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Architecture
28. April 2021

Haltung: Warum die Wirtschaft mehr davon braucht – und die Architektur sie schon hat

Wenn die Haltung etwas ist, das Architekt:innen und ihre Werke auszeichnet, wie kann sie allgemein Unternehmen von Nutzen sein? In seinem aktuellen Buch stellt Alexander Gutzmer diese Frage. Dabei beleuchtet er, worum es bei der Haltung in Planung und Bau eigentlich geht – was nicht zuletzt die Architekt:innen interessieren sollte

Viele Zauberwörter reichern den Diskurs um die Architektur an. Schönheit ist eines davon, Nachhaltigkeit ein anderes und Haltung ein weiteres. Das erste dreht sich um das Objekt, das konkrete Gebäude und wie man es betrachtet. Das Zweite hat das große Ganze im Blick, die Gesellschaft und die Welt. Und das dritte? Es bezeichnet die Eigenschaft von Architekt:innen, eine Haltung zu haben und zu zeigen. Welche Rolle spielt sie in diesem Reigen der Fachbegriffe?

Bei der Schönheit ist es so, dass es weder ein Vorher noch ein Nachher gibt. Das Objekt, die einzelne Architektur reflektiert den Endpunkt des Bauens. Es schwebt in einem entrückten Zustand permanenter Gegenwart und wird von Expert:innen betrachtet und für schön befunden. Nun liegt die Schönheit oftmals im Auge der Betrachter:innen und offenbart bisweilen Trügerisches. Bei der Nachhaltigkeit steht hingegen das Nachher im Blickfeld des Interesses. Hat sie dazu beigetragen, dass Ressourcen geschont wurden, dass effizient gebaut wurde, dass sozialverträgliche Architektur entstanden ist? Hat die nachhaltige Architektur ihr Versprechen, Inklusion zu fördern, eingelöst? Was ist ihr Ergebnis im Spannungsfeld der Akteure und Institutionen und Umwelten, die sie verändert? Sind die Veränderungen mit dem Anspruch in Einklang zu bringen, an die Folgegeneration eine lebenswerte Welt zu übergeben? Diese Sichtweise geht klar über das Objekt, die einzelne Architektur hinaus und verweist auf ein weiteres Stück des diskursiven Puzzles – die Haltung. Sie ist es, die Architekt:innen den Weg eröffnet hin zu einer womöglich schönen und nachhaltigen baulichen Lösung.

In seinem Buch “Haltung. Warum die Wirtschaft mehr davon braucht – und die Architektur sie schon hat” stellt sich Alexander Gutzmer der Herausforderung, diesen Begriff zu entschlüsseln. Doch was “tut” die Haltung eigentlich? Vereinfacht und als Kommunikationsthema von Unternehmen gedacht, vermittelt sie, was Verantwortlichen gut oder relevant erscheint. Auf diese Weise bildet eine Haltung Werte ab. Sie führt aber auch zu Reibung, wenn es gilt, die Spuren und Zeichen anderer in der eigenen Arbeit zurückzuweisen und damit Grenzen zu ziehen.

Steht Haltung somit in Opposition zu irgendetwas oder irgendwem? Man kann sie als Gegensatz zur Willkür, zur Planungslosigkeit oder zum Opportunismus auffassen. In diesem Sinn stellt sie auch das Verhältnis zwischen Gestalter:innen und ihrem Werk sowie ihren Auftraggeber:innen und Nutzer:innen und damit der sozialen Umwelt dar. So gesehen trägt eine Haltung dazu bei, selbst bei kontroversen Arbeitsbedingungen ein kohärentes Designprojekt zu formulieren. Als Folge wird die Haltung zu einem Korrektiv zwischen der Intention der Entwerfer:innen und dem realisierten Werk. Wie kommen demzufolge Architekt:innen zu ihrer Haltung? Die These des Buchs besteht schließlich darin, dass die Architektur sich als Referenzrahmen für eine Diskussion des Begriffs eignet.

Gutzmer definiert zunächst drei Dimensionen der Haltung, nämlich als Konsequenz im Handeln, als moralische Integrität und als eigene, trennscharfe Position. Um diese Dimensionen zu verdeutlichen, wird die Arbeit von Protagonist:innen beleuchtet und wie diese im Rahmen einer werteorientierten und gestaltungsbasierten Diskussion zu deuten sind. Die Protagonist:innen umfassen Klassikerinnen und Klassiker des Architekturschaffens: Lina Bo Bardi und Zaha Hadid, Ludwig Mies van der Rohe und Philip Johnson, Christian Norberg-Schulz und Alejandro Aravena und Rem Koolhaas. Nach diesen Beispielen bewertet, ist das Zeigen einer Haltung etwas “Gutes”. In etwa wie “gute” Architekturen, gebaut von “guten” Architekt:innen.

Nun sind Architekturen, aus sozialräumlicher Sicht, Einheiten größerer Systeme wie der Stadt. Hier entfaltet die Architektur ihre Kraft, die charakteristische, urbane Lebensweise ihrer Nutzer:innen durch kulturell relevante räumliche Begrenzungen zu umfassen. Damit wird sie zu einem Phänomen, das “hält” und “dasteht”. So betrachtet können Architekt:innen, ganz im Sinne der Inhalte, die ihre Werke kommunizieren sollen, Standfestigkeit demonstrieren. Dieses Spannungsfeld zeichnet Gutzmer nach, wie etwa in der Diskussion über Mies und dem Seagram Building als Paradebeispiel einer als metropolitan verstandenen Architektur – zivilisierend, sozusagen.

So gesehen wird die Haltung zu einem Ort, an dem Architekt:innen die Begründungen für ihre entwerferischen Intentionen finden können, wo sie für die innere Einkehr “on display” sind und nach Bedarf nach außen gekehrt werden können, um ebendiese Intentionen wirksam kommunizieren zu können. Damit ist die Haltung ein Instrument, das der Beliebigkeit entgegenwirkt und dabei eine Kritikfähigkeit hinsichtlich der Produktion anderer gestalterischer Werke begründet. Nun könnte man fragen, warum Architekt:innen dieses Buch lesen sollten, wenn beispielhafte Architekturen für eine ganz andere Lesergruppe diskutiert werden, nämlich Unternehmer:innen? Gutzmer gibt letzteres gerne zu. Sein eloquentes System Buch ist offen: Es beginnt und endet nicht mit seiner Stimme, sondern den Stimmen prominenter Akteurinnen des Architekturdiskurses in Deutschland, Fabienne Hoelzel und Tatjana Schneider.

Das Buch wirkt somit nicht wie ein Monolog, sondern wie ein lockeres und dabei fundiertes Gespräch über die kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen der Architekturpraxis, dem sine qua non des Bauens. Darüber hinaus ist es bekanntlich so, dass die Architekturpraxis im unternehmerischen Kontext stattfindet. In diesem Sinn ist die Frage danach, wie eine architekturdiskursiv resonante Haltung für Unternehmen gewinnbringend sein kann, eine durchaus praktikable im Kontext des “guten” Architekturschaffens, des Konturierens der eigenen Gestaltungsaussagen und des Findens eines moralisch-wertebasierten Ortes, von dem aus man Haltung demonstrieren kann.

Text: Mark Kammerbauer

Haltung: Warum die Wirtschaft mehr davon braucht – und die Architektur sie schon hat. Von Alexander Gutzmer, erschienen bei Springer (2020). Foto: Mark Kammerbauer
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