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Architecture
17. März 2021

„Für uns ist Abriss Gewalt“

Das französische Architekturduo Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal gewinnen die höchste Auszeichnung für Architektur, den Pritzker-Preis 2021, für ihre Praxisnähe und Offenheit gegenüber dem Leben

Das französische Architekturduo achtet in seiner Arbeit vor allem auf einen Punkt: Nichts abreißen. „Es gibt zu viele Demolierungen von existierenden Gebäuden, die nicht alt sind, noch ein Leben vor sich haben und noch nicht ausrangiert sind“, sagte Lacaton. „Wir glauben, dass das eine zu große Verschwendung von Materialien ist. Wenn wir genau hinschauen, wenn wir die Dinge mit frischem Blick sehen, gibt es immer etwas Positives, was man aus einer bestehenden Situation mitnehmen kann.“

Ihre Bauten zeichnen sich durch Zugänglichkeit aus – sie sind transparent, lichtdurchflutet, übersichtlich und niemals einschüchternd. Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal lernten sich in den 1970er Jahren als Studierende an der École Nationale Supérieure d’Architecture et de Paysage de Bordeaux kennen. Lacaton blieb nach dem Studium in Bordeaux und machte ihren Master, Vassal ging in den westafrikanischen Niger, um dort stadtplanerisch zu arbeiten.

Inspiriert von der landschaftlichen Kargheit der Sahel-Zone und der Bescheidenheit der dort lebenden Menschen, errichtete das Baumeister-Paar ihr erstes gemeinsames Projekt in der Hauptstadt Niamey: Eine Strohhütte. Gebaut mit Materialien aus der Umgebung hielt die Hütte dem Wind zwei Jahre stand. Vassal sagt über seine Zeit in der Sahel-Zone: „Der Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Und doch sind die Menschen dort so unglaublich freigebig, machen fast alles möglich ohne etwas zu haben, finden Rohstoffe, erfüllt von Optimismus, Poesie und Erfindungsgabe. Es war meine zweite Architekturschule.“

In den 1980er Jahren eröffnete das Duo ein Architektur-Büro in Paris. Den Abriss von Sozialwohnungen lehne es auch hier prinzipiell ab, heißt es in den Lebensläufen des Architektenpaares. In Bordeaux haben sie 530 Wohnungen „von innen nach außen“ nach den Bedürfnissen der Bewohner*innen instand gesetzt. „Wir sehen das Bestehende nicht als Problem“, so Anne Lacaton. „Wir waren in Gegenden, wo die Häuser abgerissen worden wären, und wir haben dort Menschen angetroffen, Familien, die dennoch an ihrem Zuhause hingen, auch, wenn die Wohnsituation nicht die beste war.“

Transformation sei besser als Zerstörung, so Lacaton. „Abriss ist die einfachste und schnellste Lösung. Es ist in mehrfacher Hinsicht Verschwendung – von Energie, von Material, von Tradition. Im Übrigen hat er schädliche gesellschaftliche Auswirkungen. Für uns ist das Gewalt.“ Auch ihre derzeitigen Projekte werden dem Anspruch, nichts zu demolieren, gerecht. Aus einem früheren Krankenhaus in der Nähe von Paris gestalten sie einen Wohnblock mit 138 Einheiten, modernisieren ein Mietshaus in Anderlecht, bauen ein Bürogebäude um, errichten in Toulouse eine Mischung aus Hotel und Geschäftshaus und in Hamburg ein Wohngebäude mit vierzig Parteien.

Die Pritzker-Jury begründet ihre Entscheidung folgendermaßen: „Sie haben nicht nur einen Ansatz entwickelt, der das Erbe der Moderne erneuert, sondern sie haben auch den Beruf des Architekten völlig neu definiert. Die modernistischen Hoffnungen und Träume, das Leben von vielen Menschen zu verbessern, werden durch ihr Werk wiedererweckt, das den klimatischen und umweltfreundlichen Notwendigkeiten unserer Zeit entspricht, aber auch den gesellschaftlichen Bedürfnissen, speziell, was das Wohnen in den Städten betrifft.“ Die Jury teilte weiterhin mit: „Indem sie die Verbesserung des menschlichen Lebens durch eine Perspektive der Großzügigkeit und Benutzungsfreiheit priorisieren, sind sie in der Lage dem Individuum sozial, ökologisch und wirtschaftlich zu nützen und der Entwicklung einer Stadt zu helfen.“

Der Pritzker-Preis gilt als renommierteste Auszeichnung der Architektur-Branche und ist mit 100.000 Dollar dotiert. Bereits 2020 wurden Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal mit dem Großen BDA-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Mehr dazu lest ihr hier.

Text: Valentina Grossmann

Das Architektenpaar Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal gewinnen den Pritzker-Preis 2021. Foto: Laurent Chalet
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