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Urban Landscape
26. Juli 2020

Hans-Jochen Vogel gestorben

Der Alt-Oberbürgermeister von München und frühere SPD-Vorsitzende ist heute Vormittag im Alter von 94 Jahren gestorben. Schon als Bundesbauminister unter Bundeskanzler Willy Brandt in den 1970er Jahren stieß er eine Debatte um eine neue und gerechtere Bodenpolitik an. München hat er deutlich mit dem Bau des Olympiaparks und der U-Bahn geprägt

Er gehört zu den großen Sozialdemokraten in der Geschichte der Bundesrepublik: Hans-Jochen Vogel. Geboren wurde der Sohn eines Ordinarius für Tierzucht und Milchwirtschaft 1926 in Göttingen. Er studierte Rechtswissenschaften und promovierte in Strafrecht. 1950 wird er SPD-Mitglied. Stationen im bayerischen Justizministerium und der Staatskanzlei folgen, bis er 1958 Stadtrat und Leiter des Rechtsreferats der Stadt München wird. Zwei Jahre später, mit nur 34 Jahren, ist er Oberbürgermeister von München und damit jüngstes Oberhaupt einer deutschen Großstadt. 64,3 Prozent wählen ihn 1960, 77,9 Prozent 1966. Vogel setzt sich für eine gute Stadtentwicklung ein, für eine gerechte Bodenpolitik, gegen Spekulation mit Baugrund in den Städten. Noch heute ist München von seinem Wirken geprägt: Die bayerische Landeshauptstadt wächst in seiner Amtszeit um 300.000 Einwohner auf 1,34 Millionen; ein Schienenschnellverkehrssystem von 420 Kilometern Ausdehnung entsteht, 175.000 Wohnungen werden geschaffen, 1770 Schulräume und über 2800 Krankenhausbetten sowie 400 Kilometer Straßen gebaut. Die Stadt bekommt den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 1972. Die U-Bahn wird gebaut. Kurze Zeit später wird er Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin. 1991 zieht sich Vogel aus der aktiven Politik zurück.

Das Thema „soziale Gerechtigkeit“ beschäftigt ihn bis ins hohe Alter. Noch mit 93 Jahren will Vogel die Wohnungspolitik revolutionieren und fordert in einem Manifest: Der Boden bedarf einer neuen Ordnung. „Ich verfolge die Mietentwicklung mit Aufmerksamkeit, aber auch mit Sorge“, ließ der Alt-Oberbürgermeister verlauten. „Gerade in München nimmt die Zahl derer, die die Wohnungen nicht mehr bezahlen können, zu.“ Vergangenen Herbst brachte er dazu quasi als Vermächtnis sein Spätwerk „Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird auch Wohnen wieder bezahlbar“ heraus, um explodierenden Mieten entgegenzuwirken. In München, so ist dort zu lesen, sei der Quadratmeterpreis für Bauland seit 1950 von drei Euro auf 1.876 Euro gestiegen. Als vorbildlich bezeichnete Vogel die Stadt Wien: Die österreichische Hauptstadt fördert seit 100 Jahren den Bau sozialer Wohnungen – und gibt diese kaum aus der Hand.

Der Olympiapark soll UNESCO-Welterbe werden

Bis zuletzt stand der Olympiapark samt Stadion und Olympiaturm auf Vogels Agenda: Denn das architektonische Gesamtensemble – seit 1998 denkmalgeschützt – soll UNESCO-Welterbe werden. Unter dem Patronat des Alt-Oberbürgermeisters stellten Experten aus aller Welt auf der internationalen ICOMOS-Tagung am Anfang November 2019 Erhaltungsperspektiven für Olympiabauten des 20. Jahrhunderts vor im Münchner Olympiastadion vor und diskutieren ihr Potential für eine Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO.

Insbesondere der Kernbereich des Olympiaparks mit seinen Sportstätten gehören zu den wichtigsten Dokumenten der europäischen Baukultur des 20. Jahrhunderts. Ergänzung fand die bauliche Gestaltung mit dem Grafikdesign von Otl Aicher, dessen Farbgestaltung symbolisch für die Grundwerte von Demokratie und olympischem Geist stehen. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege nahm am 19. März 1998 den Olympiapark als Ensemble sowie das Olympiastadion, die Olympiahalle, die Olympia-Schwimmhalle, den Fernsehturm sowie das Ökumenische Kirchenzentrum des Olympischen Dorfes als Einzelbaudenkmäler in die Denkmalliste auf.

Dass sich der Olympiapark mit seinen Bauten für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste bewerben soll, wird schon lange öffentlich diskutiert. Vogel war ein großer Befürworter – und übernahm die Schirmherrschaft des Vereins „Aktion Welterbe Olympiapark e.V.“.

Text: Ute Strimmer

Buchtipp: Hans-Jochen Vogel, Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird auch Wohnen wieder bezahlbar, 80 Seiten, 2019, 12 Euro

Hans-Jochen Vogel 1972 im Münchner Olympiastadion. Foto: ho