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Architecture
28. Mai 2021

Jetzt wird es eng

Die Konsequenzen für Bauprojekte werden ernüchternd sein: Verzögerungen, Kostensteigerungen, im schlimmsten Fall Baustopps. Unsere Kolumnistin Simone von Schönfeldt macht sich in der neuen Kolumne Gedanken über die erschreckende Situation auf dem Markt

Heute starte ich kopfschüttelnd in die Kolumne. Gerade habe ich den täglichen Tagesspiegel-Checkpoint gelesen. Auf die Frage, wie viele Behörden man in Berlin braucht, um eine Schiffsanlegestelle am Humboldthafen zu genehmigen, lautet die Antwort: zwölf (vier Bundes- und acht Landesbehörden). Man möchte wirklich nicht darüber nachdenken, wie schnell die Genehmigung wohl erteilt wird und wie viel Papier bzw. wie viele E-Mails damit verbunden sind.

An anderer Stelle wird der Stadtentwicklungssenator zitiert: Zum Einen wurden 2020 wohl 14 Prozent weniger Wohnungen fertiggestellt als 2019, zum Anderen (es scheint sich um eine magische Zahl zu handeln) wurden im ersten Quartal 2021 in Berlin auch 14 Prozent weniger Baugenehmigungen erteilt als im Vorjahreszeitraum (übrigens sind laut Statistischem Bundesamt die Wohnbaugenehmigungen in ersten Quartal 2021 deutschlandweit um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen). Die Begründung? Sondereffekte… Oha, merkwürdig, dass es diese in anderen Teilen Deutschlands sehr viel seltener zu geben scheint.

Aber wie sagt man mitunter in verzweifelten Situationen: Betrachte die Situation doch mal aus einem anderen Blickwinkel. Dann wäre ganz klar: Eine Schiffsanlegestelle wird es am Humboldthafen nur geben, wenn es wirklich keinen Grund dagegen gibt. Da werden dann auch keine Belange des Naturschutzes mit Füßen getreten – was ja aber eh in Berlin nie passiert. Manchmal möchte man wirklich ein Mauersegler sein. Und mehr Baugenehmigungen würden nicht nur zu mehr Versiegelung führen, sondern auch zu einem erhöhten Verbrauch von Ressourcen und Baustoffen führen, die ja momentan eh knapp werden. Das wäre dann ganz im Sinne von: nachhaltig Bauen heißt: nicht Bauen. Und kommt, Corona geht vorbei, da kann man in den wenigen bezahlbaren Wohnungen, die auf dem Markt sind, auch wieder dichter zusammenrücken – da hat man ja geradezu Lust drauf.

Überhaupt: Ist das nicht ziemlich erschreckend, was gerade auf dem Markt passiert? Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, geht nach China oder in die USA und hier bei uns fehlen die Rohstoffe und die Preise explodieren (der Preis für Bauholz hat sich laut Grafik in der Wirtschaftswoche seit April 2020 fast verachtfacht!) – übrigens nicht nur in der Bauwirtschaft. Die Konsequenzen für Bauprojekte werden ernüchternd sein: Verzögerungen, Kostensteigerungen, im schlimmsten Fall Baustopps … das fehlt uns allen gerade noch. Andererseits: Was hätte ein Exportstop wohl politisch für Konsequenzen? Und einfach mehr Holz schlagen, kann auch nicht die Lösung sein – dann müsste auch in vernünftigem Rahmen aufgeforstet werden und Waldbesitzer sollten viel mehr Unterstützung erfahren – ebenso wie übrigens Biobauern…

Verschiedene Entwicklungen lösen Ängste aus – auch in größeren Architekturbüros, sogar in Bauprojektsteuerungsgesellschaften, wie mir neulich ein guter Freund berichtete. Da wird der Gürtel enger geschnallt und in Arbeitsverträgen fest vereinbarte Boni werden einfach nicht ausgeschüttet – man müsse doch verstehen, in diesen Zeiten, Sie wissen doch, wir müssen zusammenhalten… Ob die Partner jedoch auch verzichten, das wäre hier die Frage.

Ach herrje, jetzt im Drüberlesen macht die Kolumne doch einen recht trübsinnigen Eindruck – sollte an diesem verregneten Tag eigentlich gerade nicht so sein. Bleibt jetzt trotzdem so stehen, und ich verspreche für die nächste Kolumne eine etwas bessere Unterhaltung.

Eure Simone von Schönfeldt

Gründerin von arbeiten übermorgen – Weiterbildung & Weiterentwicklung für Architekt*innen

Mit ihrer Kolumne für NXT A hält Simone von Schönfeldt Euch alle einmal im Monat auf dem Laufenden. Foto: privat
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