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Arts & Culture
19. November 2019

Ein Neuland ist ihm nicht genug

Auch mit 75 Jahren denkt Rem Koolhaas nicht ans Aufhören: Mit seinem Büro „Office for Metropolitan Architecture“ (OMA) mit Sitz in Rotterdam hat er Bürokomplexe, Museen, Opernhäuser, Freizeitparks, aber auch Wolkenkratzer und Gefängnisse gebaut. 2015 kuratierte er die Architekturbiennale in Venedig

Spiegelnde Oberflächen von ausgeputzten Bürotürmen sind seine Sache nicht. Rem Koolhaas, der seine Kindheit in Jakarta verbracht hat, liebt unerwartete Herausforderungen, auch wenn das bedeutet, dass er sich auf architektonische Widersprüche einstellen muss. In Essen verwandelte er etwa eine Kohlenwäsche in ein Museum. Die Spannung, die dadurch entstand, war für ihn interessanter als eine Haltung, die der Nostalgie erliegt.

Kaum ein Architekt war in den letzten Jahren so präsent wie der kosmopolitische und sportlich durchtrainierte Pritzker-Preisträger, Harvard-Professor und Theoretiker. Koolhaas gilt als einer der großen Vordenker von Metropolen. Von ihm stammt die Sentenz: „Die Stadt ist alles, was wir haben.“ Möge sie in Europa, Amerika oder Asien auf ein neues Konzept warten, um die Millionen hinzugezogener Bewohner zu bewältigen.

Mit seinem Büro „Office for Metropolitan Architecture“ (OMA) mit Sitz in Rotterdam hat er Bürokomplexe, Museen, Opernhäuser, Freizeitparks, aber auch Wolkenkratzer und Gefängnisse gebaut. Und an ein Ende ist nicht zu denken. Am vergangenen Wochenende ist Koolhaas 75 Jahre alt geworden. Auf der OMA-Website wimmelt es trotzdem von Projekten in Hong Kong, Bali, Wien, New York oder Kuwait.

Dabei hat er gar nicht als Architekt angefangen. Er schrieb Drehbücher und journalistische Texte, schob dann erst ein Architekturstudium nach, nur um im Anschluss mit einem Buch auf sich aufmerksam zu machen. „Delirious New York“ entführte 1978 in eine Stadt, die trotz der schachbrettartigen Straßenführung das Aufkommen unterschiedlichster Architekturen zuließ. Aus dieser Beobachtung leitete Koolhaas seine „Generic City“ ab. Eine ungeplant wachsende Metropole, die erst durch kontrollierte Eingriffe Flächen für die Öffentlichkeit generiert.

Seit Ende der 1990er-Jahre ist Koolhaas stets auf dem Sprung und hat immer noch Zeit, ein dickes Buch über die japanischen Metabolisten zu schreiben oder in eine neue Rolle zu schlüpfen, wie 2015, als er die Architekturbiennale in Venedig kuratierte, kritisch gegenüber der eigenen Disziplin und mit Lust daran, in unbetretene Denkgefilde vorzustoßen.

Dabei scheut er es mitunter nicht, das Umfeld, etwa gewachsene Strukturen, zu ignorieren. Oder auch für zweifelte Regime zu arbeiten und dabei reichlich Kritik auf sich zu ziehen, wie im Fall von Peking, wo er die Zentrale des chinesischen Fernsehens, den sogenannten CCTV Tower, als repräsentativen Triumphbogen im Riesenformat konzipierte. „Mir geht es nicht allein darum, die gegenwärtigen Bedingungen zu verstehen. Ich möchte den Architektenberuf neu erfinden, ihm einen neuen Begriffsapparat zur Verfügung stellen, ein neues Vokabular, um die Verhältnisse besser verstehen zu können“, so Rem Koolhaas über seine Vorstöße ins Neuland. Hauptsache nichts bleibt beim Alten. Wie bei der Zentralbibliothek von Seattle, die er um ein zwölfgeschossiges Glasprisma erweiterte. Samt einem unorthodoxen Nutzungskonzept: Obdachlose, die den ganzen Tag in den Sesseln dösen, sind willkommen.

Text: Alexandra Wach

Rem Koolhaas bei der Präsentation seines Entwurf für das Rathaus von Den Haag (1986). Foto: © DR/www.epfl.ch
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