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Arts & Culture
05. Februar 2021

Museen sollten Treff- und Anziehungspunkte einer Stadt sein

Im Frühjahr 2021 soll das von dem deutschen Architekten Jens Richter entworfene neue Munch-Museum in Oslo öffnen. Der Maler des „Schreis“ vermachte seiner Heimatstadt mehr als 28000 Objekte, darunter Gemälde, Grafiken, Briefe oder Arbeitswerkzeuge. Grund genug, um ihn mit mehr als 26000 Quadratmetern Grundfläche und vier Dauerausstellungen zu ehren

1963 eröffnete das erste Munch-Museum in Oslo im Arbeiterstadtteil Tøyen, zwei Kilometer nordöstlich vom Zentrum. Touristen verirrten sich hier eher selten, es sei denn, der Besuch stand fest in ihrem Programmablauf. Daran änderte auch die Erweiterung und Renovierung von 1994 wenig, im Gegensatz zur neuen Oper, entworfen von dem norwegischen Architekturbüro Snøhetta, die sich in der Bucht von Bjørvika vor der Innenstadt von Oslo, schnell zum Kulturmagneten mauserte.

Seitdem ist das ehemalige Werftenviertel in der Nähe des Hauptbahnhofs zum Spielplatz für moderne Architektur aufgestiegen. Zu der Oper hat sich inzwischen eine ganze Reihe von futuristischen Wohn- und Bürogebäuden gesellt. Diese Erfolgsgeschichte will man nun fortsetzen, indem man in das gleiche Viertel neben der zuletzt kristallartigen Deichmanske-Bibliothek auch das neue Munch-Museum einziehen lässt.

Vor elf Jahren gewann das Estudio Herreros aus Madrid den ersten Preis des Architekturwettbewerbs. Die Bauarbeiten starteten erst 2005, nachdem neue politische Mehrheiten für die Unterstützung des Mega-Museums gesucht werden mussten. Der verantwortliche deutsche Architekt Jens Richter, der ein gleichberechtigter Partner des Büros von Juan Herreros ist, hat ein 58 Meter hohes Hochhaus mit dreizehn Stockwerken und einer gewellten Fassade aus grauen Lochblechen entworfen. Die Gebäudespitze ist geneigt wie ein Lambda, der elfte Buchstabe des griechischen Alphabets, was für die Stadt unter dem gleichnamigen Namen ein neues Wahrzeichen garantiert. Die elf Ausstellungshallen stapeln sich in dem L-förmigen Museum in die Höhe, die Aussichtsplattform im 13. Stock erlaubt eine grandiose Sicht auf den Fjord. Sie kann ohne Eintrittskarte genossen werden.

Eine Besonderheit des Museums ist auch, dass es weder einen festgelegten Anfang noch ein Ende bei der Besichtigung vorschreibt. Statt Chronologie dominieren Themenschwerpunkte den Parcours. Ein einziger Glasaufzug verbindet die Lobby mit der Aussichtsplattform und der Cafeteria im Obergeschoss, was sich im Fall von Reparaturen als problematisch erweisen dürfte. Die zahlenden Besucher, die Munchs Werk erleben wollen, müssen 16 Rolltreppen benutzen, die schon mal eine Etage überspringen, wenn die Galerien höher ausfallen. Weitere acht Aufzüge der Firma Schindler sorgen für eine barrierefreie Erschließung. Kein Saal verfügt in dem fensterlosen Gebäude über Tageslicht. Da perforierte Aluminiumbleche als Material für die horizontal gegliederte Fassade gewählt worden sind, in der Funktion eines lichtdurchlässigen Sonnenschutzes, erscheinen die Ansichten aus den Fluren nicht gläsern, sondern in vier verschiedenen Graustufen gepixelt.

Auch wenn sich die ursprünglich für früher geplante Eröffnung wegen noch fehlender Brandsicherheitseinrichtungen und eines Klimatisierungssystems, das nicht genügend ausgetestet worden ist, verzögert, dürfte sich das neue Munchmuseet schon nur wegen der pittoresk geknickten Optik als massentaugliche Attraktion etablieren.

Davon ist auch der Architekt Jens Richter überzeugt: „Zeitgenössische Museen sollten ihre Aufgabe nicht nur darin sehen, ihre Sammlungen zu präsentieren und aufzubewahren. Sie sollten auch Treff- und Anziehungspunkte einer Stadt sein. So wird das Munch-Museum neben den Ausstellungen ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm bieten. Dafür gibt es ein Auditorium für Konzerte und Vorträge, Räume für Workshops und Aktivitäten auch für Kinder sowie eine Bibliothek. Das Museum soll nicht nur für den Besucher da sein, der einmal mit dem Kreuzfahrtschiff in Oslo vorbeikommt, um sich den „Schrei“ anzusehen. Es soll ein Ort für alle Menschen in der Stadt sein. Architektur kann Öffnung und Transparenz durch bauliche Mittel generieren. Das fängt damit an, dass das Gebäude sich gut mit dem Außenraum verbindet. Und setzt sich in einem Erdgeschoss fort, das wirklich dazu einlädt, hereinzukommen.“

Text: Alexandra Wach

Das neue Munch-Museum in Oslo soll ein Ort für alle Menschen in der Stadt sein. Foto: Nye / Munchmuseet
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