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Architecture
12. Mai 2021

Lasst uns etwas sehr Schönes damit machen

Im Taschen Verlag ist ein neuer Bildband zum Werk von Gio Ponti erschienen, der sein komplettes Oeuvre umfasst. Neben dem XXL Bildband ist zudem eine limitierte Sonderedition erschienen, welche die Herzen der Freund:innen italienischen Designs höher schlagen lässt

Gio Ponti war ein Multitalent und es ist schwer, in seinen Arbeiten ein diese miteinander verbindendes Element zu finden und damit auch, ihn in eine Kategorie zu fügen. Nahezu sechzig Jahre lang hat Gio Ponti, der eigentlich Giovanni Ponti hieß, mit größter Energie die Welt gestaltet: Elegante Wolkenkratzer, Vasen, Fliesen, Sessel, Tische, Stühle, atemberaubende Villen, Besteck, Schiffsinterieur, Wandmosaike, Plastiken, Zeichnungen und vieles mehr. Diese Aufzählung könnte man noch weiter fortführen und dabei nicht das Oeuvre von Gio Ponti in Gänze erfassen: In seinen Entwürfen findet man alle Stile des 20. Jahrhunderts, teilweise nahm er auch schon manche Strömungen vorweg. Er war gleichzeitig Dichter, Designer, Industriearchitekt, Architekt und Innenarchitekt. Somit ist sein Kunstbegriff insgesamt sehr weit zu verstehen, da er immer über die jeweiligen Kategorien hinausging und somit mit seinen Entwürfen ein komplexes kreatives Universum erschuf, in dem man bei genauerem Hinsehen auch eine klare, einheitliche Vision erkennt.

Dies hat der Taschen Verlag nun zum Anlass genommen, den Ausnahmearchitekten und seine Arbeiten in einem gewaltigen Buch und dem bis dato umfassendsten Überblick zu seinem Oeuvre, zu dokumentieren. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Gio-Ponti-Archiv in Mailand. Die Leser:innen tauchen beim Blättern ein in eine Welt voller Interieurs, Kunstobjekte, Möbel, Leuchten, Baupläne, Hoteleingänge, Kreuzfahrtschiffe und vieles mehr. Bereits der Bucheinband selbst ist eine Referenz an einen bekannten Bodenbelag Pontis aus einem seiner wohl berühmtesten Entwürfe: dem Pirelli Hochhaus in Mailand.

Das reich bebilderte XXL Buch mit etwa 136 Projekten zeigt Italien zur Zeit Pontis: fortschrittlich, selbstbewusst und zukunftsgerichtet. Wie kein anderer nämlich prägte Ponti, der 1891 geboren wurde, das Erscheinungsbild des modernen Italiens. Der Berliner Art Director Karl Kolbitz, der viele Jahre mit Mario Testino und Wolfgang Tilmans zusammenarbeitete, hat dies in einer detailreichen und feinen Sammlung mit Abbildungen von Bauten, Projekten und Plänen zusammengetragen, wodurch das etwa sechs Kilogramm schwere Buch gar nicht so schwer wirkt und Betrachter:innen mit einer Leichtigkeit durch die vielleicht spannendsten Zeiten für Design im 20. Jahrhundert schweben lässt. Technikbegeisterung und Kreativität kommen hier mit Kunst- und Designgeschichte zusammen, sodass man sich inspiriert fühlt und wenn man es nicht schon war – Liebhaber:in für italienisches Design wird. Besonders hervorzuheben ist zudem, dass jedes Objekt im Originalkontext, in dem es Ponti ursprünglich kreiert hat, erscheint. So ermöglichen bislang unveröffentlichte Materialien und ungestellte Aufnahmen neue Dialoge zwischen seinen bekannten Meisterwerken und den weniger berühmten, aber nicht minder bekannten Arbeiten und zeigen neue Einblicke in sein kaum fassbares Leben.

Aber wer war eigentlich Gio Ponti oder besser gesagt, wer oder was war er eben nicht? Im Booklet des Bildbands kann man darauf einige Antworten finden: Im Essay von Gio Pontis Enkel Salvatore Licitra, dem Gründer des Gio-Ponti Archivs und Kurator der viel beachteten Ausstellungen „Gio Ponti Archi-Designer“ (Museè des Arts Decoratifs in Paris 2018) und „Gio Ponti“ Loving Architecture“ (MAXXI Rom 2019) sowie dem Interview mit seiner 2019 verstorbenen Tochter Lisa Licitra Ponti und einem ausführlichen biografischen Text, geschrieben von Stefano Casciani, langjähriger Chefredakteur des DOMUS Magazins, erhalten die Leser:innen einen guten Einblick in das Schaffen und die Person Gio Pontis.

Er war zwar ein Zeitgenosse der Bauhäusler, aber im Gegensatz zu beispielsweise Walter Gropius war er kein Purist, die Strenge dessen Architektursprache war für ihn zu langweilig und etwas engstirnig, um darin eine neue Formgebung zu sehen. Für ihn war zeitlebens beides wichtig: Klare Struktur und dekorative Elemente. Ihm widersprach es, dass nur eines davon gelten sollte. Seine Kernphilosphie der Moderne sieht die Architektur daher auch als ein darstellendes Objekt und eine „selbstleuchtende“ Bühne für seine humanistische Lebenskunst und grenzenlose Kreativität.

Ponti liebte Farben wie Blau, Hellbraun oder Gelb und hatte eine Schwäche für komplexe und irisierende Oberflächen sowie das Spiel von Licht und Schatten auf einer Fassade. Dies spricht auch heute noch für seine Modernität: Seine Fassadengestaltungen etwa wären ein perfektes Hintergrundbild für Instagram oder ein Tik-Tok Video. Er arbeitete stets nach dem Prinzip: bloß keine Langeweile in den Entwürfen aufkommen lassen.

Gio Ponti wird allgemein als ein Wegweiser der Moderne gesehen, dies ist jedoch nicht ganz korrekt und stellt nur den Versuch dar, sein umfassendes Werk in eine große Klammer zu fassen. Es scheint besser, davon auszugehen, dass Ponti gar keine (eigenen) Stile oder Vorbilder schaffen wollte, sondern einfach nur seinem „Flow“ nachging, wie man heute sagen würde. Dafür spricht besonders sein wohl bekanntestes Bauwerk, das Pirelli Hochhaus in Mailand mit seiner stromlinienförmigen Grundform, dem fast schwebenden Dach und der Konstruktion, die fast ohne Stützpfeiler auskam. Durch diesen Entwurf gelangte Ponti zu Weltruhm und bekam weltweite Aufträge von Museumsbauten über Kirchenbauten bis zu Kaufhäusern. Nebenbei entwarf er auch Designobjekte, wie die Pavoni Kaffeemaschine oder den Superleggera Stuhl. Im Buch findet man neben seinen bekanntesten Entwürfen aber auch kleine, eher unbekanntere Werke wie eine verspielt verrückte Suite auf dem Luxus-Kreuzfahrtschiff „Andrea Doria“, welche er im Jahr 1950 mit Piero Fornasetti gestaltete.

Freunde und Bekannte beschrieben Ponti als schlagfertig, voller Energie und Begeisterung. Dies zeigt sich auch in seiner Tätigkeit als Verleger, Grafiker und Redakteur. Ja, Ponti war tatsächlich ein Multitalent. Er begründetet die noch heute renommierte Zeitschrift DOMUS und kuratierte STILE – alles für ihn eine Möglichkeit, seine Interessen mit einem großen Publikum zu teilen. Für Ihn war die Zukunft der Architektur eng mit Kommunikation verbunden. Schon in den 1920er Jahren hat er bunte Themenmischungen für DOMUS konzipiert: Es ging neben der reinen Architektur auch um Messen, Kunstausstellungen oder Fotografien. Für Ponti war es selbstverständlich, das kreative Köpfe die Veränderungen der modernen Welt mit vorantreiben sollten. Ein Gedanke, der auch für die heutigen Betrachter:innen von Pontis Werk gelten kann und diese weiterhin inspirieren sollte.

„Gio Ponti“ erscheint neben der limitierten XXL Auflage auch als eine Art Edition in ebenfalls limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren, zu denen vier Kunstdrucke und eine Reproduktion des Arleccino – Couchtisches, der ursprünglich von Ponti Mitte der 1950er Jahre für die Villa Planchart in Venenzuela designt wurde und nun im quadratischen Originalformat von Molteni & C neu produziert wurde, gehören. Der Arleccino Gitter Couchtisch gilt als eines der ikonischsten Designs Pontis und kann als ein für Ponti typisches verspieltes Zitat der De Stijl Künstler gelten. Die Drucke beruhen auf Zeichnungen Pontis aus den Jahren 1948 -49, die Originale weden heute im CSAC Parma aufbewahrt, dem die Familie Ponti ein umfangreiches Archiv an Zeichnungen des begnadeten Zeichners Ponti anvertraut hat.

Text: Mandana Bender

 

Informationen zum Buch:

Gio Ponti

Salvatore Licitra, Stefano Casciani, Lisa Licitra Ponti, Brian Kish, Fabio Marino, Karl Kolbitz
Hardcover, 36 x 36 cm, 5.67 kg, 572 Seiten
ISBN 978-3-8365-0135-4
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch
ISBN 978-3-8365-0134-7
Ausgabe: Englisch
Famous First Edition: Nummerierte Erstauflage von 5.000 Exemplaren (1.001-5000)

Gio Ponti. Art Edition
Salvatore Licitra, Stefano Casciani, Lisa Licitra Ponti, Brian Kish, Fabio Marino, Karl Kolbitz Hardcover, 36 x 36 cm, 572 Seiten; exklusiv mit Tisch nach dem Design von Gio Ponti, 56,5 x 56,5 x 38 cm, sowie vier Art-Prints, jew. 40 x 40 cm auf Hahnemühle-Fine-Art-Papier (Photo Rag Ultra Smooth 305/m2)
€ 3.000
ISBN 978-3-8365-8365-7 (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch)

Lisa Licitra Ponti und ihr Vater Gio Ponti im Garten des Ateliers in der Via Dezza, Mailand. Ponti zeigt ihr das Modell eines WCs für Ideal Standard, 1953. Foto: Gio Ponti Archive/ Historisches Archiv der Ponti-Erben (Foto Klein)
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