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Architecture
24. Februar 2021

Gemeinschaft bauen – Die Kunst des Teilens

Wie bauen wir sozial nachhaltige Lebensräume, die unseren CO2-Fußabdruck verringern und die Lebensqualität der Bewohner verbessern? Und wie kann Architektur helfen, Einsamkeit zu verhindern?

Diese Fragen treibt das 26-köpfige Team des 1996 gegründeten norwegischen Architekturbüros Helen & Hard um. Die Norwegerin Siv Helene Stangeland und der Österreicher Reinhard Kropf verfolgen den Ansatz des „referentiellen Designs“: „Unser Ziel ist es, vom ausschließlich technischen und anthropozentrischen Ansatz wegzukommen, um es einem Projekt zu erlauben, sich völlig im Kontext seiner physischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Umgebung zu entwickeln.“

Bei der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig wird Helen & Hard den Beitrag Norwegens im Nordischen Pavillon gestalten. Im Rahmen der Ausstellung „What we share. A model for cohousing“ wird eine experimentelle Hausgemeinschaft den Pavillon beziehen. Im Maßstab 1:1.

Als Grundlage dienen Ideen und Erfahrungen der Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung Vindmøllebakken in Stavanger. Erst Anfang dieses Jahres zeichnete Design og Arkitektur Norge (DOGA) das komplett aus Holz erbaute Co-Housing Projekt mit dem Innovation Award for Universal Design in der Kategorie Architektur aus.

Auf einer Gesamtfläche von 4950 Quadratmetern umfasst Vindmøllebakken40 Co-Living Einheiten, vier Townhouses und acht Apartments. Die relativ kleinen, aber vollständig ausgerüsteten Wohnungen sind rund um eine 500 Quadratmeter große Gemeinschaftsfläche errichtet. Hier können sich die Menschen treffen, zusammen essen, auf arenahaft angeordneten Stufen einen Film sehen oder ein Hauskonzert verfolgen.

Doch wie weit kann Teilen gehen? In Venedig fordern Helen & Hard die Bewohnerschaft auf, zu prüfen, welche Bereiche der Privatsphäre sie auszulagern bereit sind. Mit ihren Nachbarn, aber auch mit den Besuchern der Biennale. „Es besteht ein großer Bedarf im Wohnungssektor, neue Gemeinschaftsmodelle auszuprobieren“, erklärt Martin Braathen. Der Kurator zählt neben Gudrun Eidsvik und Cathrine Furuholmen zu dem vom norwegischen Nationalmuseum gestellten Ausstellungsteam.

Die Corona-Krise als Beschleuniger habe die Frage Einsamkeit, sozialen Treffpunkten und Gemeinschaft und damit verbunden nach dem Wohnen von morgen neu in den Fokus gerückt. „Helen & Hard verbinden ökologische und soziale Nachhaltigkeit auf innovative und höchst gesellschaftsrelevante Weise“, würdigt er das Architektenbüro, das neben Stavanger auch ein Büro in Oslo unterhält.

Dabei ist das Modell des Co-Housing, das individuelles Wohnungseigentum und selbständige Wohneinheiten mit geteilten Funktionen und gelebter Gemeinschaft kombiniert, keineswegs ein Novum.Es wurde in den 1960iger Jahren in Dänemark entwickelt und von einigen Ländern adaptiert.

Das Projekt fußt auf einem engen Dialog zwischen Architekturbüro und Bewohnerschaft. Die Gebäude entstehen auf der Grundlage eines innovativen Open-Source-Massivholzsystems, das in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Ingenieur Herman Blumer entwickelt wurde.

Im Rahmen der Ausstellung untersucht die Künstlerin Anna Ihle, die selber in Vindmøllebakken wohnt, die sozialen und politischen Voraussetzungen des Co-Housing.

Text: Inge Pett

Für die Ausstellung „What we share. A model for cohousing“ der diesjährigen Architekturbiennale wird eine experimentelle Hausgemeinschaft den Pavillon beziehen. Foto: Helen & Hard
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