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Architecture
09. Oktober 2020

Die Ergebnisse des Realisierungswettbewerbs für das künftige Exilmuseum Berlin

Die Stiftung Exilmuseum Berlin beabsichtigt seit 2018 ein Museum zum Thema "Exil 1933–1945" zu errichten. Zur Realisierung des Neubaus unter Einbeziehung der Portalruine am Anhalter Bahnhof wurden zehn international renommierte Architekturbüros eingeladen. Noch bis zum 17. Oktober sind jetzt die Entwürfe in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße zu sehen. Die Eröffnung des neuen Museums ist für 2025 geplant

Nur die Backsteinruine des Eingangsportals erinnert noch daran, dass sich bis 1959 der Anhalter Bahnhof erhob, wo sich heute ein Parkplatz und ein Fußballplatz befinden. Franz Schwechtens monumentaler Hallenbau von 1880 war eine Kathedrale der Neuzeit. Sie wurde gesprengt. Bis 1933 galt der Bahnhof als Entree in ein liberales Berlin. Danach markierte er für Zehntausende den Beginn ihres Exils, ihrer Vertreibung, ihrer Deportation. Viele Emigranten, darunter Prominente wie Berthold Brecht, gingen durch das Portal ins Exil – oder in den Tod. Ab 1942 fuhren von hier Deportationszüge in die Konzentrationslager. Auf diesem sinnfälligen Ort soll bis 1925 das Exilmuseum Berlin entstehen. Im Foyer der Staatsbibliothek Unter den Linden sind bis zum 17. Oktober zehn der interessantesten Entwürfe zu sehen, die kontrastreicher kaum sein können.

Der Siegerentwurf, der dem 3.500 Quadratmeter Ödland neue urbane Wertigkeit verschaffen wird, stammt von dem Kopenhagener Büro Dorte Mandrup, das sich gegen große Namen und Stararchitekten durchgesetzt hat. Das Fantastischste jedoch sei, einen Ort zu schaffen, der das Verständnis von Exil reflektiert, begeistert sich die Architektin: „Das war noch nie so dringlich wie heute, da mehr als 65 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden “. „Die Jury war im Vorfeld fest davon überzeugt, dass die Architekten die Ruine in den Neubau integrieren würden“, bekennt Gründungsdirektor Christoph Stölzl. Doch Mandrup hat mit ihrem entgegengesetzten Ansatz einen Sinneswandel bewirkt. Sie schlägt ein etwa 50 Meter breites Gebäude aus ziegelsteinverkleidetem und gläsern durchbrochenem Beton vor, das sich konkav um die Portalruine schmiegt ­– und dabei respektvoll auf Distanz bleibt: „Das Geschehene hat eine Wunde hinterlassen, die sich nicht schließen lässt.“

Einem Schiff oder einer Brücke ähnlich, steht ­– oder schwebt – das Gebäude auf vier schlanken Füßen. Stölzl schwärmt von der vielfältigen Lesbarkeit des Baus: „Wahre Kunst ist die Selbstüberholung der Dinge, die zu einem Bild werden.“ Der Architektur-Wettbewerb brachte, wie die Ausstellung zeigt, eine Dichte an intelligenten, künstlerisch oft eigenwilligen Ideen hervor. Während sonst viele Projekte dieser Art von einer Handvoll der „üblichen Verdächtigen“ dominiert werden, war das Wettbewerbsfeld bei der Ausschreibung für das Exilmuseum vielfältiger und wirklich international besetzt: Architekten von Peking über New York, Tokio, Kopenhagen bis hin zum bengalischen Dhaka haben sich in das städtebaulich und denkmalschützerisch herausfordernde Areal hineingedacht und -gefühlt.

Während das zweitplatzierte New Yorker Büro Diller Scofido + Renfro in die Tiefe geht, in dem sie dem Gebäude Glaswände vorlagert und damit das „Dazwischen“ der Exilerfahrung thematisiert, bringt SANAA aus Tokio das bauliche Umfeld unter ein Dach: Die Kreuzberger Nachbarschaft wird somit in das Gebäude einbezogen.

Besonders spektakulär ist der Entwurf von Kashef Mahboob Chowdhury. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte sein Büro URBANA aus Dhaka keine aktualisierte Fassung einreichen. Dennoch würdigt die Jury die Ideen des bengalesischen Architekten, indem sie den Entwurf in die Ausstellung einschließt. Dieser erinnert an die Folgen des Klimawandels, die maßgeblich für die weltweite Migration verantwortlich sind. Dabei wecken die beiden weißen Gebäudeteile die Assoziation von Eisbergen. Mittendrin ein kleiner Hain, der an Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ angelehnt ist. Und damit eindrücklich symbolisiert, wie schicksalhaft wir verwoben sind: Europa und der globale Süden.

Text: Inge Pett

Der Siegerentwurf für das Exilmuseum Berlin stammt von dem Kopenhagener Büro Dorte Mandrup. Verfasserin: Dorte MandrupMitarbeiterInnen: Lars Almgren, Lise Gandrup Jørgensen, Senta Schrewe, Otto Lutz Lundberg, Amalie Rafn Mogensen, Jiakun He Berater, Fachplaner, Sachverständige: Dipl.-Ing. Martin Rein-Cano (Landschaftsarchitekt, Topotek 1); Sebastian Nagel (Architekt und Ingenieur, Höhler+Partner Architekten); Paul Roberts (Ingenier, Buro Happold Engineering). Foto: Artefakt
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