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Architecture
27. Januar 2020

Die Müllkippe kann warten

Um nicht auf seinen Abfällen sitzen zu bleiben, lässt der Bausektor Fensterrahmen oder Türklinken schreddern und im Straßenbau wiederverwenden. Es geht aber auch anders. Nils Nolting baut aus diesen alten Rohstoffen neue Häuser

Wenn unsere Kultur des Abreißens eine Fehlentwicklung ist und die Ressourcen endlich sind, wie lässt sich dieser konsumgetriebenen Strategie der Industriegesellschaft etwas entgegensetzen? „Wir müssen Metalle, Glas, Steine, Fliesen, Ziegel und Keramik nur in einen neuen Kreislauf bringen“, erklärt Nils Nolting, der Architekt des ersten Recyclinghauses in Hannover vom Büro Cityförster.

Mehr als 50 Prozent der verbauten Materialien wurden hierfür wiederverwendet. „Es war ein Abenteuer“, so Nolting. „Wir haben am Anfang nicht gewusst, wie viel wir tatsächlich aus alten Gebäuden nehmen können.“ Ein Experiment also, ein Unikat inklusive Lerneffekten, mit dem er einen Beitrag zum Nachhaltigkeitsdiskurs leisten wollte. 4.500 Kilogramm CO₂konnten so immerhin eingespart werden. Wertvolle Materialien lassen sich neben alten Häusern auch auf Wertstoffhöfen finden, Kabel, aussortierte Heizungen oder Aluminiumfenster. Ausrangiertes Kupfer kann eingeschmolzen werden, statt es erst abzubauen.

Gedacht war das 150 Quadratmeter große Haus für eine vierköpfige Familie. Ausgehend vom Massivholz für den leimfreien Rohbau, verwendete man alte Gehwegplatten als Estrich, Ziegelsplitt aus einer abgerissenen Scheune für einen Terrazzo, die zehn Jahre alten Fenster fand man in einem ehemaligen Jugendzentrum und das Holz für den Carport in einer Sauna. Auch die Türen und sogar die Trittschalldämmung zwischen den Etagen bestehen aus Recyclingmaterial. Das gilt auch für die Heizkörper, Treppenstufen und einige Sichtholzwände. In den Obergeschossen kommen die Leichtbauwände aus dem Messebau. Besonders kurios: Die Fassadendämmung setzt sich aus recycelten Jutesäcken zusammen, die der Schokoladenhersteller Rittersport für die Lieferung seiner Kakaobohnen nutzt.„Wir haben nicht nur viele Baustoffe recycelt, wir haben auch Bauteile neu überarbeitet und völlig anders wieder eingesetzt“, resümiert Nolting rückblickend.

Preiswerter war das Bauen mit Recyclingmaterial aber nicht gerade. Eine der Ursachen ist der viel größere Rechercheaufwand, der für die Beschaffung der Materialien nötig ist. „Wegwerfen und neu kaufen ist oft billiger als wiederwendenden“, bedauert Nolting. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Handarbeit teurer ist. Für die Innenwände etwa mussten die Ziegelsteine einzeln von altem Mörtel befreit werden, was natürlich viel Zeit kostete. Für die Fassade nutzte man Faserplatten, die erst in Einzelarbeit neu zugeschnitten und lackiert wurden.

Zu 100 Prozent konnte der Neubau aus Recyclingmaterial zwar nicht errichtet werden. Aber das Ergebnis lässt sich nach dreijähriger Vorbereitungszeit trotzdem sehen, vor allem auf der Energieseite. „Die Energie ist schon einmal in die Bauteile geflossen als sie ursprünglich hergestellt wurden“, so Nolting. „Und diese Energie sparen wir durch die Verwendung gebrauchter Bauteile ein.“ Die Energieeinsparverordnung EnEV schreibt vor, wie hoch der Energiebedarf ist, ohne aber die Energie beim Bau zu berücksichtigen, noch die gesamte Verbauung von Ressourcen. Das führt dazu, dass Gebäude mit Vorliebe mit Styropor, Steinwolle und Putz verpackt werden. Auf diese Weise wird alles verklebt, weswegen man später die einzelnen Schichten kaum noch trennen kann. Die Folge ist reichlich Sondermüll.

In Hannover ist deshalb alles so ökologisch eingebaut, dass es später ein weiteres Mal zum Einsatz kommen kann. „Beim Standardneubau gibt es einen Systemfehler“, meint der Architekt. „Es wird viel auf den späteren Energieverbrauch geachtet, aber kaum darauf, wie viel Energie und Rohstoffe beim Bau des Hauses verschwendet wird.“ Das wollte er bei dem Recyclinghaus anders machen, auch wenn er vor allem bei Dichtungen oder Wasserleitungen und konstruktiven Werkstoffen Kompromisse schließen musste, denn in Deutschland braucht fast alles eine Norm und für Gebrauchtmaterial existiert diese oft noch nicht. Dabei gilt für eine klimaneutrale Zukunft: Der gesamte Lebenszyklus von Gebäuden sollte ins Auge gefasst werden.

Text: Alexandra Wach

Nils Nolting ist Gründungspartner von Cityförster architecture + urbanism und geschäftsführender Partner des Büros in Hannover. Experimentelles Planen und Bauen, einfache Bauweisen und nachhaltige Systeme sowie Bauen im Bestand sind seine Schwerpunkte. Nils Nolting entwickelt Projekte mit einem ganzheitlichen und lösungsorientierten Anspruch – vom Konzept bis zur konstruktiven Umsetzung. Foto: www.cityfoerster.net
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