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Urban Landscape
27. Juli 2020

Die Smart City in Toronto ist Geschichte

Sidewalk Labs hat in Toronto das digitale Projekt Quayside abgebrochen. Der Google-Schwester schwebte eigentlich ein hochmoderner Hightech-Stadtteil vor. Da sich aber der Immobilienmarkt in der kanadischen Metropole nicht zuletzt wegen der Corona-Krise ungünstig entwickelt habe, sei das ambitionierte Quartier finanziell untragbar geworden

Zu einem Verzicht auf wesentliche Elemente des ursprünglichen Entwurfs, um mehr Planungssicherheit zu gewährleisten, sei man nicht bereit gewesen. Dabei hat die Städtebau-Abteilung des Google-Mutterkonzerns Alphabet die Ausschreibung der Stadt Toronto für die Entwicklung eines innovativen und nachhaltigen Zukunftskonzepts gerade mal vor zweieinhalb Jahren gewonnen. Nicht ohne Grund: Alphabet erforscht selbstfahrende Autos, Alzheimer-Medikamente oder die Realisierbarkeit von Unsterblichkeit. Und auch, wie Technologie wachsende Städte angenehmer gestalten könnte.

In Planung war eine vernetzte Stadt auf einem 49.000 Quadratmeter großen Industrieareal am Lake Ontario. Ziel war es, mit neuer Technik, neuen Materialien und Bauweisen eine klimafreundliche Stadtentwicklung in der Praxis zu testen.

Weil Häuser, Geräte und Roboterautos miteinander „smart“ kommunizieren würden, sollte es keine Unfälle mehr geben. Auch Überfälle wären ein Auslaufmodell geworden, weil jeder Bewohner getrackt werden könnte. Beheizbare Bürgersteige, Ampeln, die sich dem Verkehr anpassen und Gebäude aus Holzmodulen, die weniger Bauschutt produzieren, waren offenbar ebenfalls mehr als willkommen.

1,3 Milliarden Dollar stellte Alphabet in Aussicht. Sie sollten bevorzugt Start-ups zu Gute kommen, die Ideen für intelligenten Holzbau entwickeln. Interessiert war man auch an einer unterirdischen Müllentsorgung oder Krankenversicherungen, die für ihre Tarife auf die Daten der Nutzer zurückgreifen. Um weniger Ressourcen zu verbrauchen, sollte ein „datengetriebenes Management“ getestet werden. Das gefiel nicht jedem. Vor allem linke Datenschützer fragten nach dem Besitzer der so generierten Daten. Sollten sie Alphabet gehören oder den Bürgern? Sollten sie zur Terrorabwehr und Pandemieeindämmung eingesetzt werden dürfen?

Hinzu kamen die Sorgen, wie Quayside mit der alten Stadt harmonieren sollte, etwa wenn konventionelle Fortbewegungsmittel, die auch schon mal gegen Regeln verstoßen, auf selbstfahrende Autos treffen würden, die über eingebaute Tempolimits verfügen? Sollte ein privater Konzern allein für die Lösung solcher Systemkollisionen verantwortlich zeichnen? Müssten die Bürger nicht an den Entscheidungsprozessen, die ihnen ein angeblich entspannteres Zusammenleben, Wohnen und Arbeiten ermöglichen, beteiligt werden?

Dass Sidewalk Labs den Ausstieg aus der Smart City mit den ökonomischen Effekten der Pandemie begründet, trifft wohl nicht den ganzen Kern der vorhandenen Vorbehalte gegen eine Stadtplanung, die einem gewinnorientierten Unternehmen überlassen wird. Das involvierte städtische Entwicklungsunternehmen Waterfront Toronto hat jüngst mitgeteilt, es vertraue weiterhin der Wirtschaftskraft der Stadt und halte an den guten Ideen des Masterplans fest.

Text: Alexandra Wach

Massivholzbauten am Wasser waren Teil des Konzepts in Toronto. Foto: Sidewalk Labs