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Longlife Learning
26. April 2021

Let’s Talk: Was passiert eigentlich bei einem Coaching?

Anna Mehner arbeitet seit 11 Jahren als Coach und Strategieberaterin für Architekten und Architektinnen. In ihrer Kolumne LET’S TALK gewährt sie uns einen Einblick in Ausschnitte aus Coaching - Sessions mit Architekten und Architektinnen, die so oder so ähnlich stattgefunden haben könnten. Heute geht es darum, warum sich Architektinnen überhaupt an einen Coach wenden sollten und was Coaching überhaupt bedeutet

Heute wendet sich ein Architekt an Anna Mehner, der seit seinem Master Abschluss 2016 bis 2020 in drei weltbekannten Architekturbüros gearbeitet hat und jetzt überlegt, sich selbstständig zu machen.

Florians (Name geändert) Kontaktaufnahme erfolgt via Mail, in der steht, dass er nach vier Jahren Ausführungsplanung in renommierten Büros zum einen total ausgebrannt und darüber hinaus nicht mehr in der Lage ist, in einem “normalen” Architekturbüro zu arbeiten. Er erwäge, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Seine Mail enthält zudem einen ausführlichen und beeindruckenden Lebenslauf sowie einen Wunschtermin für ein kostenloses Erstgespräch.

Florian formuliert am Ende unseres folgenden Gesprächs als Grundlage für mein anschließendes Angebot seine Zielsetzung wie folgt. „So wie es bisher gelaufen ist, so will ich das nicht mehr. Doch was ich genau will, kann ich noch nicht sagen.“

Kurze Zeit später sitzen wir uns im Zoom Call gegenüber. Wir einigen uns auf „Du“ als Anrede.

„Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, wie ich anfangen soll.“

„Du könntest damit beginnen mir zu erzählen, was genau Dich zu der Erkenntnis gebracht hat, dass es so nicht weitergehen kann. Wäre das ein guter Einstieg?“

Florian erzählt daraufhin von unzähligen Überstunden und ständigen Wechseln zwischen Projekten, von denen er immer nur Ausschnitte kannte, weil keine Zeit blieb, tiefer einzusteigen.

„Das kann man eine Zeit lang machen, doch irgendwann ist das dermaßen stupide, dass mir die Lust vergangen ist. Ich fänd´s schon cool, auf eigene Verantwortung zu arbeiten, an Projekten, die ich von Anfang an betreue, die mir Spaß machen und bei denen ich das Gefühl habe, einen echten Beitrag zu leisten. Das klingt jetzt vielleicht etwas übertrieben, aber ich habe Bock, die Welt ein Stück besser zu machen mit meiner Arbeit. Die Möglichkeit hatte ich allerdings bis jetzt nach meinem Studium in keinem Job. Da ging´s halt immer um den großen Wurf, tolle Fassadenarchitektur und so.“

Dann schweigt Florian für einen Moment.

„Wenn ich mir mal die Zeit genommen habe, darüber nachzudenken, an was ich da gerade beteiligt bin, hat mir das nicht immer gefallen. Ich bin mal mit ganz anderen Idealen angetreten.“

„Was für Ideale waren das?“

„Kann ich jetzt gar nicht so genau sagen. Aber das, was ich in letzten Jahren gemacht habe, das hat mir keine Freude gebracht, das hat mich nur geschlaucht und mir letztlich auch die Lust so gut wie verdorben. Manchmal denke ich darüber nach, vielleicht ganz was anderes zu machen.“

„Was wäre denn das Andere?“

„Ich weiß es nicht. Ich komme da einfach zu keiner klaren Vorstellung. Vielleicht weil ich es nicht wirklich will. Ist vielleicht auch nur so eine Art Trotzreaktion. Keine Ahnung.“

„Das würde mir auch echt schwerfallen. Ich stelle es mir anstrengend vor, sich irgendeine andere Tätigkeit auszudenken, wenn das, was man tut doch eigentlich…“

An dieser Stelle unterbricht Florian mich.

„Dabei wollte ich nie etwas anderes machen. Ich wollte immer Architekt werden. Doch jetzt stecke ich total fest. Mache ich mich selbständig oder gehe ich wieder in ein Büro? Ich habe keine Idee. Ganz ehrlich? Manchmal liege ich nachts wach und wünsche mir, irgendwie so eine Art Fee käme im Schlaf zu mir und dann, am nächsten Morgen wüsste ich, wie es weitergeht.“

Florians Blick wirkt verzweifelt, als er an der Kamera vorbei in den Raum schaut.

„Das ist doch ein toller Gedanke. Und er bringt mich auf eine Idee. Hast Du Lust auf eine kleine Übung? Es wird zwar vermutlich keine Fee erscheinen, aber wir kommen ziemlich nah dran.“

„Was? Echt? Wie soll das funktionieren?“

„Das wirst Du erleben, wenn Du ja sagst.“

„Okay. Ja. Ich bin gespannt.“

„Super. Die Übung, die wir gleich machen, ist hervorragend geeignet, wenn jemand, in diesem Fall Du, in einem Thema feststeckt und sich kaum eine Lösung vorstellen kann. Und hier kommen wir zu Deiner Fähigkeit, Deine…. ja nennen wir sie ruhig mal so… innere Fee zu aktivieren.  Mit einem „Wunder“, das sozusagen über Nacht geschieht, ist es Dir möglich, die Grenzen Deiner Vorstellungskraft zu überwinden. Du brauchst Dir keinerlei Gedanken darüber zu machen, was realistisch ist. Stattdessen wirst Du hemmungslos träumen. Bist Du bereit?“

„Das klingt irgendwie magisch. Ich bin dabei. “

(Anm.: In der hier dokumentierten Übung sind Florians Antworten nicht enthalten. Ein Hinweis, den ich meinen Klienten und Klientinnen vor der Übung gebe, ist der, dass sie verdeckt arbeiten können, wenn sie mögen. Das bedeutet, dass sie alle Fragen nur innerlich beantworten)

Ziel ist, dass der Coachee durch die Art der Fragestellung in eine leichte Trance versetzt wird und so in einem entspannten Zustand neue Möglichkeiten für seine Probleme findet. Die Pünktchen …. stehen für die Pausen, die ich zwischen meinen Aussagen mache. In diesen Pausen entsteht Raum für Fabians Phantasie, die sich im Laufe der Übung immer weiter entfaltet.

„ Okay. Dann mache es Dir bequem und wenn Du magst, schließe jetzt die Augen.“

Florian lehnt sich in seinem Stuhl zurück und starrt mich an, wie das sprichwörtliche Kaninchen die Schlange. Ich lächle ihn – ich hoffe beruhigend – an.

„Äh. Eine Frage noch. Kann ich die Augen auch auflassen?“

„Na klar, Du machst es so, wie es sich für Dich am besten anfühlt.

Ich stelle Dir gleich eine vielleicht etwas merkwürdige und auch schwierige Frage… es braucht etwas Phantasie, um sie zu beantworten…

Wenn Du später den Computer ausschaltest…und tust, was Du Dir für heute Abend vorgenommen hast…dies und das…und Du irgendwann müde wirst, Dir die Zähne putzt oder tust was Du sonst noch tust, gehst Du ins Bett …. und dann schläfst Du….und angenommen, in dieser Nacht…während Du schläfst…geschähe plötzlich ein Wunder…einfach so… und Du weißt es ja nicht, Du schläfst ja… und das Wunder bestünde darin, dass das Anliegen, das Dich hierhergeführt hat…gelöst ist…und auch das, was noch dahinter war….auf einen Schlag…einfach so…und das wäre ja wirklich ein Wunder, nicht wahr?….

Und wenn Du nun morgen früh aufwachst…und niemand sagt Dir, dass dieses Wunder geschehen ist…woran würdest Du dann als erstes erkennen, dass das Wunder eingetreten ist?… Gib mir ein Zeichen, wenn sich in Dir eine Antwort geformt hat.“

Florians Augen sind mittlerweile geschlossen. Nach ein paar Minuten nickt er mit dem Kopf.  Bis zu diesem Moment hat er während der Übung nicht gesprochen. Alles hat sich in seinem Inneren abgespielt. Die folgenden Fragen beantwortet er direkt.

„Okay. Was ist noch anders, wenn das Wunder geschehen ist?

Wann ging es Dir schon einmal so? Und sei es nur ein kleines bisschen.

Trat das eine oder andere, das Du jetzt nach dem Eintreten des Wunders genannt hast, bereits in Deinem Leben auf?

Gab es schon einmal eine Zeit oder eine Situation, wo so etwas wie dieses Wunder, und seien es nur ganz kleine Teile davon, eingetreten ist?

Und angenommen, Du begegnest jetzt wieder der beschriebenen Situation …wie gehst Du jetzt…nach dem Wunder….damit um?

Was bringt Dich dem Wunder näher, was entfernt Dich?

Wenn auf einer Skala von 0-10 die 10 für das Wunder steht und die 0 für den Zeitpunkt, bevor wir uns getroffen haben, wo auf der Skala würdest Du Dich jetzt einschätzen?

Was ist jetzt anders als bei 0?

Was hat Dir geholfen, von 0 auf x (bei Fabian ist es eine 8) zu kommen? Wie hast Du das gemacht?

Gab es in der Vergangenheit bereits Situationen, in denen Dein Wert auf der Skala höher lag als 8?

Was hast Du gemacht, um dort hin zu kommen?

Woran kannst Du erkennen, dass Du von 8 auf 10 gelangt bist?

Was musst Du tun um von 8 auf 10 zu kommen?

Was würde Dir das erleichtern?

Im Laufe der Übung entstehen bei Fabian positive Zukunftsbilder. Er begibt sich in einen zukünftigen Moment, in dem die eingangs geschilderte Situation nicht mehr besteht. Seine Phantasie führt ihn zu einer Vorstellung von Änderungsmöglichkeiten. Sein Problem löst er sozusagen im Schlaf. Der leichte Trancezustand verhilft Florian, aus seiner Gedankenspirale auszusteigen und auf eine Ressource zuzugreifen, in der der innere Zensor zurücktritt.

Das Format „Die Wunderfrage“ nach Steve de Shazer – amerikanischer Psychotherapeut und Autor – ist eine bewährte lösungsfokussierte Intervention.

In der hier dokumentierten lösungsorientierten Intervention ist Florian der „Experte“ für die Lösung seines Problems. Der gesamte Veränderungsprozess geht von ihm aus.

Die Übung führt dazu, dass Florian in unserem nächsten Gespräch Strategien entwickelt, die reale Veränderungsschritte einleiten.

 

Den ersten Teil der Kolumne findet ihr übrigens hier

Foto: Charles Deluvio/ Unsplash
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