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Architecture
16. Dezember 2020

Einfach bauen

Wie genau das Bauen der Zukunft aussehen könnte, soll ein spannendes Experiment klären, das gerade im bayerischen Bad Aibling, einer Kleinstadt in der Nähe von Rosenheim, durchgeführt wird. Florian Nagler hat hier die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der TU München umgesetzt

Jedes Gebäude ist mit Eingriffen in bestehende Ökosysteme verbunden. In allen Lebenszyklusphasen eines Gebäudes werden Rohstoffe und Energie verbraucht. Dies führt zu verschiedenen Auswirkungen auf die gesamte Umwelt. Eine dieser Auswirkungen ist die Klimaveränderung, die eine enorme Herausforderung für die Menschheit darstellt. Vordringlich sollte daher auf die Nutzung bereits vorhandener Bausubstanz und Baumaterialien geachtet werden. Auch die Weiternutzung von Gebäuden oder Neubauten als „Nachverdichtung“ in Baulücken verursachen geringere Auswirkungen auf die Umwelt. Wie könnte durch Weitsicht und Analyse der zukünftigen Wohnbedürfnisse ein Typus von langlebigeren Gebäuden ersonnen werden, damit sich allzu häufiger Abriss und Neubau erübrigt?

Nachhaltige Gebäude benötigen möglichst wenig Energie und nutzen auch erneuerbare Energien. Die Auswahl von gesundheits- und umweltverträglichen Bauprodukten ist ebenfalls wichtig, da die Herstellung und spätere Entsorgung der Materialien sehr aufwändig sein kann und die Baustoffe die Raumluftqualität beeinflussen. Nichts ist für die Ewigkeit. Daher muss man sich auch darüber Gedanken machen, wie der zunehmenden Flächenversiegelung in Deutschland begegnet werden kann, ja wie in nicht allzu ferner Zukunft Siedlungen, Dörfer oder ganze Städte renaturiert werden können. Dazu müssten Bauweisen entwickelt werden, die eine Renaturierung von bebauten Flächen – was die zu erwartenden Kosten anbelangt – überhaupt erst möglich machen. Nichts ist für die Ewigkeit. Und dennoch haben wir in den vergangenen Jahrzehnten gebaut, als müssten diese Neubauten niemals (kostengünstig und klimaschonend) entsorgt werden, wenn sie – das ist der Lauf der Dinge – moderneren Gebäuden Platz machen sollten. Umdenken tut also Not. Wie genau das Bauen der Zukunft aussehen könnte, soll ein spannendes Experiment klären, das gerade im bayerischen Bad Aibling, einer Kleinstadt in der Nähe von Rosenheim, durchgeführt wird.

Drei Testhäuser, eines aus Beton, eines aus Holz und eines aus Ziegel, zeigen, wie man in Zukunft bauen sollte: ohne Styropor und Hightech, dafür dauerhaft und wohnlich: Drei Wohnhäuser, dreigeschossig, mit Giebeldach darauf und jeweils drei Wohnungen darin. Die Häuser sehen aber nur auf den ersten Blick gleich aus. Beim genaueren Hinsehen erkennt man Unterschiede: im Material, in der Fassade und bei den Fenstern. Beim mittleren Haus sind die Fenster rechteckig, bei den anderen haben sie einen Bogen, jedoch mit unterschiedlichen Radien. Der Münchner Architekt Florian Nagler hat hier die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der TU München zum Thema “Einfach bauen” umgesetzt und drei miteinander vergleichbare Testhäuser aus drei Materialien gebaut. “Die Gebäude, die wir heute bauen, werden immer komplexer in ihren Anforderungen an Haustechnik und Bautechnik. Das sind hochgezüchtete Häuser, die sehr fehleranfällig sind”, sagt Nagler. “Wir brauchen Systeme, die robuster und langlebiger sind und nicht an den Nutzern vorbeigeplant wurden.” Mit dieser gebauten Versuchsanordnung wollen er und seine Kollegen von der TU München zeigen, wie man robuster bauen kann. Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen, kann dies mit Zahlen belegen: “Eine Studie des Royal Institute of British Architects (RIBA) hat fast 60.000 Schulen in Europa untersucht und gezeigt, dass 95 Prozent der Gebäude nicht so funktionieren wie geplant. Das liegt an der Technik, der baulichen Komplexität und daran, dass zum Beispiel Sensoren nicht richtig angeschlossen sind oder nicht richtig messen. Und das akzeptieren wir”, sagt er kopfschüttelnd. Die Folgen dieser Komplexität sind eine hohe Fehlerquote in Planung und Ausführung sowie eine Überforderung von Bauherren und Nutzern.

Schon seit mehreren Jahren suchen Nagler und Auer gemeinsam mit anderen Professoren an der TU München und Partnern aus der Praxis eine Antwort auf die Frage, wie man bauen muss, damit Häuser länger halten. Nicht von ungefähr haben sie ihre Forschungsgruppe “Einfach bauen” genannt. Sie sind davon überzeugt, dass die Häuser nur dann langlebiger sind, wenn diese mit weniger Technik auskommen und wenn die Wände nicht aus vielen verschiedenen Schichten, sondern aus möglichst einem Material bestehen. Die Forschungsergebnisse konnten sie in Bad Aibling umsetzen. Wie Drillinge stehen die drei Häuser dort nebeneinander, ihre Außenwände bestehen aus jeweils einem einzigen Material: Eines ist aus Beton, eines aus Holz und eines aus Ziegel. Auf eine zusätzliche Dämmschicht konnte Nagler verzichten, da alle drei Materialien mithilfe von Lufteinschlüssen gut dämmen. Der Beton ist ein sehr leichtes und poröses Material, beim Hochlochziegel sind, wie der Name schon sagt, Löcher drin, und in die Massivholzplatten wurden Luftschlitze eingefräst. Die Häuser erreichen die gesetzlich geforderten Dämmwerte, aber keinen Niedrigenergiestandard und sind dennoch über den ganzen Lebenszyklus betrachtet nachhaltiger als viele Niedrigenergiehäuser, wie die Berechnungen der TU München ergeben.

Auch feine Unterschiede in den Fassaden ergeben sich aus der konstruktiven Einschränkung auf jeweils ein Material, die sich der Architekt im Hinblick auf das Forschungsprojekt selber auferlegte. Während man in die massive Holzplatte ohne weiteres gerade Fensteröffnungen einschneiden kann, benutzt man beim Bauen mit Beton und Ziegel normalerweise einen Sturz mit Stahleinlagen. Die Bogenform erlaubt es, darauf zu verzichten, der Radius ergibt sich durch die Anforderungen des jeweiligen Materials. Einfach war das nicht bei den Handwerkern durchzusetzen, erzählte Nagler, das handwerkliche Know-how dafür ist kaum mehr vorhanden. Das Einfache kann auch kompliziert sein. Über 2500 Raumvarianten wurden an der TU München im Hinblick auf Material, Raumhöhe, Raumgröße, Speichermasse und Fenstergröße durchgespielt. In diesen Simulationen zeigte sich, dass Raumkonfigurationen, wie aus den Gründerzeitbauten bekannt, optimal sind.

Das heißt: gut proportionierte Räume mit einer Raumhöhe von mehr als drei Metern. Diese Raumhöhe sei enorm wichtig für die Aufenthaltsqualität, die thermische Qualität und die Speichermasse, betonten Auer und Nagler bei einem gemeinsamen Vortrag an der TU Wien im November. “Über die Jahre hat das wirtschaftliche Diktat dazu geführt, dass die Räume niedriger geworden sind und damit die räumliche Qualität und der Komfort gelitten haben. Man hat lange versucht, diese Defizite über technische Systeme auszugleichen”, sagt Auer. Nun sei es an der Zeit, die Bauherren wieder vom Mehrwert hoher Räume zu überzeugen. Das Erscheinungsbild der Häuser ist eher simpel, fast archaisch. So kann Architektur ausschauen, die zu einer Einfachheit zurückgefunden hat und langlebiger und nachweislich nachhaltiger ist.

Text: Martin Miersch

Die drei Forschungshäuser von Florian Nagler in Bad Aibling. Foto: Sebastian Schels
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