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Architecture
11. Dezember 2020

Ein Leuchtturm für Kunst und Kultur

Am 1. Dezember diskutierten wir in unserem NXT A Digital Talk #6 mit Benedict Esche (Kollektiv A), Prof. Lydia Haack (Vorsitzende BDA Bayern), Lars Mentrup (Stadtrat München), Prof. Dr. Andres Lepik (Direktor Architektur Museum der TU München) und Amandus Samsøe Sattler (Allmann Sattler Wappner und DGNB Präsident), warum München mehr Platz für Künstler*innen braucht und inwiefern ein Atelier-Hochhaus eine Bereicherung für die lokale aber auch internationale Kulturszene darstellt

Gleich zu Beginn des Talks gibt Lars Mentrup, Treiber der Initiative, Einblicke in die Geschichte der Idee und teilt mit uns seine Vision. Er freue sich, mit prominenten Gästen über ein unübliches und einmaliges Hochhaus für die Kunst sprechen zu dürfen. Seine Vision ist die Nachverdichtung der Domagk-Ateliers mit einem sechzig Meter hohen Turm am Nordende des U-förmigen Komplexes: „Wir möchten etwas für die Künstler und Künstlerinnen unserer Stadt machen. Die Idee ist schon älter als Corona, aber ein bisschen Mut und Hoffnung zu geben, dass die Kunst nicht vergessen wird, dass Kunst produziert werden muss und dass man Kreative aus München wertschätzt, das ist hier die tolle Möglichkeit neben der städtebaulichen Idee und der Strahlkraft, die es über München hinaus hätte. Im besten Fall zieht es Kreative weltweit in die Domagk-Ateliers und auch Besucher und Besucherinnen würden nach München kommen, um diesen Ort zu sehen.“

Das Hochhaus soll dann Platz für 100 weitere Ateliers, Musikproberäume, vielleicht ein Theater und Werkstätten bieten. Städtebaulich ist der Münchner Norden bereits geprägt durch die Highlight-Towers und das Osram-Hochhaus am Beginn der Autobahn A9 in der Parkstadt Schwabing. Ortner & Ortner hatten 2002 schon einmal einen Entwurf vorgestellt mit einem neuen, allerdings querliegenden Bau, der den Künstlerhof schließt. Und dieser Querriegel soll nun einfach vertikal aufgestellt werden – auf die Idee des Atelier- Turms kam Lars Mentrup während der 25. Tage der offenen Tür mit befreundeten Städteplanern, die 2001 am städtebaulichen Wettbewerb teilgenommen hatten.

„Seit über 100 Jahren leistet die Stadt München das erste Mal wieder ein Gebäude für Ateliers, das sie selbst herrichtet und mit Kreativen besetzt.“, erklärt Mentrup, „Ich bin relativ stolz darauf, weil ich an dem gesamten Prozess immer mitgewirkt habe und dafür kämpfte, dass das das so kommt. Also eigentlich ein kleines Lebenswerk.“

Mit im Boot ist Benedict Esche, Mitbegründers des Büros Kollektiv A. Der junge Architekt, der Münchner Szene längst bekannt durch den Kulturstrand an der Corneliusbrücke oder durch den Umbau des Cafés in der Stabi, ist unter anderem auf Kulturbauten spezialisiert und stellt uns im Talk seine ersten Skizzen und Visualisierungen zum Atelier-Turm vor. „Wir als Kollektiv arbeiten so, dass wir den Nutzern des zukünftigen Hauses, Gebäudes oder Objekts einfach erst einmal zuhören. Wir haben einen Workshop gestaltet und sind dann stetig in engerer Absprache mit den Künstlern und Künstlerinnen. Wir fangen an zu fragen, wo die Wünsche und Gedanken liegen und wie man diese umsetzen kann.“, erklärt der Architekt.

Für das Hochhaus sind sowohl kleine Ateliers für junge Künstler*innen, die sich gerade in ihren Anfängen befinden, als auch größere Ateliers für diejenigen, die sich in der Mitte ihres Schaffens oder bereits darüber hinaus befinden, geplant. Bis zu 17 Geschosse zählt sein Entwurf für den geplanten Turm, der quasi einen optischen Dreiklang mit den Hochhäusern in der Umgebung bildet. Die Ateliers sind flexibel erweiterbar. Bei einer Auslastung von zehn Stockwerken als Ateliers, öffentliche Räume und Werkstätten, Rooftopbar und mit einer eigenen Galerie als Ausstellungsraum können hundert Atelierräume zur Verfügung gestellt werden.

Durch die einfache Struktur (Stahlbetonkonstruktion) sind die Flächen flexibel erweiterbar – und aufteilbar. Denkbar ist es auch, fünf Stockwerke als Studios auszubilden, die als gewerbliche Einheiten mit 1.440 Quadratmeter Fläche vermietet werden können. Nachhaltig ist das Projekt zudem, denn verwendet werden soll Recylclingbeton. „Es ist ein Beton, der tatsächlich aus München stammt und zwar aus Abrissobjekten“, meint Esche. „Die schöne Idee ist, dass er aus Teilen der ehemaligen Bayern-Kaserne kommt, und daraus soll nun Neues entstehen. Das Material ist tatsächlich ökologischer als ein Holzbau.“

Gemeinsam mit Lars Mentrup wünscht er sich, „den Kreativen ein wenig das zu geben, was die Gesellschaft ihnen vorenthält, was sie allerdings verdienen.“ Mit einem Leuchtturm für die Kunst und Kultur erhofft er sich eine Chance: „Ein solches Projekt würde eben nicht nur die aller erste Adresse in München sein, die man nach der Allianz Arena von der A9 aus als leuchtende Adresse für die Kunst und Kultur in München sieht, sondern auch eine Strahlkraft, die den Künstler*innen zeigt, dass sie es wert sind, in München zu bleiben.“

In der anschließenden Diskussionsrunde teilen Prof. Lydia Haack, Architektin und Stadtplanerin und seit 2016 Landesvorsitzende des BDA Bayern, Prof. Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne und gleichzeitig Inhaber des Lehrstuhls für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis an der TU München sowie Amandus Samsøe Sattler, Architekt und Founding-Partner des 1987 gegründeten Architekturbüros Allmann Sattler Wappner und seit September 2020 neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, ihre Meinungen zu dem Projekt und gehen ebenfalls auf Publikumsfragen und -bemerkungen ein. Dabei spielt besonders die Nachhaltigkeit des Projekts eine wichtige Rolle.

Auf die wichtigste Frage des Abends, was die Speaker darüber denken, wie sie sich gegenseitig bei diesem Projekt unterstützen können, was sie für Wünsche haben und wie das Projekt gemeinsam vorangetrieben werden kann, antwortete Benedict Esche: „Wir haben heute euch: Lydia, Amandus und Andreas als Experten da. Wir haben eine wahnsinnige Expertise, eine unglaubliche Kraft in der Planung und in der Bereitstellung von Informationen, Kontakten und Handwerkerfirmen, die ein solches Projekt leicht werden lassen können. Und wenn das Projekt dann gleichzeitig von euch inhaltlich unterstützt und mitgestaltet wird, dann kann da nichts mehr schief gehen. Darauf freue ich mich und das ist gleichzeitig auch mein Wunsch. Denn das ist das, was wir beim BDA brauchen – wir brauchen Mentoren, die gemeinsam mit jungen Architekten etwas auf die Beine stellen, gemeinsam Perspektiven schaffen und eine neue, positive Stadt gestalten.“

Prof. Lydia Haack dazu: „Ich habe ja in der Diskussion schon einige Punkte eingeworfen, die es wirklich lohnt, gesellschaftlich zu verhandeln. Ein Thema ist natürlich die Frage nach der Grund- und Bodenthematik, die man wirklich intensiv diskutieren muss. Das zweite Thema ist die Nutzung, wer kann sich die Stadt überhaupt noch leisten und wen wollen wir im Stadtgefüge wohnen haben? Die Vielfalt spielt hier eine große Rolle und da sind natürlich die Künster*innen sind ein wesentlicher und prägender Teil. Die dritte Debatte, die wir als BDA auch aktiv betreiben, ist die Nachwuchsförderung. Die ganzen Problempakete, die auf die Jugend auftreffen, betreffen in verschärfter Weise viele Aspekte: In Arbeit zu bleiben, nachhaltig zu gestalten und gerade in der Corona-Krise beruflich zu überleben.“

Lars Mentrup mit dem Schlusswort: „Ich bin gerade platt, welche Dynamik das entwickelt hat. Man muss noch einmal festhalten, dass Benedict und ich ganz am Anfang sind. Es ist ein Projekt im Prozess und ich kann Amandus nur bitten, sich einzubringen und zu sagen, welche Materialität oder welche Materialien hier vielleicht dazu kommen wollen. Nachhaltig soll es sein. Ich glaube aber, dass wir in der Stadt in die Höhe gehen können und müssen, um Flächenversiegelung zu vermeiden und Grundflächen zu erhalten. Ich bin total geflasht davon, dass sich so viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich für diese Thematik interessieren. Nehmt das Projekt mit, schaut, ob ihr Leute kennt und sprecht darüber. Natürlich sind noch verschiedene Fragen offen, wie kann man das ganze finanzieren und wie kann man es bauen. Jetzt sollte eine Dynamik entstehen, dass die Gesellschaft in München als Stadtgesellschaft sagt Ja, wir wollen ein Statement für die Kunst und das ist der richtige Ort und die richtige Zeit dafür. Die Initiative wird von Kreativen getragen und letztlich eigentlich gestellt. Was Besseres kann man sich an dieser Stelle gar nicht wünschen. Helft einfach alle mit.“

An vergangenen Donnerstag wurde das Thema in der Kulturausschusssitzung im Münchner Stadtrat besprochen. Lars Mentrup dazu in unserem Talk: „Wir haben jetzt gute Arbeit geleistet, die KünstlerInnen mit ihren Möglichkeiten und ich als neuer Stadtrat. Wir sind da ganz zuversichtlich, dass der Stadtrat die Planung zum Kunstturm Domagk tatsächlich prüfen lässt und guckt, ob es nicht doch möglich ist, weil es aus dem aktuell gesatzten Bebauungsplan herausfallen würde und dem Ganzen eine Chance geben möchte.“ Er sollte Recht behalten, denn in der Sitzung wurde beschlossen, dass eine Machbarkeitsstudie nun klären soll, was an der Stelle, wo der geplante Atelierturm entstehen soll, möglich ist, auch unter einer Änderung des Bebauungsplans.

Ihr habt den Digital Talk #6 verpasst? In unserer NXT A Mediathek könnt ihr euch die Aufzeichnung ansehen.

Text: Valentina Grossmann

Für das Hochhaus sind sowohl kleine Ateliers für junge Künstler*innen, die sich gerade in ihren Anfängen befinden, als auch größere Ateliers für diejenigen, die sich in der Mitte ihres Schaffens oder bereits darüber hinaus befinden, geplant. Foto: Kollektiv A
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