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Architecture
19. Juni 2020

Community Check #6

Bei NXT A steht das A für architecture – und für die Menschen dahinter. In unserer neuen Porträt-Serie stellen wir Euch kluge Köpfe der Architektur-Szene vor: Was bewegt sie? Was lesen sie? Worüber denken sie nach? Und welchen Blick haben sie auf die Welt? Wir haben nachgefragt, Ihr geantwortet. Max von Werz verbindet einiges mit Mexico: Seinen Wohnort, seinen Arbeitsplatz und seinen neusten Designer-Favoriten – den Stuhl „San Miguelito“ von Michael van Beuren

Max von Werz wurde in Montreal geboren, wuchs in München und New York auf und lebt derzeit in Mexico City. Architektur studiert hat er an der Architectural Association School of Architecture in London. Nachdem er sieben Jahre lang als Projektleiter bei den Büros David Chipperfield Architects und Tatiana Bilbao Estudio Erfahrung sammelte, gründete er 2013 ein Architekturbüro unter eigenem Namen und mit besonderem Interesse am Bauen im Bestand. Finden kann man ihn auf Instagram unter @maxvonwerz

Dein Must-Have-Designerklassiker?
Ich denke, der Stuhl als Möbeltypus ist einer der anspruchsvollsten Entwurfsaufgaben und somit die definitive Messlatte für die Fähigkeiten eines Designers. Viele von uns Architekten halten sich gerne für Alleskönner, doch scheitern wir meistens kläglich an dieser so essenziellen gestalterischen Aufgabe. Zu den Ausnahmen gehört mein neuester Favorit, der Stuhl „San Miguelito“ von Michael van Beuren. Nachdem der New Yorker Architekt in den 1930ern unter Mies van der Rohe am Bauhaus studierte, zog er nach Mexico City und baute dort eines der ersten Fabriken für moderne seriengefertigte Möbel auf. Sein „San Miguelito“ war eine zeitgemäße Neuinterpretation der traditionellen Mexikanischen „butaque“, ein niedriger Lehnstuhl mit kolonialen und mesoamerikanischen Stileinflüssen. Heute wird das Sitzmöbel in verschiedenen Varianten als Neuauflage von der Firma Luteca produziert.

Welches Buch liest Du gerade am liebsten und warum?
Zu meinem Glück hat meine Lieblings-Architekturbuchhandlung Werner in München auch während des Corona Lockdown weiterhin Bestellungen angenommen. In meinem letzten Päckchen kam unter anderem das wundervolle Buch „Schöpferische Wiederherstellung“ mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Klaus Kinold, das letztes Jahr parallel zu einer gleichnamigen Ausstellung in der Architekturgalerie München erschien. Im Fokus steht hier die Rekonstruktion kriegsbeschädigter Bauten, bei denen deutsche Architekten wie Hans Döllgast und Josef Wiedemann eine wegweisende Philosophie für den zeitgerechten und unverfälschten Umgang mit historischem Bestand entwickelten. Mit der heutigen Dringlichkeit aufgrund der Klimakrise, überholte Bausubstanz aufzuwerten, anstatt abzureißen und zu ersetzen, erscheinen die zentralen Konzepte dieser kritischen Wiederaufbauten, wie zum Beispiel der Alten Pinakothek in München, so nützlich und aktuell wie je.

Auch warte ich gerade gespannt auf meine nächste Lieferung mit dem Buch „Being the Mountain“, eine Forschungsarbeit, welche das mexikanische Architekturbüro Productora und seine Studenten zum Thema radikaler Architektur am Hang entwickelt haben.

Was ist Dein Lieblingsplatz in Mexico City?
Einer der größten Stadtparks der westlichen Hemisphäre und einst das königliche Jagdrevier der aztekischen Herrscher – der Bosque de Chapultepec. Die Hauptattraktionen sind die Museen: In einem Pyramiden-inspirierten Brutalistenbau aus gestocktem Sichtbeton zeigt das Museo Tamayo internationale zeitgenössische Kunst. Nicht unweit ist das Anthropologische Nationalmuseum. Der moderne 80.000-Quadratmeter-Bau von 1964 von Pedro Ramírez Vázquez greift die gewaltigen Proportionen der präkolumbischen Stadt Teotihuacán auf und besitzt die wichtigste Sammlung mesoamerikanischer Artefakte. Besonders interessant ist jedoch, wie innen und außen, Architektur und Landschaft, nahezu nahtlos ineinander übergehen. Die Galerien des Museums sind als lockeres Ensemble um einen zentralen Hof gruppiert, von dem aus immer wieder Blicke vom umliegenden Park erhascht werden können. Ein 4.300 Quadratmeter großer Betonschirm ragt auf einer einzelnen Stütze empor und schützt vor dem Regen. Viele der Exponate sind in intimen Außenhöfen, Gärten und Terrassen zur Schau gestellt. Hier kann man genüsslich frei umherschlendern – ein lebhafter Kontrast zu so vielen der großen Markenmuseen, die heutzutage zu kulturellen Förderbändern geworden sind.

Was wird das erste sein, was Du nach der Ausgangsbeschränkung tust?
Es wird hier noch etwas länger dauern bis die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden können. Ein Großteil der mexikanischen Bevölkerung lebt von der Hand in den Mund und hat gar nicht erst das Privileg, sich sozial zu distanzieren. Umso mehr hat der Rest der Bevölkerung die Verantwortung, sich abzuschotten und die Kurve flach zu halten. Ich freue mich aber schon sehr darauf, meine Freunde und Kollegen zu sehen und auf die Mittagessen, die sich oftmals bis in die späte Nacht ziehen. Hier herrscht in der lokalen kreativen Szene eine außerordentliche Kameradschaft mit einem besonderen Gefühl der Großzügigkeit. Man arbeitet zusammen, man unterstützt sich gegenseitig und man versteht, dass der Austausch an Ideen uns und unseren Beitrag zur Gesellschaft bereichert. Ich vermisse dieses Zwischenmenschliche.

Eine Manifestation dieses Phänomens ist die Architekturgalerie LIGA, die als Plattform für die Ausstellung und Diskussion aufstrebender lateinamerikanischen Architektur geschaffen wurde. Ich bin gespannt die aktuelle Ausstellung des brasilianischen Architektenquartetts „Terra e Tuma“, die momentan online präsentiert ist, in Person besuchen zu können.

Worin siehst Du bei den aktuellen Geschehnissen um Covid-19 die Herausforderung/Chance Deiner Branche?
Ich denke, die größere Herausforderung für die Baubranche, aber natürlich auch für die Menschheit als Ganzes, ist und bleibt der Klimawandel. Es besteht eine beträchtliche Gefahr, dass wir das, in Anbetracht der von der Pandemie verursachten wirtschaftlichen Krise, aus den Augen verlieren. Die Entscheidung, Wiederaufbaufonds zu verwenden, um entweder den alten Status quo schnellstmöglich wiederherzustellen oder den Übergang in eine umweltfreundlichere Wirtschaft zu beschleunigen, wird unsere Welt post-Covid maßgeblich bestimmen. Die Pandemie führt uns vor Augen, dass globale Probleme lokale Auswirkungen haben und dass wir besonders in Hinsicht auf den Klimawandel alle im gleichen Boot sitzen und solidarisch an einem Strang ziehen müssen. Hoffnung gibt mir das neue Vertrauen in die Wissenschaft, das das Coronavirus bei einer erstaunlichen Mehrheit geweckt hat.

 

Übrigens: Wie Max die Metropole Mexico City erlebt, verrät er auf topos in der Metropolis Explained. Auf baumeister.de spricht er über seine Architekturwurzeln, eine von ihm erweiterte denkmalgeschützte Flachsbrechstube im Chiemgau und was beides verbindet.

 

 

Bauen im Bestand ist dem Architekten Max von Werz quasi in die Wiege gelegt worden: Sein Großvater, der Architekt Helmut von Werz hatte eine wichtige Rolle beim Aufbau der Münchner Nachkriegsarchitektur. Foto: Vicky Reyes