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Sustainability
16. April 2021

Nachhaltigkeit – wann geht’s denn eigentlich richtig los?

Worauf wollen wir warten? Wann geht’s für uns alle los mit dem nachhaltigen Leben, dem nachhaltigen Bauen? Und wann wird konsequent alles untersagt, abgelehnt und abgeblasen, was nicht zukunftsfähig ist? Diesen Fragen geht unsere Kolumnistin Simone von Schönfeldt in ihrer neuen Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit nach

Nachhaltigkeit finden alle toll. Sie ist gefühlt seit 25 Jahren ein Megatrend, sie ist in aller Munde, über sie ist überall zu lesen – nicht nur in der Baufachpresse. Schon im Studium arbeitete ich mich in einer Semesterarbeit an den Nachhaltigkeitskriterien ab, einige KollegInnen ließen sich zu DGNB-AuditorInnen ausbilden, kein großes öffentliches Projekt ohne Zertifizierung.

Man meint also, ein gewisses Bewusstsein für Nachhaltigkeit sei inzwischen nicht nur bei allen am Bau Beteiligten, sondern auch in der Gesellschaft angekommen. Aber irgendwie Pustekuchen. Ist es mit der Nachhaltigkeit so, wie mit dem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht? Passt der Vergleich? Weiß ich gerade nicht. Auf jeden Fall ist gefühlt irgendetwas nicht so, wie es sein sollte.

Ein Nachhaltigkeits-Superaufreger ist ja aktuell die „Scheune“. So las ich in der ZEIT, dass der am Berliner Kulturforum geplante Museumsneubau so ganz und gar nicht nachhaltig, sondern eher „ein großer Schritt in die falsche Richtung“ beziehungsweise „ein bauphysikalischer Alptraum“ sei. Das schreibt auch der Tagesspiegel – und noch dazu, dass der Bau auf jeden Fall 150 Millionen Euro teurer werden soll und nach Fertigstellung wohl ein unfassbarer Energiefresser sein wird. Moment mal, das ist ja dann bald doppelt so teuer wie ursprünglich gedacht – bleibt es wohl bei den 350 Millionen oder werden es die 450, von denen man immer mal las, oder werden die 500 Millionen Euro geknackt? Es mahnte der Bundesrechnungshof, Expertengutachten sollen es richten. Auf jeden Fall legt man auf der Baustelle schon mal los, ohne alle fraglichen Punkte final durchdekliniert und entschieden zu haben. Ist das zeitgemäß? Wäre nicht zu fragen: Sollen wir das Projekt stoppen, brauchen wir es wirklich? Steht da nicht ein Schloss, dass man auch erst mal nutzen könnte. Aber man hat angefangen und zieht durch – irgendwie kein agiles Management.

Fragen wir einen Nicht-Architekten, warum Großprojekte immer wieder aus dem Ruder laufen und ob es nicht besser sei, man würde das viele Geld in andere Projekte stecken, bin ich mitunter auch einfach ratlos. Höre ich dann von Bekannten, dass viele Kommunen pleite sind und beispielsweise nicht mal Geld für Klettergerüste in den Kindertagesstätten haben, dann fange ich im Hinterkopf an zu rechnen, wie viele tolle Klettergerüste man wohl für 150 Millionen Euro bekommen könnte.

Die Herausforderungen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen scheinen so komplex zu sein, dass man lieber gar nicht erst anfängt oder nur an einem kleinen Eckchen herumbastelt, immer kleinteiliger und verordnungswütiger wird, aber das große Ganze nicht mehr im Blick hat. Oder einfach nicht weiß, wie man anfangen soll – die vielen kleinen Schrittchen scheinen zu verpuffen. Worauf wollen wir denn noch warten, wann geht’s für uns alle los mit dem nachhaltigen Leben, dem nachhaltigen Bauen? Wann wird konsequent alles untersagt, abgelehnt und abgeblasen, was nicht zukunftsfähig ist? Kann man das nicht noch schnell im Infektionsschutzgesetz verankern? Dann wäre es schon mal durch den Bundesrat. Uups, hier war ich beim Schreiben von den News abgelenkt.

Gleichzeitig müsste man einiges vorantreiben, unterstützen – zum Beispiel Holzbau, Lehmbau, Anti-Zersiedlungs-Kampagnen. Die Politik sollte die richtigen Weichen stellen und sich nicht von Lobbyisten zu Kompromissen verleiten lassen. Die Zeit für Kompromisse und Abwarten ist vorbei. Auch das Verankern von Nachhaltigkeitskriterien in Wettbewerbs-Auslobungen ist sinnvoll (diese müssen dann aber entsprechend gewichtet werden). Und total wichtig: das Mitdenken von Nachhaltigkeit schon beim Entwerfen. Sich zu Beginn bewusst entscheiden: Welche Materialien nehmen wir, was können wir konstruktiv und bei der Fassadengestaltung optimieren und was ist für eine nachhaltige Energieversorgung zu bedenken? Hieße aber auch: Projekte tatsächlich durchplanen, bevor man loslegt. Und das wiederum hieße: Der Planungsaufwand müsste entsprechend honoriert werden. Diese anfänglichen Mehrkosten würden sich allerdings durch Einsparungen im Betrieb mehr als amortisieren.

Ein Systemwechsel steht an, nicht Schritt für Schritt, sondern in einem großen Sprung. Wie seht Ihr das? Freue mich wie immer über Eure Gedanken! Schreibt mir an mail@arbeiten-uebermorgen.de

Und bis dahin bin ich ganz bei der brandeins #nachhaltigkeit: „Wer langfristig die Welt verändern möchte, kann schon mal bei seinen Gewohnheiten anfangen“.

Eure Simone von Schönfeldt

Architektin, Organisationsberaterin, Baufachjournalistin

Gründerin von arbeiten übermorgen – Weiterbildung & Weiterentwicklung für Architekt*innen

 

Tipp: Schaut auf unserer Seite im Benefitbereich von NXT A vorbei! Mitglieder erhalten 20% Rabatt auf unser Seminarangebot. Vielleicht ist ja genau die richtige Weiterbildung dabei.

Mit ihrer Kolumne für NXT A hält Simone von Schönfeldt Euch alle einmal im Monat auf dem Laufenden. Foto: privat
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