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Architecture
19. November 2020

Ein Bienenstock als Wohnmodell

Architekt Gianluca Santosuosso hat für sein Projekt einen Bienenstock als Wohnmodell herangezogen. Das „HIVE Project“ soll Lebensqualität für alle Generationen bieten und Mensch und Umwelt gleichermaßen dienen

Bienen sind effizient und nutzen in ihrem Bienenstock den zur Verfügung stehenden Raum bestmöglich aus. Sie erzeugen eine leichte, aber robuste Wabe aus einer minimalen Menge Wachs und lagern die maximale Honigmenge in einem bestimmten Raum. Das Sechseck als Grundform ist für ihre Zwecke optimal. Die hexagonale Form der Wände ergibt ein optimales Verhältnis von Wandmaterial zu Volumen und bietet hohe Stabilität. Es ist im Grunde wie eine Aneinanderreihung der Kreisform mit dessen Vorteilen, ohne jedoch ungenutzte Zwischenräume zu hinterlassen.

Tatsächlich lässt sich mathematisch belegen, dass regelmäßige Sechsecke der beste Weg sind, einen Raum mit geringst möglicher struktureller Unterstützung in gleiche Teile zu teilen. Wäre es nicht verlockend, wenn in Zukunft auch die Menschen in derartigen Waben wohnen und im Einklang mit Natur und Umwelt zusammenleben könnten?

Architekt Gianluca Santosuosso hat in seinem „HIVE Project“ einen Bienenstock als Wohnmodell herangezogen. Im Zentrum des Projekts stehen sozialer Zusammenhalt und Regeneration der Natur. In langsamen Evolutionszyklen entsteht seit jeher Schönes, das durch Anpassung das Überleben sichert. Grund genug für den italienischen Architekten, Lösungen zu suchen, die die Effizienz der Natur mit der menschlichen Innovationskraft verbinden.

Text: Martin Giersch

Schon seine autarke, schwimmende Wohnanlage „HYPERcay“ verfolgte dieses Ziel. Jetzt präsentiert der Visionär die nächste spannende Idee: Das „HIVE Project“ kombiniert die Eigenschaften der Wabe mit der Form des archetypischen Hauses. Das Konzept dieses Wohnmodells orientiert sich nicht allein an den Bedürfnissen menschlicher Bewohner. Es bezieht Tiere, Pflanzen, Wind und Regen mit ein. Das Wohnmodell „HIVE Project“ soll Lebensqualität für alle Generationen bieten und Mensch und Umwelt gleichermaßen dienen.

Wie für einen Bienenstock, sei Vielfalt auch fürs Wachsen und Gedeihen der Gesellschaft essenziell, betont der italienische Designer: „Vielfalt und Inklusion sind die Schlüsselaspekte, die wir mit dem HIVE Project fördern wollen.“ Das sechseckige Modul bietet laut Plan ein hohes Maß an Flexibilität. Dadurch soll jeder, der im Wohnmodell residiert, sein Zuhause individuell gestalten können. Sowohl was das Interieur betrifft, als auch in Sachen Zugänglichkeit und Außenausstattung. Die „HIVE-Fenster“ können durch verschiedene Materialien und Farben nach Belieben gestaltet werden.

Für Natur-Fans ist die Möglichkeit vorgesehen, vor ihrem Haus einen eigenen kleinen Wald einzurichten. Steht der Sinn nach Sonne und Wasser, bietet ein privates Schwimmbad freien Blick auf die Landschaft. Und wer Bienen oder Vögel liebt, kann einen privaten Bienenstock oder ein Rettungsnest vor seiner Tür anbringen. „Bienen sind soziale Insekten. Sie leben in gut organisierten Gemeinschaften“, analysiert Santosuosso. „Es ist wichtig, dass sich Einwohner jeden Alters wohl, sicher und als nützlicher Teil der Gemeinschaft fühlen“. In höheren Stockwerken locken Gärten und Spielplätze, die privat oder gemeinsam genützt werden können. Geräumige private Terrassen bieten Gelegenheit für Plauderei mit den Nachbarn.

Der Mix aus privaten und gemeinsamen Räumen sorgt für Privatsphäre, ohne jedoch die Kontaktaufnahme zu behindern. Auch an Lärmschutz ist gedacht, denn die Module sind gut isoliert. Was Santosuosso mit dem Vorschlag zum „Home of 2030“-Design Wettbewerb anstrebt, ist allerdings mehr als ein konkretes Design. Vielmehr verfolgt er ein Konzept, mit dem sich die Herausforderungen der näheren Zukunft besser bewältigen lassen. Um dies zu erreichen, hat sich der Architekt mit engagierten Kollegen und Spezialisten zusammengetan.

Für Energie- und Lebensmittelversorgung sind eigene Anlagen vorgesehen, außerdem E-Fahrzeuge für umweltfreundliche Vernetzung. Das Projekt setzt aufs Prinzip der Kreislaufwirtschaft. Das gesamte Areal wird in Zonen unterteilt: Eine, in der sich die Natur erholen kann. Und eine, die das „Entwicklungsgebiet“ definiert. Während der Vorbereitungen wird auf Letzterer Industriehanf angebaut. Die Ernte dient später als Baumaterial. Die Holzrahmen des Modul-Systems werden mittels Roboter- und IoT-Technologien vorgefertigt. Dies spart Zeit und Arbeitsaufwand beim Bau vor Ort. Industriehanf und natürliche Bindemittel ersetzen herkömmliche Dämmung. Denn diese umweltfreundliche Variante biete beste Feuchtigkeitskontrolle, Dampfdurchlässigkeit und Schalldämmung. Und während die Natur in der „Erholungszone“ floriert, können die Gebäude errichtet werden.

Das flexible Wohnmodell kann jederzeit erweitert werden. Werden Teile nicht mehr gebraucht, ist die Entsorgung kein Problem. Schließlich sind die natürlichen Materialien biologisch abbaubar. Sie werden einfach wieder zu Nahrung für Natur und Pflanzen. Die restlichen Teile können recycelt und wiederverwendet werden. „Dieses System wächst auf ökologische Art. So, dass Mensch und Natur endlich wieder im Gleichgewicht sind“, ist Santosuosso überzeugt. Solaranlagen und vor Ort gewonnene, erneuerbare Energie sollen die Siedlung mit Strom versorgen. Heiz-, Kühl- und Warmwassersysteme basieren auf geothermischen Pfählen mit geschlossenem Kreislauf und Wärmepumpen. Außerdem berücksichtigt das Wohnmodell bei der Ausrichtung der Gebäude den Sonnenstand. Vorab erstellte Studien sollen sommerliche Überhitzung und hohen Heizaufwand im Winter vermeiden. Qualitätssensoren, mechanische Lüftungssysteme und natürliche Belüftung sind ebenfalls Teil des Konzepts. Ein computergestütztes Steuerungssystem soll den Verbrauch auf „smarte“ Art steuern.

Architekt Gianluca Santosuosso zog in seinem „HIVE Project“ einen Bienenstock als Wohnmodell heran. Fotos: Gianluca Santosuosso / „The HIVE Project“
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