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Digitisation & Virtualization
27. Oktober 2020

Creative Infidelities

Oliver Klimpel entwickelte aus Anlass der Ausstellung Creative Infidelities von Topotek 1 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig eine immersive Installation, die bei verschiedenen realisierten Projekten der Landschaftsarchitekten ihren Ausgangspunkt nahm. Diese wurden in eine fließende Bilderfolge übersetzt und als textile Landschaftsformation im Raum präsentiert. Ein Interview

Barbara Steiner: Oliver, wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen dir und Topotek 1? Was war der Ausgangspunkt?

Oliver Klimpel: Ausgangspunkt der Zusammenarbeit war eigentlich der Umstand, dass sich bei Ausstellungen über Architektur und Landschaftsarchitektur meist eine gewisse Unbefriedigtheit einstellt. In der Regel werden die Projekte über Paneele, Vitrinen oder in den Raum gebrachte PDFs oder animiertes Bildmaterial präsentiert. Das hat mit der tatsächlichen Erfahrung einer Landschaft, eines Gartens und ihrer Nutzung nicht viel zu tun. Über oft großdimensionierte architektonische Projekte in einem im Verhältnis kleinen Ausstellungsraum überzeugend zu sprechen, ist nicht einfach und gelingt sehr selten. Topotek 1 wollten dieses Thema offensiver angehen und suchten nach jemandem, der ihre Arbeiten in einen anderen konzeptionellen und räumlichen Ausstellungskontext bringen und zwischen der Pragmatik des Designs und der Sensibilität der Kunst vermitteln konnte. In meiner Arbeit mit Ausstellungen und Ausstellungsdesign beschäftige ich mich oft mit solchen Fragen: Mit welchen ganz anderen Perspektiven, Beziehungen, Sequenzierungen und auch Materialien lässt sich in den Ausstellungen arbeiten? Welche überraschenden Einblicke kann man nur über das Medium der Ausstellung gewinnen. Welche Unmittelbarkeit und Intimität lassen sich in den speziellen architektonischen Gegebenheiten eines Ausstellungsraums (oder darüber hinaus) realisieren?

Barbara Steiner: Deine Praxis ist bewusst divers angelegt …

Oliver Klimpel: Außer Ausstellungen und räumlichen Projekten arbeite ich ja auch regelmäßig an Publikationen und Büchern. Und selbstverständlich gibt es auch in diesem Bereich ähnliche Fragen nach den Spezifika und wie man aus Einschränkungen (in diesem Falle des Buches) Stärken machen kann. Mich interessiert der überraschende Blick, der einen ein Thema neu betrachten oder auch infrage stellen lässt. Kürzlich habe ich für eine Installation eine „Reading Group“ mit ausgestopften Tierpräparaten arrangiert – man hat den Eindruck, dass die Tiere die von mir gestalteten Publikationen lesen. Man sieht Bücher eher selten in dem Moment, in dem sie gelesen werden … Und in diesem Fall gab es außerdem natürlich noch eine weitere erzählerische Ebene, die zudem gute Laune macht.

Barbara Steiner: Kannst du etwas zu deiner Entscheidung sagen, wie es zu den textilen Landschaften kam? Warum erschien dir das adäquat in der Auseinandersetzung mit Topotek 1 und Landschaftsarchitektur?

Oliver Klimpel: Im Fall der „Creative Infidelities“ schien es interessant, die Ausstellungsräume in Bordeaux und später in Leipzig selber zu einer Art Landschaft werden zu lassen. Da Landschaftsarchitektur, anders als klassische Architektur, soft ist, sich graduell verändert (je nach Klima und Jahreszeit), interessierte es mich, weiches Material zu nutzen, welches zum Träger von Bildern werden konnte: bedruckte Kunstseide. Auf die Seidenobjekte waren Collagen aus Abbildungen von Topotek-1-Projekten digital gedruckt; sie wurden quasi zu einer fiktiven, neuen Erzählung. Insbesondere in der GfZK Leipzig war es ein großes sommerliches Vergnügen, eine andere Art Architektur in die gegebene Architektur des Museumspavillons zu bringen und die ausgestellten Kunstwerke von Rosemarie Trockel, Jun Yang, Hanns Joosten, Superflex und Iwan Baan mit den skulpturalen Seidenobjekten und den farbigen Kompositionen auf den Wänden zusammentreffen zu lassen. Auf eine unerwartete Weise waren diese Seidenobjekte auch „kindred spirits“ der Inflatables von Topotek 1.

Barbara Steiner: Siehst du einen Unterschied zu deiner Praxis, und wenn ja, welchen?

Oliver Klimpel: Ich denke, mit Topotek 1 ganz klar ein gemeinsames Interesse an der Wirkung von gestalteter Umgebung in eine Öffentlichkeit oder Halböffentlichkeit hinein zu haben. Und auch das Vergnügen, mit Standards und Klischees zu brechen. Mein Hintergrund ist aber ein anderer. Ich komme ja ursprünglich aus dem Grafikdesign, und grafische Sprachen sind nach wie vor ein wichtiger Teil meiner Auseinandersetzung, nicht nur in meiner Arbeit am Buch. Meine Praxis hat immer schon eine große Nähe zu bestimmten Bereichen der Kunst gehabt. Das hat sicherlich neben den speziellen Kunsthochschulen in Leipzig und London, an denen ich studiert habe, auch mit den Orten zu tun, an denen ich dann unterrichtet habe. Über das Ausstellungsdesign und die künstlerische Lehre, in der ich stets auf Inhaltliches, substanzielle historische Recherchen und Konzepte fokussiert habe, hat sich eine Praxis herausentwickelt, die eben auch zunehmend in architektonischen Räumen agiert. Das ist eine etwas ungewöhnliche und absichtsvoll weit aufgefächerte Praxis, die den oft sehr pragmatischen Entscheidungsdrang des Designs durch die Sensibilität der Kunst und eine kritische Hinterfragung wieder versucht einzufangen!

Das Interview führte Barbara Steiner.

Oliver Klimpel (*1973) studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und dem Royal College of Art London. In seiner diversen Praxis bewegt er sich an mehrdeutigen, mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladenen Schnittstellen von Kunst, Design und Architektur und beschäftigt sich mit institutionellen Räumen und Identitätsfragen – mittels Display, Installationen und Publikationskonzepten.

Oliver Klimpel entwickelte aus Anlass der Ausstellung Creative Infidelities von Topotek 1 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig eine immersive Installation, die bei verschiedenen realisierten Projekten der Landschaftsarchitekten ihren Ausgangspunkt nahm. Foto: Jane Kung
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