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Arts & Culture
26. Januar 2020

Die offene Stadt als Begegnungsort

In „Building and Dwelling: Ethics for the City“ zieht Richard Sennett Resümee aus 40 Jahren geistiger und praktischer Arbeit als Kultursoziologe. Er argumentiert für eine „offene Stadt“, die Begegnung mit dem Anderen zulässt und Veränderung ermöglicht

„Cities should open up opportunities, connect people to new people, free us from the narrow confines of tradition“, schreibt der US-amerikanisch- britische Kultursoziologe Richard Sennett in seinem 2018 erschienenen Buch „Die offene Stadt“. Der kritische Beobachter von Industriegesellschaften plädiert hier leidenschaftlich für eine Form von Urbanität, die Vernetzung und Begegnung mit dem ‚Anderen‘ zulässt. Nur wenn sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, Ethnien und Religionen miteinander in Kontakt treten, verlieren sie die Angst und Distanz einander gegenüber und eine friedliche Koexistenz wird möglich.

Seit vier Jahrzehnten untersucht Richard Sennett zusammen mit seinem Team an der London School of Economics städtisches Leben in Megacitys wie Shanghai, Mexico City, London und Sao Paolo. Im Zentrum der Arbeit steht dabei die Beziehung zwischen urbaner Planung und städtischem Leben, wie es konkret im Alltag stattfindet. Dabei verwendet Sennett die Begriffe der ville für die gebaute Stadt und cité für die von den Menschen belebte Stadt. An drei einschneidenden städtebaulichen Maßnahmen des 19. Jahrhunderts zeigt er, wie die quirlige cité durch am Reißbrett geplante ville beschnitten wurde. In Frankreich ließ Baron Haussmann einen Teil des mittelalterlichen Paris abreißen und riesige Schneisen durch die Stadt schlagen. Die eleganten breiten Boulevards waren zwar die Voraussetzung für die Entwicklung von Mobilität, aber sie zerstörten auch die Nähe und Plastizität der Lebensorte der damaligen Pariser. In Barcelona ließ Ildefons Cerdà Wohnblocks im Rasterprinzip bauen, die Wohnen eintönig und konform machten. In New York wollten die Stadtplaner mit dem Central Park einen Begegnungsraum für die gesamte Bevölkerung schaffen, doch auch hier wurden bereits bestehende pulsierende Strukturen öffentlichen Lebens nicht miteinbezogen, sondern verdrängt.

In den Augen Sennetts sollten ville und cité also stark aufeinander bezogen werden. Und das gelingt nicht in der Manier eines städtebaulichen Alleinherrschers, wie des jungen Le Corbusiers oder Lúcio Costas, die in einer gewaltigen Kraftanstrengung als „einsame Experten“ für Paris und Brasilia geplant haben. Aber auch der konträre Ansatz der Chicago School oder Jane Jacobs, die Städte in erster Linie über Gespräche mit den Einwohnern zu entwickeln versuchten, funktioniert laut Sennett nicht. Es braucht die Kooperation von beiden, den Planer und den Bewohner. Nur wenn urbanist und urbanite eng zusammenarbeiten, entstehen durchlässige und lebendige Städte. So sollten an Schnittstellen zwischen Stadtvierteln, die von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen bewohnt werden, Öffentlichkeit generierende Begegnungsorte wie etwa eine Markthalle stehen. Dort können Menschen, die sich sonst kaum begegnen würden, zusammentreffen. Isolierende Strukturen werden aufgebrochen und das Andere verliert nach und nach seine Bedrohlichkeit. Damit ein friedliches Miteinander in einer komplexer werdenden Welt wieder möglich wird.

Text: Marie Annette Laufer

Richard Sennett, Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens (Building and dwelling: Ethics fort he City), Berlin 2018, 400 Seiten, 32 Euro

 

Nicht nur grüne, sondern auch soziale Städte soll es geben: Richard Sennett plädiert leidenschaftlich für eine Form von Urbanität, die Vernetzung und Begegnung mit dem ‚Anderen‘ zulässt
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