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Urban Landscape
25. Februar 2021

“Es ist ein strukturelles Problem, dass es auf dem Land keinen qualitätsvollen Mietmarkt gibt.”

Anika Gründer und Florian Kirfel gründeten ihr Architekturbüro 2010 in Weimar und zogen 2013 in das Schloss Bedheim in Thüringen. PIONIRA sprach mit ihnen über Japan, die Verantwortung von Architekt*innen und die Herausforderungen eines Architekturbüros in ländlichen Raum.

 

PIONIRA: Ihr habt eine Weile in Japan verbracht – was habt Ihr davon mitgenommen?
Anika Gründer: Das erste Mal sind wir 2013 mit einem Künstler Stipendiums des Goethe-Instituts nach Kyoto gekommen und haben dort vier Monate gelebt. Wir haben uns vor Ort vor allem mit den Städten und ungenutzten Schulen beschäftigt. Dabei ist uns aufgefallen: In Japan herrscht dasselbe Problem wie in Deutschland. Nämlich: der demografische Wandel. Zu unserem Glück haben wir dort einen Professor kennengelernt, der sich genau mit dieser Problematik beschäftigt. Der hat uns viele ungenutzte Schulen gezeigt. Viele der ehemaligen Schulhöfe waren zu Tennisplätzen für das Viertel umfunktioniert. Die Tennisspielenden waren zumeist über 70. Das waren tolle Orte, das hat uns begeistert.

 

PIONIRA: Gab es noch mehr gemeinsame Probleme, die Euch begegnet sind?
Anika Gründer: In Japan sind die Städte noch mehr bevölkert als bei uns. Außerdem sind die gesellschaftlichen Konventionen viel enger. Deshalb brechen gerade junge Kreative aus und gehen aufs Land. Deshalb sind wir bei unserem zweiten Japanaufenthalt 2017 mit Bus, Bahn und Mietauto durch den ländlichen Raum gereist und haben uns Initiativen für Architektur und Kunst angesehen.

Florian Kirfel: Was wir hier vor allem wahrnehmen von Japan sind die riesigen Städte. Dabei gibt es unglaublich viel ländlichen Raum mit Kleinstädten. Und die haben Probleme – zum Beispiel, dass die Schulen schließen müssen. Aber wir sind vielen Projekten begegnet, die dem entgegenwirken möchten. Viele Projekte werden auch gezielt vom Staat finanziert, um den ländlichen Raum zu stärken. Immer wieder sind wir Künstlern begegnet. Denn diese werden wie Pioniere genutzt, um den ländlichen Raum zu stärken und attraktiver zu machen.

PIONIRA: Dann seid Ihr nach Bedheim gekommen. Welchen Herausforderungen seid ihr begegnet mit den Erkenntnissen aus Japan im Gepäck?
Anika Gründer: Wir mussten uns und den Leuten, mit denen wir zusammen arbeiten, erstmal einen Wohnraum schaffen. Diese Herausforderung haben wir bis heute: Menschen, die für uns arbeiten wollen, finden hier keine Wohnung, die sie mieten können. Also ist unser Ziel, dass hier irgendwann ein weiteres Wohnhaus steht.

Florian Kirfel: Es ist tatsächlich ein fundamental strukturelles Problem auf dem deutschen Immobilienmarkt, dass es auf dem Land keinen qualitätsvollen Mietmarkt gibt. Es gibt einfach kein Angebot für Mietwohnungen. Die zweite große Herausforderung, der wir immer wieder begegnen, ist Mitarbeiter zu finden, die hierherziehen möchten. Mittlerweile können sich Architekten und Architektinnen ja glücklicherweise aussuchen, wo sie arbeiten möchten.

PIONIRA: Wie seht Ihr die Rolle des Architekten heute? Was ist unsere Verantwortung?
Florian Kirfel: Ich sehe den oder die Architekt*in als Treuhänder des Auftraggebers und als Treuhänder der Gesellschaft. Die Aufgabe des Treuhänders beginnt damit, dass die Aufgabe des Auftraggebers oder eine räumliche Frage gelöst werden muss. Im zweiten Schritt müssen dann Bedingungen eingehalten werden – die berühmt berüchtigten Kosten und Termine. Schlussendlich hat die Aufgabe des oder der Architekt*in viel mit Integrität zu tun. Wenn von uns zum Beispiel ein Bauherr verlangt, dass wir Kunststofffenster verbauen, dann kündigen wir den Vertrag. Denn das können wir nicht mit unserer Haltung zu Architektur vertreten.

Ihr möchtet mehr zu Gründer Kirfel erfahren? In der dreiteiligen Gesprächsreihe “Von wegen Landeier – Bauen im ländlichen Raum” sprechen NXT A und PIONIRA mit drei Architekturbüros über ihre Visionen für den ländlichen Raum und wie lokal gebaut werden kann. Heute Abend sprechen wir ab 18:30 mit Anika Gründer  und Florian Kirfel, die das Studio Gründer Kirfel gegründet haben. Auf Facebook streamen wir den Talk live. Seid dabei und stellt eure Fragen!

Das Interview ist ein Ausschnitt aus dem Podcast, den PIONIRA mit Gründer Kirfel führte. Das gesamte Gespräch könnt Ihr Euch hier anhören.

Titelbild: Anika Gründer und Florian Kirfel gründeten ihr Architekturbüro 2010 in Weimar und zogen 2013 in das Schloss Bedheim in Thüringen. Foto: PIONIRA
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