbeziehung et cetera.

Partizipation wird im Rahmen der Bedarfsplanung ein hoher Stellenwert zugeschrieben. Heißt kurz: Bürger-/ NutzerInnen sind möglichst frühzeitig in Entwurfsprozesse einzubeziehen. Aus Bürger-/NutzerInnensicht ist das eine wirklich tolle Sache: Spielen wir mal „Wünsch dir was“ und hoffen, möglichst viel zu bekommen. Oder wenn die ArchitektInnen ihre ersten Ideen vorstellen, dann bekommen potenzielle NutzerInnen (die möglicherweise schon eine Bürgerinitiative gegen das Projekt gestartet haben) ein Podium, erst mal gegen alles zu sein und das Projekt zu boykottieren.
Den Bedarf genau zu analysieren macht zu Beginn jedes Projektes Sinn, um Fehlplanungen zu vermeiden. Gleichzeitig nervt es, mitunter die irrwitzigsten NutzerInnenwünsche zumindest aufnehmen zu müssen – denn wer fragt, bekommt Antworten und die dürfen nicht ignoriert werden. Zumindest muss dann wieder die Zeit dafür sein, zu erklären, warum manche Dinge nicht umgesetzt werden können. Dies kann wiederum zu Frust bei den Bürger-/NutzerInnen führen: Warum fragt man uns, wenn unsere Meinung und unsere Wünsche eh keine Rolle spielen? Anschließend wird wieder auf die arroganten ArchitektInnen geschimpft…

Über gelingende Experten-Laien-Kommunikation hat der Architekturpsychologe Riklef Rambow irgendwie schon alles gesagt und geschrieben. Wichtig ist, dass die ArchitektInnen gute Grundlagen schaffen, sodass ein Austausch in Workshops oder Planspielen et cetera überhaupt erst möglich wird: Statt mit Grundrissen und Schnitten arbeitet man eher mit Modellen und Materialproben … Fakt ist: Es braucht Zeit und damit auch Geld, alle Beteiligten aktiv in den Prozess einzubeziehen.

Aber oft fehlt es an Zeit und an Geld und trotzdem wird erwartet, dass Partizipation und Prozessqualität nicht unter den Tisch fallen. Was dann?

Aus meiner Sicht sind das A und O die regelmäßige Information und ein klar abgesteckter Rahmen, in welchem Mitwirkung möglich ist. Das Schlimmste ist für die Bürger-/NutzerInnen, nicht zu wissen, was sie erwartet, was auf sie zukommt. Das macht Angst. Oder zu glauben, alle Wünsche würden erfüllt – was selbst beim Einfamilienhausbau oft nicht möglich ist, da es technische, konstruktive, baurechtliche und finanzielle Einschränkungen gibt. Das kann zu Frust führen.

Hier liegt unsere eigentliche Aufgabe: zu prüfen, was geht, was sinnvoll ist. Und möglichst genau zu erklären, warum gewisse Dinge nicht machbar sind. Die Bürger-/NutzerInnen und ihre Ängste und Wünsche ernst nehmen. Dann ist Partizipation eine super Chance, von Anfang an darauf hin zu arbeiten, nicht nur eine hohe Bürger-/NutzerInnen-Akzeptanz zu erreichen, sondern auch eine Identifikation mit dem Projekt.

Was sind Eure liebsten und Eure schrecklichsten Erfahrungen zum Thema Partizipation?

Ich bin gespannt, darüber zu lesen: news@arbeiten-uebermorgen.de

 

Bis in zwei Wochen,

Eure Simone von Schönfeldt

 

Architektin, Organisationsberaterin, Baufachjournalistin

Gründerin von arbeiten übermorgen – Weiterbildung & Weiterentwicklung für Architekt*innen

Titelbild: Mit ihrer Kolumne für NXT A hält Simone von Schönfeldt Euch alle zwei Wochen auf dem Laufenden.