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Architecture
09. April 2021

Nachwuchswettbewerb: 1960 plus – Brutalismus

Alle zwei Jahre lobt ICOMOS Deutschland gemeinsam mit Partnerorganisationen einen Nachwuchswettbewerb aus, der sich dem jungen Erbe nach 1960 widmet. Im Fokus steht dieses Mal die Beton-brut-Architektur, also die im wörtlichen Sinne „rohen“ Sichtbetonbauten, und andere Zeugnisse des sogenannten Brutalismus

Im Sinne einer Identität und Geschichtsbewusstsein fördernden Erhaltung des baukulturellen Erbes ist es verstärkt notwendig, auch jüngere Zeugnisse der Architektur- und Stadtbaugeschichte ins Blickfeld der Denkmalpflege zu rücken. Dazu zählen Werke der 60er bis 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die heute zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit und konservatorisches Interesse auf sich ziehen, aber auch Kontroversen auslösen. Mit dem Studierendenwettwettbewerb „60plus – Brutalismus“ möchten die Auslober die ICOMOS-Studierendenwettbewerbe 2015 „from 60 to 90“, 2017 „60plus XXL“ und 2019 „U-Bahn- und Verkehrsbauten“ fortführen und das Augenmerk auf die „Betonmonster“ der Vorwendezeit lenken.

Thema des ICOMOS Nachwuchswettbewerbs

Der Beton hat als Baumaterial der Wahl seinen Zenit überschritten und ist als „Klimakiller“ mittlerweile offenkundig umstritten. Demgegenüber ist die Hochphase des in vermeintlich ehrlicher Materialsichtigkeit verwendeten Betons in die Zeit der 1960er bis 1980er Jahre zu datieren, in der die béton-brut-Architektur breite Anwendung fand. Ausgehend vom nicht auf den Beton beschränkten programmatischen „New Brutalism“, den in den 1950er Jahren etwa Alison und Peter Smithson in England vertraten, verbreitete sich eine Architektur, die auf die „rohe“ Verwendung des Betons als konstruktives und oberflächengestaltendes Material setzte und die als „Brutalismus“ bekannt wurde.

Beton lockte dabei mit der Verheißung einer schier unbegrenzten Formbarkeit, die sowohl monolithische Skulpturalität als auch additive Gestaltungsprinzipien zuließ. In diesem Duktus entstanden unzählige öffentliche Bauten – Theaterkomplexe, Bibliotheken, Gemeindezentren, Universitäten, aber auch viele Kirchenbauten und zum Teil ganze städtebauliche Ensembles. Das Phänomen kann da bei als ein globales aufgefasst werden, da sich kaum eine Region auf der Welt ohne bauliche Vertreter des Brutalimus findet. Eine brutalistische Phase findet sich bei vielen Architekt*innen der Zeit.

Gleichzeitig ist Brutalismus als Epochenbegriff umstritten, konnten doch verschiedenste Strömungen der Moderne und Spätmoderne bis hin zu ihrer Überwindung in Beton gegossen werden. Trotz seiner prominenten Vertreter*innen, war der „Brutalismus“ nie unumstritten. Die zuweilen schroffe Ästhetik, ihre teils monumentale Baukörperkomposition, die Größe einiger Komplexe und nicht zuletzt die für viele unansehnlichen Alterungserscheinungen der Bauten machen sie zu einem wenig geliebten Erbe. Ob der polarisierenden Ästhetik des unbehandelten Betons wurden die konzeptionellen Beiträge der Bauten des Brutalismus zur Architekturgeschichte zudem häufig übersehen.

Initiativen wie „SOS Brutalism“ des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt sowie die Beiträge des Berliner Symposiums zum Brutalismus von 2012 haben zwar wesentlich die Sensibilisierung für diese Architektur und Bewusstsein für ihre Werte vorangetrieben. Dennoch sind die in die Jahre gekommenen, als „Betonmonster“ verschrienen Bauten und Ensembles akut von Abrissen und Überformung bedroht. Selbst Bauten, die bereits unter Denkmalschutz stehen, harren aufgrund von Leerstand dem Verfall.

Wettbewerbsaufgabe

Der ICOMOS Studierendenwettbewerb 2021 widmet sich dem Erbe des Brutalismus der Vorwendezeit. Ziel der Wettbewerbsaufgabe ist, nicht allein zu mahnen, dass die Bauten des Brutalismus erhalten werden müssen, sondern präzise darzulegen, was sie erhaltenswert macht. Welche Bedeutungen können diesen Bauten zugeschrieben werden? Erschöpft sich ihr Wert in der materiellen Ehrlichkeit des Betons oder lassen sich weitere architektonische, städtebauliche oder konzeptionelle Qualitäten feststellen? Wie könnten Vermittlungsstrategien für die in der allgemeinen Öffentlichkeit als hässlich geltenden Gebäude aussehen? Welche Strategien der Restaurierung und Konservierung müssen für diese Betonbauten entwickelt werden?

Anhand der Auseinandersetzung an einem konkreten, selbst gewählten Objekt, sollen als theoretische Arbeit entweder Denkmalqualitäten und -werte des Objektes untersucht und diskutiert werden oder im Rahmen einer konzeptionellen Arbeit Strategien für die (Weiter) Nutzung, Sanierung oder Vermittlung des Objektes entwickelt werden.

Die Arbeiten sollen auf einem Poster im Format DIN A1 nach vorgegebenem Layout dargestellt werden. Unabhängig von der jeweiligen disziplinären Herangehensweise und Schwerpunktsetzung wird mindestens folgendes Arbeitsprogramm bzw. folgender Fragenkatalog erwartet:

  • Recherchiere die Entstehungsgeschichte sowie die weitere Nutzungs- und Veränderungsgeschichte des von dir zur Bearbeitung ausgewählten Objekts.
  • Diskutiere Denkmalkriterien oder – bei bestehenden Denkmalen – Möglichkeiten einer denkmalgerechten Erhaltung und Nutzung.
  • Von welcher historischen Bedeutung ist das gewählte Bauwerk und für wen?
  • Welche Potentiale bietet das Objekt für die lokale Identität und Aneignung?
  • Auf welche Weise fordern Bauten des Brutalismus gängige Denkmalerwartungen heraus?
  • Wer sind mögliche Adressat*innen, Interessent*innen oder Partner*innen einer erhaltenden Erneuerung und ggf. einer Nachnutzung dieser Bauten?
  • Welchen Beitrag können ggf. unumgängliche Anpassungen an neue Bedürfnisse und Vorschriften für die dauerhafte Erhaltung der Objekte leisten?

Weitere Aspekte der Auseinandersetzung mit dem Projekt sind möglich und vom Einzelfall abhängig.

Objektwahl

Die Auslobenden erhoffen sich von den eingereichten Arbeiten eine deutschland-, bestenfalls europaweite, vielfältige Sammlung diskussionswürdiger Objekte sowie Lösungsansätze zur dauerhaften Erhaltung und ggf. sinnvollen Nachnutzung brutalistischer Bauten.

Teilnehmer*innen

Der Wettbewerb richtet sich an Studierende der Architektur, Innenarchitektur, Stadtplanung, Kunstgeschichte, Restaurierung, Archäologie oder anderer denkmalrelevanter Disziplinen. Gruppenarbeiten mit zwei Personen sind möglich. Wettbewerbsbeiträge können in deutscher und englischer Sprache eingereicht werden.

Ausloben*innen

Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS e.V.
Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V.
Hochschule Trier
Wüstenrot Stiftung
Bayerische Architektenkammer
Hochschule Würzburg

Preisgericht

Das Preisgericht tagt voraussichtlich im Oktober 2021. Mitglieder des Preisgerichts sind:
Kirsten Angermann / Prof. Dr. Jörg Haspel, ICOMOS Deutschland
Prof. Dr. Christian Raabe, Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V.
Prof. Oskar Spital-Frenking, Hochschule Trier
Prof. Philip Kurz, Wüstenrot Stiftung
Christine Degenhardt / Angelika Engl, Bayerische Architektenkammer
Prof. Wolfgang Fischer, Hochschule Würzburg

Beurteilungskriterien

Nicht die Bekanntheit eines Objektes oder die Bedeutung als Denkmal sind maßgebend bei der Beurteilung. Entscheidend ist die Qualität der Auseinandersetzung, die Sie als Bearbeiter*innen leisten. Folgende Kriterien sind zu beachten: Die Qualität der Recherche, die Qualität der Analyse, Bewertung und Lösungsansätze sowie die Qualität der Präsentation.

Preise

Die besten Arbeiten sollen mit einem Geldpreis in einer Höhe von 500 Euro prämiert werden. Eine Auszeichnungsveranstaltung mit Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten ist geplant. Die Auszeichnung der prämierten Einsendungen soll anlässlich der 40-Jahrfeier der Welterbeintragung der Würzburger Residenz Ende Oktober 2021 stattfinden. Die prämierten Arbeiten sollen in einer E-Publikation von ICOMOS umfassend und alle eingereichten Arbeiten und ihre Verfasser*innen in Katalogform dokumentiert werden.

Abgabefrist

Der Abgabetermin – Postsendung DIN A4 sowie digital per Email – ist am 27. September 2021 (Poststempel).
Adresse:
Hochschule Trier
Fachrichtung Architektur
Prof. Oskar Spital-Frenking
Postfach 1826
54208 Trier

Emailadresse: studierendenwettbewerb2021@icomos.de

Weitere Informationen zum Nachwuchswettbewerb finden ihr hier.

Die Geisel Library – Teil der University of San Francisco – wurde 1970 von Architekt William Pereira erbaut und gilt als das bekannteste Beispiel für brutalistische Architektur. Foto: Unsplash/Laura Ockel
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