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Architecture
03. Juli 2020

Flanieren durch eine Architekturikone

Für die einen war der 2007 verstorbene Architekt Oswald Mathias Ungers ein Genie klassischer Proportionen. Andere sahen in ihm einen rückwärtsgewandten Tyrannen, der alles, was er anfasste, mit Quadraten versah. Aber wie lebte eigentlich jemand, der derart zu polarisieren vermochte? Das Kölner UAA, Ungers Archiv für Architekturwissenschaft, sieht sich als Ort des Forschens und Vermittelns von Architektur. Das Fundament der Stiftung des UAA ist die Ungers Bibliothek, sein Nachlass und das Wohn- und Bürohaus Belvederestraße 60. Bis 30. September gibt es jetzt die Gelegenheit zum ersten Kennenlernen. Für die Führungen durch das Haus können sich Gruppen bis zu 10 Personen anmelden

Oswald Mathias Ungers lebte und arbeitete mit seiner Frau Liselotte in einem von ihm selbst erschaffenen Mikrokosmos, als Architekt und Wissenschaftler, aber auch als Sammler von Objekten und Materialien. In dem 1959 gebauten Wohn- und Bürohaus Belvederestraße lässt sich das Ungers’sche Wirken nun studieren. Aus dem komplexen Gebäude mit dem reduzierten Anbau des Bibliothekskubus ist eine Pilgerstätte geworden für all jene, die das Denken des Star-Architekten verstehen möchten. Zu verdanken ist das Tochter Sophia Ungers. Sie hat eine Stiftung gegründet, um das Erbe ihres Vaters für die Nachwelt zu bewahren.

Der mit Mauern und Hecken abgeschirmte, denkmalgeschützte Komplex, der längst als Architekturikone gilt, erstreckt sich mit seinen ineinander verschachtelten Formen und schmalen Fenstern in die Straße hinein. Er beherbergt das Archiv für Architekturwissenschaft, flankiert vom Architektenhaus, Bibliothek und Nachlass. In den ehemaligen Büro- und Wohnräumen werden themengebundene Ausstellungen von Kunst, Architektur und Design angeboten, sowie Symposien und Vorträgen, mit denen sich das UAA lokal und international in den aktuellen Architekturdiskurs einbringt.

Im Inneren des grauschwarzen Granit-Kubus sieht man sich mit einem Labyrinth von Perspektiven und Blickachsen konfrontiert. Kein Wunder, denn das gesamte Gebäude war für Ungers nie abgeschlossen. Mal teilte der Perfektionist die Räume anders auf, mal wies er ihnen neue Funktionen zu. So gesellte sich auch die imposante Bibliothek erst 1990 als Herzstück dazu. Die Begegnung mit der Empore, der geschwungenen Treppe und den dunklen Hölzern entführt in eine glorreiche Vergangenheit, garniert mit zwölf Gipsabgüssen eines antiken Apoll-Kopfes – es handelt sich nicht um Originale, sondern um das Werk „The Twelve who ruled“ des zeitgenössischen Künstlers Ian Hamilton Finley.

Die Bestände der Bibliothek punkten mit 500 Jahren Architekturgeschichte und -theorie auf, darunter Kostbarkeiten wie die riesigen Folianten des Renaissance-Kupferstechers Giovanni Battista Piranesi. „Ungers wollte den Dingen immer ganz auf den Grund gehen. Er hat alles gesammelt, was es über Architekturtheorie gab“, sagt Anja Sieber-Albers, wissenschaftliche Leiterin des Archivs und Verwalterin des Nachlasses, der sich im Untergeschoss befindet. Dazu gehört die Bibliografie über Ungers und alle seine Theorie-Texte. Bemerkenswert auch die Werkstatt nebenan, in der Modelle in Alabastergips hergestellt werden.

In der Bibliothek setzte sich Ungers stets an einen großen Tisch, im Rücken Christian Friedrich Tiecks Büste von Karl Friedrich Schinkel. Drei Privathäuser hat Ungers für sich gebaut. Das letzte Haus von 1995 findet man fast um die Ecke am Kämpchensweg 58. Das „Haus ohne Eigenschaften“ gilt als Höhepunkt eines selbst auferlegten Purismus. Ungers pflegte seine Vorliebe für geometrische Entwurfs- und Gestaltungsprinzipien wie Quadrat, Kubus und Kreis mit legendärer Kompromisslosigkeit und geschärftem Blick auf historische Architekturen. Mit Gebäuden wie dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln oder der Kunsthalle Hamburg ist er ein prominenter Teil der Baugeschichte geworden.

Text: Alexandra Wach

Ungers-Archiv, Belvederestraße 60, Köln. Führungen nach Vereinbarung: Gruppenpreis bis 10 Personen 100 Euro, ab 11 Personen jede weitere Person 8 Euro, Führungsdauer ca. 1 Std, www.ungersarchiv.de

 

 

In dem 1959 gebauten Wohn- und Bürohaus in der Kölner Belvederestraße lässt sich das Wirken von Oswald Mathias Ungers studieren. Foto: www.ungersarchiv.de