Become a member
← Alle Artikel
Architecture
23. Juni 2020

Eine neue Nutzung für Hitlers Geburtshaus

Krisenzeiten bringen Proteste mit sich. Der öffentliche Raum selbst steht zur Disposition und die Zeit scheint gekommen, ungeliebte Denkmale zu beseitigen. In den USA sind es Statuen aus der Zeit des Bürgerkriegs, die dem Andenken an die Opfer der Sklaverei keinen Raum bieten. Eine Unterscheidung zwischen Denkmalen und Mahnmalen ist dabei wesentlich. Zu Mahnmalen, die Betroffenheit erzeugen, gehört das Geburtshaus von Adolf Hitler. Ein Architekturwettbewerb soll nun einer Neugestaltung den Weg weisen

Eine Krise kommt selten allein, und der öffentliche Raum ist der Bereich, in dem diese Krise in besonderer Weise ihren Ausdruck findet. Hier finden Proteste unterschiedlichster Art statt, die sich nicht nur gegen die Politik richten, sondern auch deren Symbole – in Abhängigkeit davon, aus welcher Richtung der Protest artikuliert wird. Insbesondere in den USA sind es Symbole der Sklaverei, die lange schon Diskussionsgegenstand sind. In dieser Zeit der Trifecta – der sich überlappenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Krise, und in Verbindung mit der Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten, sind es die Statuen von Südstaatengenerälen, die seinerzeit für den Erhalt der Sklaverei kämpften und die nun von ihren Sockeln gerissen werden.

Der öffentliche Raum selbst wird dabei erkennbar zum Gegenstand des Streits und der Veränderung. Nach dem Disput ist daher eben nicht gleich vor dem Disput. Regeln und Konventionen werden bestritten, was auch zu physisch-räumlichen Konsequenzen führt. Hier lässt sich auch eine Rechenschaftspflicht verorten, auf deren Grundlage politische Entscheidungen nach Erhalt oder Abriss gestellt werden, die Objekte mit symbolischem Charakter im öffentlichen Raum betreffen. Ein solches Objekt ist das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn, bislang mit einem Gedenkstein versehen, der auf die Geschichte des Ortes hinweist und der ursprünglich aus dem KZ Mauthausen stammend im Jahr 1989 vor das Haus gestellt wurde.

Aus dem Geburtshaus, das seit 2017 Eigentum des österreichischen Innenministeriums ist, soll nun eine Polizeistation werden. Ein Grund hierfür war, dass der Ort nicht mehr Pilgerstätte von Rechtsextremen sein sollte. Zur Umnutzung und Umgestaltung wurde ein Architektenwettbewerb abgehalten, mit 15 geladenen Büros und 12 Einreichungen. Aus dem Verfahren ging das Vorarlberger Büro Marte.Marte als Sieger hervor. Die gestalterische Absicht des Siegerentwurfs besteht dabei darin, das aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude von verschiedenen baulichen Überformungen, darunter solchen aus der NS-Zeit, zu befreien. Es gibt Kritik, aber diese ist weniger an den prämierten Entwurf gerichtet: Wojciech Czaja stört, dass die Wettbewerbsergebnisse nur unbefriedigend kurz der Öffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt wurden. Gerhard Matzig verweist darauf, dass Hitlers Wohnhaus in München ebenfalls polizeilich genutzt wird, was ebenso unbefriedigend sei wie die geplante Neunutzung in Braunau.

Erstaunlich ist der Entwurf von Kabe Architekten (Wien) und Springer Architekten (Berlin), der mit einer starken gestalterischen Aussage dem Haus seine Eigenschaft als Gebäude nimmt, die Fenster mit Beton verfüllt und somit einen hausgrossen Behälter für Erdreich schafft, auf dem Bäume emporwachsen. Vom Reiz des Projekts kann man sich schwer entziehen. Es erhielt auch einen Sonderpreis im Wettbewerb. Gleichzeitig wundert man sich: Stellt das Projekt den Vorhall einer Ruine dar? Wird eine Natur glorifiziert, die das Menschenwerk irgendwann überwuchert und umrankt? Ruinenidyll und Naturromantik sind nämlich paradoxerweise Facetten genau jener Geisteshaltung, die der Entwurf in seiner Ausdrucksstärke zu überwinden sucht.

Wie man es dreht und wendet, man ist hier mit einem Dilemma konfrontiert. Bis vor kurzem diente das Gebäude einer karitativen Nutzung. Das Erinnern an die historische Bedeutung wurde in der Gestalt eines Gedenksteins vor dem Gebäude vergegenständlicht. Der Stein soll im Zuge der geplanten Neunutzung jedoch weg. Der Blick richtet sich dabei auf die politisch Verantwortlichen. Den Gedenkstein, der erst darauf hinweist, wer hier geboren wurde, aus dem öffentlichen Raum wegzuretuschieren, kommt nicht nur einer historischen “Neutralisierung” gleich, der Vorgang wird auch ganz ausdrücklich seitens des österreichischen Innenministers Nehammer so verstanden. Der Vorwurf steht im Raum, dass die politisch Verantwortlichen eine Ausblendung der Geschichte zum Ziel haben.

Damit ergibt sich ein ganzes Rutenbündel an Problemen. Ist ein Objekt, das an ein historisches Ereignis erinnert, nicht mehr im öffentlichen Raum präsent, ist es nur zu leicht zu behaupten, es habe hier nichts stattgefunden, was einen Disput rechtfertigen würde. Dabei ist die Berücksichtigung des Kontextes, wie schon in der Architektenpraxis allgemein üblich, unabdingbar. Denn es ist etwas anderes, wenn ein Mahnmal mahnt oder ein Denkmal erinnert oder gar verherrlicht. Letztere wurden, im Falle der Sklavenhalter, von Südsstaaten-Freunden überhaupt erst aufgestellt. Nur, falls jemand meinen sollte, dass der Abriss von Standbildern, die Kämpfer für die Sklaverei darstellen dasselbe sei wie die Entfernung des mahnenden Gedenksteins vor dem Hitlerhaus.

Text: Mark Kammerbauer

Titelbild: Ein Architekturwettbewerb zu Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau soll nun einer Neugestaltung den Weg weisen. Foto: AFP